(Kritische) Bilanz zum EU-Popmusik-Projekt „Baltic Culture Wave“

Von Bürokratie, Bekanntschaften und bleibenden Fragen

1. Oktober 2013
Wolfgang Schmiedt und Arne Papenhagen (Foto: PopKW)
Wolfgang Schmiedt und Arne Papenhagen (Foto: PopKW)

Am 30. September endete das EU-Projekt „Baltic Culture Wave“, das Macher und Förderer von Popmusik aus dem Ostseeraum unter der Ägide des Rostocker Kulturamts näher zusammenrücken sollte. Was es der Hansestadt gebracht hat, was nicht und wie es um die Popmusik-Szene an der Warnow bestellt ist, darüber plaudern Wolfgang Schmiedt und Arne Papenhagen vom Landesverband für populäre Musik & Kreativwirtschaft M-V (PopKW) im Interview.

Frage: Was haben 19 Monate „Kultur-Welle im Ostseeraum“ Rostock gebracht?

Wolfgang Schmiedt: Ziel war zum Einen, Initiativen wie die PopKW, die junge Bands, Klubs, Festivals im Bereich Popularmusik fördern, im baltischen Raum zu vernetzen. Außerdem sollten die Möglichkeiten einer solchen Zusammenarbeit gezeigt werden: Mit zwei künstlerischen Projekten, die sich bei Erfolg als regelmäßige Veranstaltung etablieren. Das waren die „Hafensinfonie“ bei der Warnemünder Woche 2012 und der „Hafendialog“ in Gdynia im vergangenen Juli, bei denen Musiker aus den Teilnehmerländern Dänemark, Schweden, Litauen, Polen und Deutschland mitgemacht haben.

Geldquelle für neue Hafensinfonie gesucht

Frage: Wird es nun in Rostock alle fünf Jahre eine „Hafensinfonie“ geben?

Wolfgang Schmiedt: Mein Ziel ist das. Ich habe nur noch nicht den verlässlichen Geldgeber dafür entdeckt. Die Musiker wären alle sofort dabei. Es wäre mein Traum eine Karawane zu bilden, die durch die Ostseeanrainerstaaten zieht, zum Beispiel zu den Seglertreffen in den verschiedenen Hafenstädten. Es hängt einfach an der Frage der Finanzierung – und darauf haben wir bei dem EU-Projekt nicht wie erhofft eine Antwort gefunden.
Jetzt gibt es erst mal Bemühungen, nächstes Jahr in Klaipeda etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen wie im Juli in Gdynia. Ob das gelingt, hängt wieder auch vom Geld ab. Von der EU gibt es dann keins mehr.

Frage: Und was haben Rostocks Musiker von dem EU-Projekt?

Wolfgang Schmidt: Zwei Beispiele: Einer der Teilnehmer aus Rostock, Martin Pollok, wollte schon länger einen Song mit einem schwedischen Text schreiben. Dabei haben ihm nun die Schweden, die er vergangenes Jahr im Rahmen des Projekts kennen gelernt hat, geholfen. Ich habe einen dänischen Akkordeonspieler kennen gelernt, mit dem ich gern eine CD aufnehmen würde.

Arne Papenhagen: Neben der musikalischen Ebene zur Vorbereitung der Konzerte gab es Netzwerktreffen mit Teilnehmern aus allen Partnerländern, bei dem Projekte für die kommenden Jahre entwickelt werden sollten. Zu dem in Gdynia hatten wir junge Musiker aus Rostock mit, die sich dort Locations angeschaut und mit Veranstaltern ausgetauscht haben, um eventuell dort aufzutreten. So etwas wird nun öfter passieren, dass Bands von hier dahin fahren oder umgekehrt. Über die PopKW kann jetzt jeder auf unsere Kontakte in den Partnerstädten zurückgreifen für eine Zusammenarbeit welcher Art auch immer. Wenn jemand in Polen ein Elektronikfestival veranstalten will, kann er über seinen Netzwerkpartner dort bei uns anfragen, ob jemand von hier dort auftreten kann.

Wolfgang Schmiedt: Absichtserklärungen gibt es immer eine ganze Menge. Was daraus wird, ist eine andere Sache.

Bürokratischer Aufwand ohne Profis nicht zu wuppen

Frage: Es scheint, das Projekt mit einem Budget von immerhin gut 200 000 Euro hat nicht alles gebracht, was Sie erwartet haben?

Wolfgang Schmiedt: Das kann man so sagen. Es hat auch Antworten gebracht, auf die wir nicht gewartet haben. So gäbe es im kommenden Jahr die Möglichkeit eines EU-Projekts im Bereich Popularmusik für den Ostseeraum und Kanada. Ich habe in Kanada dafür geworben – die haben nur abgewinkt. Für die ist das alles viel zu kompliziert. Mit der EU-Antragstellerei und so. „Wenn Ihr was machen wollt, dann machen wir was. Aber lass’ uns mit Interreg und EU zufrieden“, haben sie gesagt.

Das ist in anderen, strukturiert fördernden Staaten wie Dänemark und Schweden ähnlich. Ich verstehe jetzt, warum. Sie haben keine Lust, sich auseinanderzusetzen mit dieser ganzen Bürokratiehürde, die vor einem aufgetürmt wird und an den eigentlichen Erwartungen und Bedürfnissen vorbei schießt.

Profis wie unsere Projektleiterin Christa Dziallas, die sich mit den Kollegen vom Kulturamt darum gekümmert hat, können damit umgehen. Aber ich habe den Eindruck, bei dem Aufwand, den man für den ganzen Verwaltungskram betreiben muss, verpufft ein großer Teil der Energie, die man für die inhaltliche Arbeit bräuchte.

Frage: Ist denn, abgesehen von den zwei Konzerten in Warnemünde und Gdynia, etwas Handfestes herausgekommen in den fast eineinhalb Jahren „Baltic Culture Wave“?

Wolfgang Schmiedt: Ja. Die Webseite www.baltic-culture-wave.eu. Mit einer Datenbank, über die man schnell Zugriff haben soll auf das, was gemacht worden ist. Aber bislang ist die nur von uns, von deutscher Seite, befüllt worden.

Jennifer Rostock – ein exzellentes Beispiel

Frage: Wie ist es denn um die Popmusikszene in Rostock bestellt? Auswärtigen fällt da wahrscheinlich nur „Jennifer Rostock“ ein…

Wolfgang Schmiedt: Das ist ein exzellentes Beispiel dafür, was Netzwerke und Förderung bewirken können. Bei einem unser alljährlichen Bandtreffen war die Sängerin mit ihrem Partner dabei. Einer der Dozenten in den Workshops war ein Produzent aus Berlin. Er fand sie so irre, dass er gesagt hat, kommt doch nach Berlin, wir probieren mal was. Er konnte sich ihren Namen nicht merken und notierte sich dann Jennifer, Rostock. So kam es zu dem Bandnamen.

Frage: Abgesehen von dieser Band – wie würdet Ihr die Popularmusikszene in Rostock beschreiben?

Wolfgang Schmiedt: Ziemlich klein. Erstaunlich selbstzufrieden. Ein bisschen bunter, als man denkt.

Arne Papenhagen: Das Zentrum in Mecklenburg-Vorpommern. Ich finde sie überraschend vielfältig – aber ich komme aus Güstrow. Leider ist der Schwund sehr groß. Wer was reißen will, geht nach Berlin oder Leipzig.

Wolfgang Schmiedt: Offenbar ist das Umfeld nicht dafür gemacht, solche Musiker zu halten. Es gibt wenige Labels und kaum noch Bühnen, auf denen sie auftreten können. Das war mal anders. Als es noch schick war, dass in den Kneipen abends jemand spielte. Als man noch wusste, montags kannst Du hierhin gehen, dienstags dorthin und dann spielt da jemand. Es gibt nur noch Ausnahmeereignisse wie die „Honky Tonk Night“.

Arne Papenhagen: Viele kommen hierher, entwickeln sich toll. Aber wenn sie eine bestimmte Größe haben wollen, dann müssen sie weg.

Rostocks Musikern fehlt die Bühne

Frage: Ist das nicht generell ein Problem für Städte von Rostocks Größe?

Wolfgang Schmiedt: In Freiburg steht an jeder Kneipentafel dran, was morgen wieder los ist. Mannheim ist nicht viel größer als Rostock – und hat sich zur Pop-Hauptstadt der Bundesrepublik entwickelt.

Frage: Rostock ist in Sachen Popmusik Provinz?

Wolfgang Schmiedt: Geworden. Es gab einen kurzen Anflug von „es könnte mehr werden“. Ich träume immer noch davon, eine Gravitationskraft für Rostock zu finden, die Musiker anzieht, anstatt sie wegzustoßen.

Frage: Was steht nun, nach Ende des „Baltic Culture Wave“, an für die PopKW?

Arne Papenhagen: Das Landesrockfestival am 26. Oktober im Mau-Club. Das alljährliche Bandtreffen mit Workshops im November. Und in den Oktoberferien haben wir im Rahmen unseres Projektes „Pop To Go“ ein Camp für Jugendliche in Bröllin, bei dem sich alles um Rhythmus und Stimme dreht. Dabei sind unter anderem Tim Neuhaus und Florian Holoubek, zwei Spieler von der „Blue Man Group“.

Weitere Informationen zum Projekt „Baltic Culture Wave“ und zur PopKW: http://www.popkw.de/projekte/baltic-culture-wave.html

Quelle: PopKW

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1 Kommentar

  • asfjnhkjsen sagt:

    vieleicht könnte man besser vernetzen, würde man die popularabteilung der hmt mit ins boot holen. warum nicht mit studierten musikern und pädagogen arbeiten?

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