Eröffnungskonzert: „Wien 1910“ in der HMT

Kammermusikfestival im Katharinensaal eröffnet

22. Mai 2010, von
Yasuko Sugimoto und Pauline Reguig
Yasuko Sugimoto und Pauline Reguig

Das klang nicht gerade sehr harmonisch, was ich da am Dienstagabend während des Eröffnungskonzertes des Kammermusikfestivals „Wien 1910“ der Hochschule für Musik und Theater (HMT) im Katharinensaal vernahm. Pauline Reguig spielte Violine und Yasuko Sugimoto Klavier. Doch die Tonabfolgen beider Instrumente schienen mir, kaum aufeinander abgestimmt zu sein. Ein paar Anschläge auf dem Klavier, eben noch leise, dann plötzlich laut. Dazu die Geige, deren Töne ganz für sich allein dahinzuklingen schienen. Qietschig hoch, in schnellem Tempo, dann ein jeher Abbruch. Stille. Plötzlich ging es weiter. Ich hatte keine Melodie erkennen können. Die Musik wühlt innerlich auf, dient aber wohl kaum der Entspannung.

Nur, weil ich sie nicht so recht verstehe, heißt das allerdings noch lange nicht, dass es keine großartige Musik ist. Es war nur das erste Mal, dass eine moderne Komposition in meine Ohren drang. Und an das Fehlen jeglicher Melodie müssen diese sich wohl noch ein wenig gewöhnen.

Jan Philipp Sprick und Prof. Dr. Birger Petersen
Jan Philipp Sprick und Prof. Dr. Birger Petersen

Das Stück „Fantasie für Violine und Klavier op. 47“ komponierte Arnold Schönberg 1949. Er war ein Wegbereiter der modernen Musik und seine Kompositionen waren Teil des musikalischen Programms des fünften Kammermusikfestivals der HMT.

Erstmals war dieses nicht dem Werk eines einzelnen Künstlers gewidmet. Stattdessen nahm man das musikhistorisch bedeutsame Schwellenjahr 1910 und die Stadt Wien in den Fokus.

Worum geht es? Der Dozent, Jan Philipp Sprick und Prof. Dr. Birger Petersen hatten die künstlerische Leitung des Festivals übernommen und gaben, nachdem sie das Publikum herzlich begrüßt hatten, eine kleine Einführung in das Thema. 1910 fand ein musikalischer Epochenwechsel statt. Die romantische Musik wurde von modernen Kompositionen abgelöst und eine neue musikalische Ära begann. Wien war zu jenem Zeitpunkt ein Zentrum der Musikkultur. Der Titel „Wien 1910 – Aufbruch in die Moderne“ verweist also auf eine aufregende Zeit der Veränderungen und des Wandels an einem bedeutenden Ort.

Herausragende Komponisten jener Tage waren neben Arnold Schönberg, Gustav Mahler, Alban Berg, Erich Korngold und Hanns Eisler. Sie waren es, die mit ihrer kompositorischen Arbeit die Musik des 20. Jahrhunderts initiierten. Ihre Kompositionen bildeten deshalb auch einen Schwerpunkt des Festivals.

Lukas Umlauft
Lukas Umlauft

Nun aber zurück zum Eröffnungskonzert. Es begann mit Lukas Umlauft. Er trug, noch bevor irgendein Musiker sein Instrument ergriff, den „Prolog zu Lysistrata des Aristophanes“ von Hugo von Hofmannsthal vor. Dieser österreichische Schriftsteller gilt als einer der wichtigsten Repräsentanten der Wiener Moderne, also genau jener Zeit, der das sich Festivalprogramm verpflichtete. Als einsamer Dramaturg stellte sich Lukas Umlauft dem Publikum gegenüber und sprach über Kultur, Gelehrsamkeit, das Theaterschaffen und eine „gigantische Komödie“.

Streichquartett zum Kammermusikfestival in der HMT
Streichquartett zum Kammermusikfestival in der HMT

Dann wurde ein „Langsamer Satz für Streichquartett“ von Anton Webern vorgetragen. „Hach“, da war sie wieder, die Melodie. Ich konnte mich in das Stück hinein versenken und davon in weite Fernen tragen lassen. Ein einzigartiges Wechselspiel der Gefühle bot sich mir dar.

Später erfuhr ich, dass es 1905 entstand. Das bedeutet, es steht noch deutlich in der Tradition der Spätromantik, ist also noch nicht ganz so modern, wie das von Arnold Schönberg eingangs von mir erwähnte Stück.

Kammerensemble in der HMT
Kammerensemble in der HMT

Vor der Pause wurden noch Schönbergs „Drei Stücke für Kammerensemble“ von 1910 vorgetragen. Wieder schienen mir die Instrumente kaum aufeinander bezogen zu sein. Und wieder gab es abrupte Pausen und scheinbar frei assoziierte Tonabfolgen. Schönberg mied ganz bewusst Schematismen und formelhafte Wiederholungen und schuf auf diese Weise Kompositionen, die eine ganz neue, zuvor nie dagewesene und besondere Ausdrucksstärke besitzen. In der Tat bewegten mich die Stücke. War doch kein Ton vorhersehbar. Ein Umstand, der meine innere Anspannung nicht versiegen ließ.

Concertino Ensemble in Rostock
Concertino Ensemble in Rostock

Während der Pause gönnte ich mir, wie so einige Konzertbesucher einen leckeren Weißwein und fragte mich: „Gibt es eigentlich Entspannungsübungen für die Ohren? Ohr-Yoga?“.

Als dann wieder alle Freunde der modernen Kammermusik ihre Sitzplätze im Katharinensaal gefunden hatten, begann der zweite Teil des Festival-Auftakt-Konzertes. Vorgetragen wurde ein von Franz Schubert komponiertes „Streichquartett d-Moll D 810“, das Gustav Mahler überarbeitet hatte. Auch er stand mit seinem Werk auf der Schwelle zur modernen Musik und seine Kompositionen markieren den Übergang von der Spätromantik zur Moderne. So berief sich neben vielen auch Arnold Schönberg vielfach auf ihn. Das Stück gefiel mehr sehr und ich konnte wohltuend dahin schwelgen.

Im Rahmen des diesjährigen Kammermusikfestivals erklangen allerlei Kammermusikkonzerte. Auch ein Lieder- und Klavierabend sowie die Lesung: „Verflossen ist das Gold der Tage …“ mit Texten von Georg Trakl und Hugo von Hofmannsthal wurden geboten. Das vielseitige Programm sorgte ganz sicher nicht nur bei mir für interessante musikalische Erlebnisse und aufschlussreiche Erkenntnisse über den kammermusikalischen „Aufbruch in die Moderne“ im Wien von 1910.

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