Ausstellung über Richard Siegmann im Max-Samuel-Haus

Stiftung Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur Rostock erinnert an Leben und Wirken des Rostocker Straßenbahndirektors

6. September 2011, von
Modelle von historischen Bussen und Bahnen als Leihgabe der Rostocker Nahverkehrsfreunde
Modelle von historischen Bussen und Bahnen als Leihgabe der Rostocker Nahverkehrsfreunde

Ohne das Gebimmel der Straßenbahnen wäre Rostock um einige Klänge ärmer. Seit 130 Jahren befördert die Rostocker Straßenbahn AG (RSAG) mit ihren Bussen und Bahnen nun schon die Fahrgäste in unserer Hansestadt. Ihr Wachstum war dabei immer eng mit der Erweiterung des Straßenbahnnetzes verknüpft.

Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hatte der in Berlin geborene Kaufmann Richard Siegmann. Mit 26 Jahren zog er 1898 nach Rostock und übernahm hier die Direktion der Rostocker Straßenbahn, die damals noch Mecklenburgische Straßen-Eisenbahn AG (MSEAG) hieß. Seine erste große Aufgabe bestand darin, die seit 1881 eingesetzte Pferdebahn auf eine elektrische Bahn umzustellen. Im Mai 1904 nahm sie schließlich ihren Betrieb auf.

Über drei Jahrzehnte prägte er nicht nur das Unternehmen, sondern engagierte sich auch in der Bürgerschaft und in zahlreichen Vereinen für die Rostocker Stadtgesellschaft.

Hannelore Küchenmeister vor einem Foto, das ihren Großvater und Richard Siegmann zeigt
Hannelore Küchenmeister vor einem Foto, das ihren Großvater und Richard Siegmann zeigt

Hannelore Küchenmeister, Enkelin des engsten Mitarbeiters Siegmanns, hat den Herrn Direktor, wie er oft genannt wurde, noch persönlich kennengelernt. Sie erinnert sich an die vielen Geschenke, die er auf den Weihnachtsfeiern verteilte. „Er war sehr großzügig. Den Mitarbeitern ging es so gut unter der Leitung von Richard Siegmann“, schwärmt die heute 84-jährige Lübeckerin. Gut im Gedächtnis ist ihr auch die letzte Begegnung zwischen ihm und ihrem Großvater im September 1935 geblieben. „Richard Siegmann hatte sich angemeldet, was an sich nie vorkam. Die beiden zogen sich in das sogenannte Herrenzimmer zurück. Nach einer Stunde kamen sie heraus und beide hatten Tränen in den Augen.“ Auf ihre Frage, warum sie weinten, erhielt die damals Neunjährige keine Antwort. Erst als Erwachsene erfuhr sie von seinem Schicksal.

Die Adresse Schillerplatz 3 war der Wohnsitz der Familie Siegmann
Die Adresse Schillerplatz 3 war der Wohnsitz der Familie Siegmann

Durch die nationalsozialistische Gesetzgebung war Richard Siegmann als Jude gezwungen, alle Ämter aufzugeben. Auch als Direktor der Straßenbahn wurde er entlassen. Mit seiner Familie zog er im Herbst 1935 nach Berlin. Im März 1943 wurde er ins Konzentrationslager nach Theresienstadt deportiert, wo er im Oktober an Hunger starb.

Heute erinnern eine Straße in Reutershagen, ein Stolperstein an der Straßenbahnhaltestelle vor dem Rathaus und eine nach ihm benannte Stiftung an Richard Siegmann.

Historiker Dr. Jan-Peter Schulze
Historiker Dr. Jan-Peter Schulze

„In jeder Hinsicht ein bedeutender Rostocker“, würdigt Dr. Jan-Peter Schulze den Rostocker Straßenbahndirektor. In den letzten drei Jahren hat sich der Historiker intensiv mit dem Leben Richard Siegmanns beschäftigt. In Archiven und Bibliotheken hat er dafür geforscht und mit Zeitzeugen gesprochen. Vieles galt es aufzuarbeiten, denn bis zum Anfang der 1990er Jahre war der jüdische Unternehmer aus dem öffentlichen Bewusstsein der Rostocker nahezu verschwunden.

Eine wichtige Grundlage für seine Arbeit hatte zuvor schon Frank Schröder geleistet. 1987 und 1992 nutzte der wissenschaftliche Projektleiter im Max-Samuel-Haus die Gelegenheit, Richard Siegmanns Tochter intensiv zu befragen.

Richard Siegmann Ausstellung im Max Samuel Haus
Richard Siegmann Ausstellung im Max Samuel Haus

Passend zum Straßenbahnjubiläum haben die beiden Historiker nun zahlreiche Dokumente und Fotos für eine Ausstellung im Max-Samuel-Haus zusammengestellt, die über das Leben und Wirken des früheren Straßenbahndirektors informiert.

Noch bis zum 2. März 2012 kann sie dienstags bis freitags von 10 bis 16 Uhr und nach Vereinbarung besichtigt werden. Der Eintritt kostet zwei Euro. Für Besucher bis 18 Jahre ist er frei.

Die Forschungsergebnisse zu Richard Siegmann hat Jan-Peter Schulze darüber hinaus in einem Buch zusammengefasst. „Richard Siegmann … Aber wir waren Deutsche“ wird am 6. Oktober um 18 Uhr in einem Gespräch mit Autor und den Verlegern Redieck & Schade im Max-Samuel-Haus vorgestellt.

Schlagwörter: Jüdische Gemeinde (11)Max-Samuel-Haus (4)Richard Siegmann (5)RSAG (142)Straßenbahn (98)

Das könnte dich auch interessieren:

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Hiermit stimme ich der Veröffentlichung meines Kommentars sowie der Speicherung und Verarbeitung meiner Daten incl. meiner IP-Adresse gemäß der Datenschutzerklärung zu.