Marie Bloch - Ausstellung im Max-Samuel-Haus

Stiftung Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur Rostock erinnert an Leben und Wirken der Rostocker Reformpädagogin und Kindergärtnerin

6. März 2011, von
Kinder der Tagesstätte Marie Bloch singen und tanzen vor dem Porträt der Rostocker Reformpädagogin im Max-Samuel-Haus
Kinder der Tagesstätte Marie Bloch singen und tanzen vor dem Porträt der Rostocker Reformpädagogin im Max-Samuel-Haus

Erinnert sich vielleicht noch jemand an „Tante Mieze“? Wenn ja, dann sicherlich nur die älteren unter unseren Lesern. Denn „Tante Mieze“ wirkte bereits in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts in Rostock. Aber vielleicht ist man ihrem bürgerlichen Namen, Marie Bloch, schon einmal begegnet. Am Beginenberg beispielsweise, wo eine Kindertagesstätte nach ihr benannt wurde oder vor dem Haus in der Paulstraße 5, wo ein Stolperstein an sie erinnert.

Eine Ausstellung der Stiftung Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur Rostock im Max-Samuel-Haus widmet sich noch bis zum 7. Juli dem Leben und Wirken der Rostocker Reformpädagogin und Kindergärtnerin Marie Bloch, die auch liebevoll „Tante Mieze“ genannt wurde.

Kuratorin und Historikerin Steffi Katschke hat zahlreiche Dokumente, Briefe, Fotos und auch altes Spielzeug aus Archiven und von Privatpersonen zusammengetragen, um Marie Blochs Leben von der Geburt, über ihre Kindheit, Ausbildung und Tätigkeit in Rostock bis zu ihrem Tod nachzuzeichnen.

Geboren 1871 als fünftes von sieben Kindern des Verlagsbuchhändlers Adalbert Bloch, wuchs sie in wohlhabenden Verhältnissen auf. Sie ließ sich an einem Lehrerinnenseminar ausbilden und absolvierte später eine Weiterbildung zur Kinderpflegerin am Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin.

in der Paulstraße 5 befand sich der "Fröbelsche Kindergarten mit angeschlossener  Kinderpflegerinnenschule" von Marie Bloch
in der Paulstraße 5 befand sich der "Fröbelsche Kindergarten mit angeschlossener Kinderpflegerinnenschule" von Marie Bloch

Nach Rostock kam Marie Bloch 1908. Hier kümmerte sie sich zunächst um den Haushalt ihres Bruders und die Versorgung seiner Kinder. Zwei Jahre später gründete sie ihren eigenen Kindergarten mit angeschlossener Kinderpflegerinnenschule in der Paulstraße 5. „Herausragend daran war, dass sie schon früh Kindergärtnerinnen modern nach den Prinzipien des Pädagogen Fröbel ausbildete“, erzählt Steffi Katschke.

Ihre Arbeit überzeugte. Ab 1919 war Marie Bloch Oberleiterin der städtischen Kinderfürsorge und engagierte sich im Rostocker Frauenverein. Mit ihrer Schule konnte sie jungen Frauen eine gute Ausbildung bieten. Bis Mitte der 1930er Jahre leitete sie ihre Einrichtung erfolgreich. Dann sah sie sich zunehmend den Ausgrenzungen durch die nationalsozialistische Gesetzgebung ausgesetzt, hatte mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen und musste das Haus verkaufen.

Am 11. November 1942 wurden sie mit anderen Rostocker Juden in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort starb sie im April 1944 im Alter von 73 Jahren.

Der Deportationsbefehl zählt zu den bedeutsamsten Exponaten in der Ausstellung, so die Kuratorin. Aber auch die persönlichen Briefe haben bei Steffi Katschke während der Vorbereitung einen starken Eindruck hinterlassen. Neu war für sie die Entdeckung, dass Marie Bloch bereits ein halbes Jahr nach ihrer Geburt evangelisch getauft wurde und nicht, wie bisher angenommen, erst viel später. Da drei ihrer vier Großeltern jedoch jüdisch waren, galt sie in der NS-Zeit als Voll-Jüdin und musste ein grausames Schicksal ertragen.

Kuratorin Steffi Katschke (links) und die ehemalige Bloch-Schülerin Emmi Kaminski (hinten) mit Kindern der Tagesstätte Marie Bloch
Kuratorin Steffi Katschke (links) und die ehemalige Bloch-Schülerin Emmi Kaminski (hinten) mit Kindern der Tagesstätte Marie Bloch

Aber auch Jahrzehnte nach ihrem Tod ist Marie Bloch noch bei vielen Rostockern, die ihren Kindergarten besuchten oder sich ausbilden ließen, in guter Erinnerung. Zu ihnen gehört auch die heute 87-jährige Emmi Kaminski. Als 14-Jährige hatte sie die Pädagogin kennengelernt. „Sie hat sich gleich mit Tante Mieze vorgestellt. So wurde sie von allen genannt und wollte sie auch genannt werden“, erinnert sich Emmi Kaminski an die damals schon ältere „Omi“. Ein halbes Jahr ging sie bei ihr zur Schule und ließ sich zur Kindergärtnerin ausbilden. Als lieb, nett, mütterlich, aber auch streng beschreibt die ehemalige Schülerin ihre Lehrerin. „Ein herzensguter Mensch“, der auch ihre eigene Arbeit in besonderem Maße geprägt hat. „In Ruhe und in Güte erreicht man manches – das war mir selber als Kindergärtnerin wichtig“.

Von weiteren Erinnerungen an „Tante Mieze“ wird voraussichtlich Ende Juni die Großnichte erzählen, informiert Steffi Katschke.

Bis dahin kann die Ausstellung dienstags bis freitags von 10 bis 16 Uhr und nach Vereinbarung besichtigt werden. Der Eintritt kostet zwei Euro. Bis zum 18. Lebensjahr ist er frei. Am 8. und 30. März findet jeweils um 16 Uhr eine Führung mit der Kuratorin Steffi Katschke statt, die vier Euro kostet.

Die Ausstellung zu Marie Bloch gehört zu einer Reihe über jüdische Persönlichkeiten aus Rostock. Zuvor hatte es bereits eine zum Namensgeber des Hauses Max Samuel gegeben. Voraussichtlich ab August ist eine weitere über Richard Siegmann geplant.

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