Nora Bossong: „Webers Protokoll“

Von der Lyrik zur Politik – LiteraTour Nord in Rostock

9. Dezember 2009, von

Nora Bossong & Manfred Keiper bei der LiteraTour Nord Im Rahmen der LiteraTour Nord fand am späten Dienstagabend erneut eine spannende Lesung in der „anderen Buchhandlung“ statt. Dies war nun schon die dritte Lesung in Rostock und auch die dritte Station für die junge Autorin Nora Bossong, die ihr Buch in sechs norddeutschen Städten präsentiert.

Lesungen in der „anderen Buchhandlung“ haben immer einen sehr gemütlichen Charakter. Man muss ein wenig zusammenrücken zwischen den hohen Bücherregalen, aber jeder findet einen Platz und jeder sitzt nah am Geschehen.

Nora Bossong: „Webers Protokoll“ - LiteraTour Nord Nora Bossong, mit Betonung auf der zweiten Silbe, ist außergewöhnlich jung für eine Autorin. Als sie vor Beginn der Lesung noch bei den Literaturstudenten Platz nahm, fiel sie nicht weiter auf. Nur von dem Foto auf den Plakaten habe ich sie erkannt und war mir dennoch nicht ganz sicher. Tatsächlich ist Nora Bossong, geboren 1982, selbst noch Studentin in Berlin und Potsdam.

Manfred Keiper, andere Buchhandlung, LiteraTour Nord Wie üblich gab es zunächst eine knappe Einleitung von Inhaber Manfred Keiper, der uns die Autorin kurz vorstellte. Nora Bossong kam selbst schnell zur Sache und wollte vier Abschnitte aus ihrem Buch „Webers Protokoll“ vorlesen. Während des Lesens sprach sie sehr langsam und mit vielen Denkpausen – es war eine wahre Freude ihr zuzuhören.

„Webers Protokoll“ handelt von dem Diplomaten Weber, der unter Hitler Vizekonsul in Mailand ist und dessen Leben in der heutigen Zeit bruchstückhaft wieder zusammen gesetzt wird. Im Buch wird deutlich, dass Weber keinesfalls ein Unmensch, aber doch ein Könner im Wegsehen und Ausblenden ist. Dabei macht Weber während seiner Geschichte auch Begegnungen mit anderen literarischen Figuren. Diese Begegnungen hält die Autorin für sehr „wahrscheinlich“, da sie literarische Personen für genauso real wie im richtigen Leben halte.

Nora Bossong - „Webers Protokoll“ Während des Lesens stellte sich wohl allen Gästen die gleiche Frage: Warum schreibt eine junge Lyrikautorin einen Roman mit geschichtspolitischen Hintergrund? Moderator Prof. Dr. Lutz Hagestedt trieb es gleich noch etwas weiter, indem er fragte, ob es einen Trend bei jungen Autoren gäbe, über vergangene Zeiten zu schreiben, die sie selbst nicht mehr erlebt haben.

Nora Bossong glaubt nicht an diesen Trend, kann aber glaubhaft erklären, warum sie ihren Roman gerade diesem Thema gewidmet hat. In „Webers Protokoll“ führt sie zwei Themen zusammen, die sie gleichermaßen stark interessieren. Zum einen das diplomatische Milieu, zum anderen der Übergang der 40er und 50er Jahre, in der die Unverwüstlichkeit und Anpassungsunfähigkeit der Menschen deutlich wird. Die vorgekaute und auswendig gelernte Meinung anderer habe sie während ihrer Schulzeit wütend gemacht und schließlich dazu gebracht, sich selbst damit intensiv auseinander zu setzen.

Nora Bossong und Prof. Dr. Lutz Hagestedt Das Buch war ursprünglich sehr einfach geplant, hat sich jedoch mit der Zeit immer mehr entwickelt und ist in seiner Endfassung sehr komplex und von mehreren Stimmen erzählt. Moderator Hagestedt versichert aber eindringlich, dass es sehr spannend und leicht zu lesen ist, auch für die weniger Politikinteressierten unter uns.

Der Abend endet in persönlichen Gesprächen mit der Autorin, die gerne ihre Bücher signiert. Nach Jochen Schimmang und Angelika Overath war mit ihr sicher ein weiterer Favorit für den Publikumspreis der LiteraTour Nord zu Gast.

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