Nonstoplesung von Kempowskis Echolot gestartet

Bis zum Wochenende wird Walter Kempowskis „Echolot“ im Rahmen der Kempowskitage 2013 in der Marienkirche gelesen

24. September 2013, von
 Katrin Möller-Funck liest das Echolot bei der Nonstop-Lesung anlässlich der Kempowskitage 2013
Katrin Möller-Funck liest das Echolot bei der Nonstop-Lesung anlässlich der Kempowskitage 2013

Mitten in der Nacht brennt noch Licht in der Marienkirche. Das Portal steht offen. Vor dem Hauptaltar wird gelesen: der erste Teil von Walter Kempowskis „Echolot“, Tag und Nacht nonstop. Drei gebundene rote Bücher sind in dem Schuber, der auf einem Tisch mit weißer Decke steht. Ganz links ist eine Lücke. Der erste Band liegt auf dem Tisch unter dem Schein einer Stehleuchte. Katrin Möller-Funck liest daraus mit ruhiger, warmer Stimme, die Schlusssilben sauber artikulierend. Sie sitzt auf der vorderen Kante eines schweren Ledersessels, den Kopf in der Nähe eines Mikrofons. Von den eingerüsteten Kirchenmauern hinter ihr pfeift der Wind ein leises dumpfes Klappern in die nächtliche Ruhe. Sie liest vom Schlafen, Reflexionen über die Seele, aus dem Tagebuch von Ernst Jünger, Kommentare zur Kriegslage aus dem Protokoll des Reichskriegsministeriums.

Der Leserin gegenüber im Kreis von Stühlen haben zwei Zuhörer Platz genommen. Der eine hat eine Taschenbuchausgabe des „Echolots“ auf seinen Oberschenkeln und liest mit zusammengekauertem Oberkörper still mit. Auf einer Kirchenbank weiter hinten mit Blick zum Eingang hört ein Helfer zu. Irgendwann geht die zweite Zuhörerin. Es ist 1:20 Uhr. Seit 20 Minuten liest die Leiterin des Kempowski Archivs Rostock schon. Nach einer Stunde wird sie abgelöst.

Der Lübecker Peter Fischer startet die Nonstop-Lesung in der Marienkirche
Der Lübecker Peter Fischer startet die Nonstop-Lesung in der Marienkirche

Um 18 Uhr hatte Peter Fischer, ein älterer Herr, der extra aus Lübeck angereist war, mit dem Lesen begonnen. Er hat sich auch für den Abschluss angemeldet. Der wird für Samstagabend angepeilt. So genau weiß man das aber noch nicht, erklärt eine Mitarbeiterin des Archivs. Viele Kempowski-Fans würden extra nach Rostock reisen. Einige möchten einfach bei diesem Event dabei sein. Stadtprominenz wie der Zoodirektor Udo Nagel, Staatssekretär Sebastian Schröder oder Tobias Woitendorf vom Tourismusverband, Vertreter der Rostocker Literaturszene wie Buchhändlerin Evelyn Röwekamp, Conny Ledwig vom Hinstorff Verlag und das gesamte Team der Geschäftsstelle der Uwe Johnson-Gesellschaft haben sich zum Lesen vormerken lassen. Etwa 300 Leser wollen in der kommenden Woche die vielen Stimmen, die im Echolot Zeugnis aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges geben, zu Gehör bringen.

Für die Nachtstunden gibt es allerdings noch große Lücken, die zwar vom Team des Kempowski-Archivs bestritten werden, aber noch genügend Möglichkeiten für spontane Leser eröffnen. Was wir von Rostock-Heute.de auch glatt mal genutzt und eine halbe Stunde, so die reguläre Vorlesezeit, übernommen haben.

Etwa 300 Leser beteiligen sich an der Nonstop-Lesung bis Samstagabend. Noch gibt es freie Lesezeit, vor allem nachts.
Etwa 300 Leser beteiligen sich an der Nonstop-Lesung bis Samstagabend. Noch gibt es freie Lesezeit, vor allem nachts.

Bereits 2008 gab es in Görlitz eine Nonstop-Lesung des „Echolots“ anlässlich des ersten Todestages des Schriftstellers. Anders als in Rostock wurden hier jedoch alle vier Teile, das heißt zehn Bände gelesen. Auch die Witwe Walter Kempowskis beteiligte sich damals daran. Mit ihren Familienangehörigen saß sie auch gestern im Publikum, als die diesjährigen Kempowskitage mit einer musikalischen Feierstunde eröffnet wurden. Das Morgenstern-Quartett an den Streichinstrumenten präsentierte abwechselnd mit dem Organisten der Marienkirche Karl-Bernhardin Kropf eine Collage aus Musik der 1920er und 1930er Jahre.

Passend zum Inhalt des Buches, das sich mit den ersten beiden Monaten des Jahres 1943 befasst. Tagebucheinträge, Briefe, Alltagszeugnisse und autobiografische Erinnerungen hatte Walter Kempowski in akribischer Fleißarbeit über viele Jahre dafür gesammelt und chronologisch zu einem Zeitgemälde angeordnet, das die Schrecken und Grausamkeiten des Krieges den Alltagsbanalitäten gegenüberstellt.

Eröffnung der Kempowskitage 2013 in der Marienkirche mit dem Morgenstern-Quartett
Eröffnung der Kempowskitage 2013 in der Marienkirche mit dem Morgenstern-Quartett

Neben seiner „Deutschen Chronik“ gilt das 1993 erschienene Projekt „Echolot“ als eines der Hauptwerke des 1929 in Rostock geborenen Schriftstellers. „Die Hansestadt Rostock habe seinem Ehrenbürger sehr viel zu verdanken. In seinem Werk ist sein Geburtsort nicht nur Kulisse, sondern prägender Inhalt“, würdigte Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens den Autor. Pastor Tilman Jeremias wies auf die enge Verbindung Walter Kempowski mit der Marienkirche hin, für die er einst die Sonnenuhr am Hauptportal stiftete und in der auch eine große Trauerfeier nach seinem Tod stattfand.

In dieser Woche also die Marathonlesung des Echolots. Um 2 Uhr nachts wird Katrin Möller-Funck abgelöst. Sie stellt dem Leser einen kräftigen, warmen Kräutertee neben das Wasserglas. Nach einer halben Stunde läutet sie ein zartes Glöckchen. Der Nächste ist dran.

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