Die Spuren der Familie Kempowski vor und nach 1990

Stadtrundgang durch Rostock im Rahmen der Kempowski Tage

24. Oktober 2010, von
Kempowski-Archiv
Kempowski-Archiv

Der Schriftsteller Walter Kempowski wurde in Rostock geboren. Hier lebte seine Familie. Hier besuchte er die Schule. Auch in seinem literarischem Werk spielt die Hansestadt eine zentrale Rolle. In vier seiner Romane bildet Rostock den Schauplatz der Handlung.

Viele Orte in der Stadt lassen sich daher mit Walter Kempowski, seinen Familienangehörigen und Romanfiguren verknüpfen. Einige hatte Gerd Hosch vom Kempowski-Archiv für einen zweistündigen Stadtrundgang ausgewählt. Im Rahmen der Kempowski Tage führte er Interessierte auf den „Spuren der Familie Kempowski“ und wusste dabei viele Anekdoten aus dem Leben des Schriftstellers zu erzählen.

Universitätskirche
Universitätskirche

Startpunkt war das Kempowski-Archiv im Hof des Klosters zum Heiligen Kreuz, wo seit 1993 Teile des Werkarchivs des Schriftstellers aufbewahrt werden. Die erste Spur fand sich gleich gegenüber: die Universitätskirche. Hier wurde Walter Kempowski konfirmiert. Der Festakt zur Verleihung des Hans-Erich-Nossack-Preises des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft, mit dem das Lebenswerk des Autors gewürdigt wurde, fand 2005 ebenfalls hier statt. Die kleine Kirche wurde auch von der Mutter Margarethe bevorzugt aufgesucht, obwohl sie eigentlich einer anderen Gemeinde angehörte, erzählte Gerd Hosch.

Vorbei am Brunnen der Lebensfreude durch den Torbogen des Barocksaals, wo Walter Kempowski zum ersten Mal Schuberts Winterreise hörte, war auf dessen Rückseite die nächste Station erreicht. Wo heute der Rostocker Hof zum Shoppen einlädt, befand sich früher das Großherzogliche Amtsgericht. In dessen Gefängnis wurde Margarethe Kempowski im dritten Stock für vier Wochen festgehalten, bevor sie dann in eine andere Haftanstalt kam. Wegen Mitwisserschaft der Spionagetätigkeiten ihrer beiden Söhne Robert und Walter war sie zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden.

Kriegerdenkmal
Kriegerdenkmal

Weiter ging es zur Michaeliskirche und zur Alten Stadtschule, in der schon der Vater Karl und ganz kurz auch Walter Kempowski selbst das Einmaleins gelernt hatten. Unweit davon befindet sich das Kriegerdenkmal. Zu Walter Kempowskis Zeiten war dies ein beliebter Treffpunkt der Jugend. Wer sich die Bronzetafeln am Obelisk genauer anschaut, kann die Namen Pingel und Topp entdecken, die er im Roman „Tadellöser und Wolff“ verewigt hat.

Stasi-Gedenkstätte
Stasi-Gedenkstätte

Die nächste Station auf den Spuren der Familie Kempowski war die Stasi-Gedenkstätte. Hier hatten die Teilnehmer Gelegenheit sich einen Eindruck von den Haftbedingungen zu machen, wie sie ähnlich auch Walter Kempowski in Bautzen erlebt haben dürfte.

Wohnhaus der Familie Kempowski in der Augustenstraße 90
Wohnhaus der Familie Kempowski in der Augustenstraße 90

Über den Grünen Weg, der damals noch eine belebte Einkaufsstraße war, führte die Route zum Wohnhaus der Familie Kempowski in die Augustenstraße 90. Seit März 1938 lebte sie dort zur Miete im 2. Stock. Hier erzählte Detlef Nahmmacher, Freund, Schulkamerad und Mithäftling in Bautzen, von seinen Erinnerungen, als die beiden hier vor 66 Jahren an einem Herbsttag abends in der Dunkelheit standen. „Ich war der böse Bube, der ihm die Haare abgeschnitten hatte. Denn lange Haare und weiße Schals waren damals das Symbol für Anti-Nazis und ich war von der Hitlerjugend. Walter war genau das Gegenteil. Aber aus Saulus wurde Paulus. Es gehört zu Walters Verdiensten. Er gehört zu den bedeutenden Menschen, die mich vom Nationalsozialismus befreit haben. Ich habe mich entschuldigt und das hat er dann auch akzeptiert.“

Nach vielen anderen interessanten Anekdoten, die mit diesem unscheinbaren Haus in der Augustenstraße und der Familie Kempowski verbunden sind, folgte die Gruppe weiteren Spuren in der Marienkirche.

Sonnenuhr an der Marienkirche
Sonnenuhr an der Marienkirche

Schon als Kind und Jugendlicher war Walter Kempowski entzückt von der barocken Pracht, weiß Gerd Hosch. Oft hatte er hier allein oder mit dem Organisten gesessen. Seine Vorliebe für geistliche Musik nahm hier ihren Ursprung. Jedes Mal, wenn der Schriftsteller nach Rostock kam, stattete er auch der Marienkirche einen Besuch ab. 2006 schenkte er der Gemeinde die Sonnenuhr, die sich am südöstlichen Außenpfeiler des Südgiebels befindet.
In der Rostocker Marienkirche fand schließlich auch die offizielle Trauerfeier für Walter Kempowski statt, der am 5. Oktober 2007 im niedersächsischen Rotenburg gestorben war.

Für seine Leistungen wurde Walter Kempowski mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichnet. Unter anderem wurde er 1994 Ehrenbürger der Hansestadt Rostock und erhielt 2002 die Ehrendoktorwürde der Universität Rostock. Darauf machte Gerd Hosch abschließend auf dem Neuen Markt noch einmal aufmerksam, wo der Stadtrundgang auch beendet wurde.

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3 Kommentare

  • Dr.med. Reinhard Treptow sagt:

    Warum gibt es nun bald 6 Jahre nach Walter Kempowskis Tod immer noch keine Straße oder Platz, die nach diesem großen Sohn der Stadt benannt wurden? Ich finde das beschämend!

  • Olaf sagt:

    Seit 2009 gibt es im Stadthafen das Kempowski-Ufer, vgl.:

    http://www.rostock-heute.de/walter-kempowski-tage-2010/14228

  • Rümpi sagt:

    „Pingel und Topp!
    Wie sie so sanft ruhen, all die Toten.

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