LiteraTour Nord feiert 20. Geburtstag mit Wilhelm Genazino

120 Leute wollten wissen, was wäre, „Wenn wir Tiere wären“

25. Oktober 2011, von
Auftakt der Literatour Nord 2011 im Literaturhaus Rostock mit Wilhelm Genazino
Auftakt der Literatour Nord 2011 im Literaturhaus Rostock mit Wilhelm Genazino

Alles Gute zum Geburtstag, Literatour Nord. Seit 20 Jahren reisen Autoren durch Norddeutschland, um ihre neuen Bücher vorzustellen. Zum dritten Mal macht die Lesereise nun auch wieder in Rostock Station. Um das Jubiläum gebührend zu feiern, eröffnete in diesem Jahr ein ehemaliger Preisträger die Tour. In Rostock war es Wilhelm Genazino, der seinen aktuellen Roman „Wenn wir Tiere wären“ präsentierte.

1992 startete die erste Literatour Nord. Seitdem reisen jedes Jahr mehrere Autoren durch verschiedene norddeutsche Städte, um ihr aktuelles Buch vorzustellen. Im Anschluss an alle Lesungen entscheidet eine Jury, in der aber auch das Publikum eine Stimme hat, wer den mit 15000 Euro dotierten Preis mit nach Hause nehmen darf. Schon bei der dritten Tour konnte Wilhelm Genazino das Publikum und die Jury überzeugen und gewann mit seinem Roman „Die Obdachlosigkeit der Fische“.

Wilhelm Genazino
Wilhelm Genazino

Seitdem ist Genazino zu einer festen Größe in der deutschen Literaturlandschaft geworden. Neben der Literatour Nord konnte der Autor fast alle wichtigen Literaturpreise gewinnen, unter anderem den Georg-Büchner-Preis. Als Ehrengast lief die erste Lesung im Literaturhaus Rostock natürlich außerhalb der Konkurrenz, trotzdem wollten 120 Gäste erfahren, was wäre, „Wenn wir Tiere wären“.

Im Roman des 68-Jährigen geht es tierisch zur Sache. Ein namenloser Protagonist steht zwischen drei Frauen und ist von der Welt um sich herum überfordert. Zwischenzeitlich verstrickt er sich in Betrügereien und andere Schweinereien, unter anderem den Beischlaf mit einer Dame, die ihm besonders zugeneigt ist, wenn sie getrunken hat.

Publikum bei der Lesung im Literaturhaus
Publikum bei der Lesung im Literaturhaus

Genazino lässt seinen erlebnisüberdrüssigen Protagonisten immer wieder abschweifen. Der geplante Kauf von einem Teekessel lässt ihn über seine Jugend sinnieren, woraufhin ihm einfällt, dass er den Wunsch nach einer „permanent schwangeren Lebensbegleitung“ hegt. Dieses ständige Wechseln des Themas wirkt zuweilen anstrengend, macht aber auch den eigentlichen Reiz des Romans aus. Auch wenn es absolut nicht besonders ist, wenn jemand Kürbiskerne vom Kürbiskernbrot herunter isst, schafft es der Autor mit seiner genauen Beobachtungsgabe und einem feinen Humor, solche Situationen lesenswert zu machen.

Literatour Nord 2011 mit Wilhelm Genazino und Lutz Hagestedt
Literatour Nord 2011 mit Wilhelm Genazino und Lutz Hagestedt

Natürlich nehmen die Tiere nicht nur eine sprichwörtliche Position in dem Buch ein. So kam in dem vorgelesenen Stück ein halber Zoo vor. Eine tote Maus neben einem Pissoir, Zebras und Ponys auf einem Jahrmarkt, eine anmutige Krähe im Flug, ein Hund, der einen „Scheißhaufen“ macht, eine blöde Kuh, Zierfische, ein nicht onanierender Salamander namens Lurchi und eine Amsel, die „sang und schiss“. Schon in dieser Aufzählung merkt man, dass Genazino teilweise auch sehr explizit beschreibt.

Nach seiner Lesung wurde dem Autor wie üblich ein Gespräch mit Universitätsprofessor Lutz Hagestedt „aufgezwungen“. Dieser begleitet die Tour mit einem Seminar und forderte seine Studenten auf, den Buchtitel zu ergänzen. Heraus kamen Antworten wie: „Wenn wir Tiere wären“ …

  • … gäbe es keine Umweltsünder mehr.
  • … wäre alles einfacher.
  • … wären Tiere auch nur Menschen.

Wilhelm Genazino selbst würde den Satz mit „wäre es die Befreiung von Glücks- und Denkzwang“ vervollständigen.

Wilhelm Genazino und Lutz Hagestedt
Wilhelm Genazino und Lutz Hagestedt

Es folgte ein ausführliches Gespräch, das sich durch verschiedenste Themengebiete schlängelte. Sowohl der Sozialismus und die DDR, aber auch die Rolle der Frau als Unterwäsche kaufendes Wesen wurden thematisiert. Doch auch über die Anfänge als Schriftsteller und die damit verbundenen Ängste konnte man einiges erfahren. Trotzdem hatte man gelegentlich das Gefühl, als ob der Autor und der Professor vergaßen, dass sie ein Publikum vor sich hatten. Zeitweise war es mehr ein Zwiegespräch zwischen Experten auf ihrem Gebiet.

Insgesamt war es aber wieder ein gelungener Auftakt zur 20. Literatour Nord, die am 15. November mit Inka Parei ihre Fortsetzung findet. Wer mehr über die Tour und die teilnehmenden Bücher erfahren will, kann am 8. November um 18:45 Uhr rok.tv einschalten. Dort wird dann eine von Studenten produzierte Sondersendung zur Lesereise ausgestrahlt.

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