6. Prosawettbewerb des Instituts für Germanistik 2011

Nachwuchsautoren über Ängste, Träume, Stillstand und, ach ja, Schokolade

21. Januar 2011, von

Sechs, drei, eins lauteten die Zahlen des Tages am Dienstag im Peter-Weiss-Haus. Bereits zum sechsten Mal fand in diesem Jahr der Prosawettbewerb des Instituts für Germanistik statt, drei Preisträger gab es und natürlich wurde auch wieder ein Publikumsliebling gekürt.

Veranstaltet wurde der Prosawettbewerb auch in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Rostock und mit Unterstützung der „anderen buchhandlung“.

Bis Mitte Dezember konnten Studenten ihre Erzählungen einsenden, wobei es nur zwei Bedingungen gab: Die Texte durften einen Umfang von fünf Seiten nicht überschreiten und mussten anonym – nur mit Pseudonym und Telefonnummer – eingereicht werden.

Prosawettbewerb Rostock 2011: Katinka Friese (Literaturhaus), Charlotte Quandt, Carlo Ihde, Manuela Kunze, Manfred Keiper (andere buchhandlung), Jury, hinten, v.l.n.r.: Sebastian Rachau, Ricardo Ulbricht und Petra Porto
Prosawettbewerb Rostock 2011: Katinka Friese (Literaturhaus), Charlotte Quandt, Carlo Ihde, Manuela Kunze, Manfred Keiper (andere buchhandlung), Jury, hinten, v.l.n.r.: Sebastian Rachau, Ricardo Ulbricht und Petra Porto

Der Grund liegt auf der Hand, soll die Jury doch möglichst unvoreingenommen an die Auswahl gehen können. Und so ist es dann auch für die Jurymitglieder selbst immer wieder spannend, wer sich letztendlich hinter Pseudonym und Telefonnummer verbirgt.

So versteckte sich etwa hinter „Henriette Grimm“ die 21-jährige Charlotte Quandt, die mit ihrem Text „Naiv“ den dritten Platz belegte.

Naiv erscheint die Protagonistin ihrer Erzählung, die Germanistik studiert – „nicht auf Lehramt, nein auf Taxifahrer – das erschien mir irgendwie entspannter.“ Entspannt zu sein, ist überhaupt das Wichtigste in dieser, ihrer Generation der 16- bis 26-Jährigen. „Pizza bestellen, weil’s stressig wäre einkaufen zu gehen, per Internet kommunizieren, auch wenn man im selben Raum sitzt.“

Charlotte Quandt
Charlotte Quandt

Doch gibt es auch Süchte und Ängste. Die Sucht nach Nasenspray, ohne das sie nicht schlafen, nicht atmen kann und da sind die Ängste, die alle damit zu tun haben, nicht atmen zu können – sei es unter Wasser, im Fahrstuhl oder in einer festen Beziehung.

Süchtig nach Liebe, Aufmerksamkeit, Zuwendung und Sex. Und da ist Jonas – schöne Schultern und eine Mädchennase. Er liebt sie nicht und ist nicht auf dem Weg dahin, es ist einfach nur so „unkompliziert“ mit ihr. Arschloch.

Oder die Sucht nach Schokolade. Ja, wie alle „dummen, kleinen Mädchen“. Doch bei ihr ist es mehr. Schokolade zum Frühstück, Schokolade zum Abendessen. Stullenfresser? Wie können sich Menschen zum Abendessen eine Stulle machen? „Stulle heißt Tod.“

Ein herrlich erfrischend geschriebenes Abbild der jungen Generation.

Und wie viel Charlotte steckt in der Protagonistin? Lächeln. Schweigen. Das Studienfach passt, der Führerschein ist vorhanden, der Taxischein noch nicht, aber es ist ja noch Zeit. Als „Therapie für das regelmäßige Schreiben“ sieht die Studentin der Germanistik und Erziehungswissenschaften ihre Erzählungen. Hat sie als ‚Freie‘ in Bützow doch bis zu vier Artikel am Tag für die SVZ geschrieben, was ihr jetzt irgendwie fehle.

Und was mit Jonas? ER war auch im Saal und hat nicht für sie gestimmt, erzählt Charlotte. Egal. Für die Zuhörer war sie an diesem Abend klarer Favorit, was ihr zusätzlich den Publikumspreis einbrachte. Glückwunsch!

Manuela Kunze
Manuela Kunze

Ganz anders die Geschichte „Schuldverkäuferin“ der zweitplatzierten Manuela Kunze, die im 8. Semester Germanistik und Öffentliches Recht studiert.

„Sie, Petra, sitzt auf halber Treppe, schaut ins Dunkel, beobachtet ihn beim Rauchen, gibt sich ihren Rachegedanken hin. Ihre Sucht ist das. Er raucht und säuft, sie stellt sich vor.“

Er, Karl Kolberg, ist ihr Vater. Im Suff hat er die Mutter geschlagen. Petra hat sie beschützt, das war doch ihre Aufgabe. Viele Jahre ist es her und noch immer sitzt Petra auf der Treppe, jeden Abend, kann nicht weg.

Sicher, es war früher, nicht jetzt, doch das darf ihr niemand sagen. Sie hängt fest, auf halber Treppe, in ihrem Leben. „Wenn sich doch nur etwas ändern würde. Aber ich kann doch erst, wenn …“

„Mit wenigen Sätzen Figuren zu beschreiben, die Sprache, Gesten, Mimik, Gedankenfetzen – das ist eine der Stärken von Manuela Kunze“, lobte Jurymitglied Petra Porto – ein verdienter zweiter Platz!

„Die Ideen kommen schon aus der Umgebung“, erzählt die Rostockerin, die 2007 schon einmal den Publikumspreis gewonnen hat und zurzeit an ihrem ersten Roman arbeitet. Es komme einfach öfter vor, als man denkt – „bei den Nachbarn, bei dem Menschen, der einem in der Straßenbahn gegenübersitzt.“

Ihr Blick in die Zukunft? „Hauptsache schreiben! Und sei es bei Toast und Kerzenlicht.“

Carlo Ihde
Carlo Ihde

Ganz vorn in der Gunst der Jury lag in diesem Jahr Carlo Ihde. „In umständlicher Weise freundlich und geschäftig“ ist die Erklärung, die der Duden für den Begriff ‚Betulichkeit‘ bereithält und es ist zugleich der Titel von Ihdes Erzählung.

Betulich geht es zu in Büdelsheim, ja fast schon beklemmend betulich, wurde der Stillstand in Büdelsheim doch zum Programm erhoben, um eine eventuell mögliche Katastrophe zu vermeiden.

„So behielt man seit 30 Jahren um der Alten willen die Lüge bei, man trabe über ein glorioses Plateau, wohlgemerkt in Nullgeschwindigkeit. Ein ‚abwärts‘ würde in Büdelsheim so für alle umgangen werden können, vieles andere aber auch.“

„Die Büdelsheimer Betulichkeit hat tatsächlich das Potenzial, zum geflügelten Wort zu werden“, lobte Juror Ricardo Ulbricht.

Inspiriert hat den Germanistikstudenten seine Bachelor-Arbeit, die er gerade abgegeben hat – über eine Erzählung von Irina Liebmann aus den 80ern, in denen sie die Wiederholung verwendet, um Stillstand darzustellen.

Fragwürdige Mythen, Pfründe, die gegen den Fortschritt verteidigt werden müssen – vielleicht ist es auch eine „kleine Parabel auf die DDR“, gibt sich der 24-Jährige nachdenklich. Berufswunsch Schriftsteller? Das hielte er schon für etwas „naiv“. Aber erstmal ist jetzt der Master geplant, in Philosophie, seinem Zweitfach.

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1 Kommentar

  • Herr Carlo sagt:

    Auf dem Gruppenfoto gefällt mir am besten das links am Bildrand befindliche blaue Kinderhüpftier, das so freundlich in die Kamera lächelt…

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