„Die unbekannten Europäer“ in Rostock entdecken

Neue Ausstellung im Kulturhistorischen Museum

12. März 2010, von
Ausstellung - Die unbekannten Europäer
Ausstellung - Die unbekannten Europäer

Wem die Bezeichnungen Gotscheer, Aromunen oder Dögewö nichts sagen, der befindet sich wahrscheinlich in bester Gesellschaft. Von den Sepharden hat man vielleicht in der einen oder anderen TV-Dokumentation schon mal gehört und an den Sorben kommt man so kurz vor Ostern meist auch nicht vorbei. Die anderen Volksgruppen, die die beiden Österreicher Kurt Kaindl und Karl-Marcus Gauss in ihrer Ausstellung „Die unbekannte Europäer“ vorstellen, sind dagegen weitestgehend unbekannt.

Den Beginn der Ausstellungseröffnung machte Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens und auch sie gestand, von einigen der genannten Minderheiten noch nicht gehört zu haben. Sie freue sich jedoch, diese besondere Ausstellung an einem so passenden Ort, wie dem Kulturhistorischen Museum in Rostock zu sehen, denn unsere Stadt hat seit den Ausschreitungen von Lichtenhagen leider immer noch den Ruf, ausländerfeindlich zu sein.

Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens eröffnet die Ausstellung "Die unbekannten Europäer"
Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens eröffnet die Ausstellung "Die unbekannten Europäer"

Daher gilt es für Rostock, sich immer wieder als weltoffen, tolerant, aber auch informiert zu zeigen. Unbekanntes und Fremdes dürfe nicht ignoriert, sondern müsse vielmehr entdeckt und gezeigt werden. Dabei solle man sich auch über die Rolle und die Möglichkeiten der Kulturpolitik klar werden.

Es gibt immer wieder Neues zu entdecken und auch Europa kann für uns noch eine Terra incognita sein. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir mit Minderheiten umgehen, besonders in unserer globalisierten Welt, in der es immer wieder zu Wanderungsbewegungen und der Begegnung mit Fremden kommt. Denn eines haben die gezeigten Volksgruppen ja gemein: Sie haben trotz einiger Widrigkeiten ihre kulturelle Identität weitgehend bewahrt und zeigen so den Stellenwert der Wahrung von Sprache, Traditionen und Brauchtum auf.

 Leopold Köllner - Generalkonsul Österreich
Leopold Köllner - Generalkonsul Österreich

Karina Jens bedankte sich bei allen anwesenden Beteiligten, aber auch beim Europäischen Integrationszentrum Rostock, da dieses einige Begleitveranstaltungen zur Ausstellung organisiert.

Österreichs Generalkonsul Leopold Köllner wies in seiner Rede auf den Vertrag von Lissabon hin, in dem sich die europäischen Staaten unter anderem auch zum Schutz von Minderheiten und zur Förderung von kultureller Vielfalt verpflichteten. Der Schutz von Minderheiten und ihrem kulturellen Erbe dürfe nie nur Teil eines politischen Trends sein. Allerdings kann man etwas nur bewahren und schützen, wenn man es überhaupt erst kennt und an dieser Stelle hätten die beiden Künstler mit ihrer Ausstellung einen großen Beitrag geleistet. Die Ausstellung, die vorher bereits in Städten wie Riga, Stockholm, Bratislava und München gastierte, schaffe eine Auseinandersetzung mit dem Thema, die durch Faktenberichte oder nackte Zahlen und Statistiken nie möglich wäre.

Kurt Kaindl, der Bildautor der Ausstellung, betonte, dass das Thema der Ausstellung für ihn als Österreicher fast schon natürlich gegeben war. Sein Heimatland ging aus dem Habsburger Reich hervor. Ein Land, von dem man damals sagte, es sei so groß, dass darin die Sonne nie untergeht. So groß wie das Land, war damals aber auch die kulturelle Vielfalt. Österreich ist heute ein relativ kleines Land, doch wenn man dort ein Telefonbuch aufschlägt, findet man eher wenige deutsche Namen, dafür aber mehr Familiennamen slawischen und anderen Ursprungs. Die Vielfalt ist also immer noch da.

Kurt Kaindl Fotograf der Ausstellung "Die unbekannten Europäer"
Kurt Kaindl Fotograf der Ausstellung "Die unbekannten Europäer"

Kurt Kaindl und sein Kollege, der Autor Karl-Marcus Gauss, starteten 1999 mit ihrer ersten Reise, als die nächste größere EU-Erweiterung noch bevorstand. Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, „die Europäer der ersten Stunde“ kennen zu lernen. Also Minderheiten, die zuwege gebracht haben, was wir vielleicht erst noch lernen müssen: dass Sprache, Kultur und Bräuche nicht von nationalen Grenzen abhängig sind.

Zehn Gruppen von Minderheiten hatten der Fotograf und der Autor besucht, sechs von ihnen sind in der Ausstellung in ausgewählten Bildern zu sehen. Die Beiden hätten sich bewusst entschieden, zusammen zu reisen und zu arbeiten, aber getrennt zu publizieren. Es gibt Dinge, die nur ein Foto ganz unmittelbar und ohne Worte zeigen kann. Umgekehrt kann nur ein Text historische Zusammenhänge erklären und Hintergrundwissen liefern. So sind am Ende der Reisen vier Text- und zwei Bildbände entstanden.

Die Ausstellung zeigt unter anderem die Sorben in der Lausitz, deren Kultur sogar durch die sächsische Verfassung geschützt ist. Quasi als Spiegelbild dazu besuchten die beiden Reisenden auch die Gotscheer, eine deutschsprachige Minderheit im heutigen Slowenien, von der nur noch wenige Angehörige übrig sind. Die Ausstellung mache damit auch deutlich, dass nicht alle kulturellen Minderheiten den gesellschaftlichen und politischen Wandel innerhalb Europas überleben werden.

Einige andere Beispiele zeigen, dass Minderheiten im Bild, wie in der Gesellschaft nicht immer als Minderheiten zu erkennen sind oder dass das Wort nicht immer mit Unterdrückung und Benachteiligung gleichzusetzen ist.

Kurt Kaindl signiert seinen Bildband zur Ausstellung
Kurt Kaindl signiert seinen Bildband zur Ausstellung

Dr. Heidrun Lorenzen, Leiterin des Kulturhistorischen Museums, verzichtete nach den vielen Worten auf eine Eröffnungsrede und wünschte sich nur, dass die Ausstellung dazu beitrage, mit viel Freude auf Vergangenes, die Gegenwart und die Zukunft Europas zu schauen. Die Ausstellung sei auch für junge Leute gedacht und so hoffe sie besonders auf einen Zustrom an interessierten, jungen Besuchern.

Nach den Reden konnte sich jeder die Ausstellung anschauen. Der Fotograf Kurt Kaindl signierte freundlicherweise einige Exemplare seines Bildbandes und stand für Fragen zur Verfügung.

Wer jetzt die eine oder andere Bildungslücke schließen möchte, dem sei die Ausstellung wärmstens empfohlen. In eindrucksvollen Bildern und informativen Begleittexten zeigt sie noch bis zum 9. Mai 2010, wer „Die unbekannten Europäer“ eigentlich sind.

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