Finnisches Literaturfestival KAKSINKERTAINEN

Literarisch-musikalische Finnland-Nacht im Literaturhaus Rostock

18. April 2010, von

Finnisches Literaturfestival KAKSINKERTAINEN im Literaturhaus RostockVor dem Fernseher sitzen und den ersten Polizeiruf aus Rostock schauen? Oder ab ins Literaturhaus zur Eröffnung des Finnisches Literaturfestivals KAKSINKERTAINEN? Keine sonderlich schwere Entscheidung – wo ich gelandet bin, seht Ihr ja.

Das Haus war gut gefüllt. Die Aussicht auf eine literarisch-musikalische Finnland-Nacht hatte scheinbar nicht nur mich angelockt. Kein Wunder, versprach doch allein M. A. Numminen einen mehr als unterhaltsamen Abend.

Initiiert vom Netzwerk der Literaturhäuser und dem finnischen Partner FILI (Finnish Literature Exchange) wurden finnische Autoren zu einer Rundreise eingeladen. Elf Häuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz bilden die Stationen.

Zur Einleitung gab es einen kleinen Film von Maria Antas (FILI), der viel Wissenswertes über die Literaturlandschaft in Finnland vermittelte. Beispielsweise, dass in Finnland zwei Landessprachen (finnisch und schwedisch) gelten und es deshalb alles doppelt gibt. Für die gerade mal fünf Millionen Einwohner werden jedes Jahr etwa fünftausend neue Bücher in beiden Sprachen veröffentlicht.

Sprache und Literatur seien extrem wichtig, da Finnland weder durch militärische Siege noch durch wirtschaftliche Potenz entstanden sei, sondern einzig durch Kultur. Das Kalevala gilt als Nationalepos und sei das wichtigste Buch für das finnische Selbstverständnis als Kulturnation. In Versen erzähle es die Geschichte von der Entstehung Finnlands und der Welt. Die Hauptfigur ist Väinämöinen. Im Gegensatz zu anderen Nationalepen sei er Künstler und kein Krieger oder Kämpfer.

Ein wenig schrill und schräg würde es immer zugehen, wenn die Finnen nach Rostock kämen, deutete Katinka Friese vom Literaturhaus Rostock in ihrer Einleitung an. Wen wundert es da, dass es die finnischen Schriftsteller sogar bis ins Weltall geschafft haben? Frans Eemil Sillanpää – kaum einer würde den einzigen finnischen Literaturnobelpreisträger heute noch kennen. Unsterblich sei er trotzdem, wurde doch der Asteroid 1446 nach ihm benannt.

Das Lieblingsbuch der Finnen stamme aber von Mika Waltari. Sein Welterfolg „Sinuhe der Ägypter“ wurde in den Fünfzigern sogar in Hollywood verfilmt. Gewünscht habe sich der Schriftsteller, dass zu seinen Ehren nach seinem Tod ein öffentliches Pissoir errichtet werde. Bekommen hat er nur ein Denkmal, dafür aber gleich zwei Meteoriten: 4266 (Waltari) und 4512 (Sinuhe). Schon ein komisches Völkchen, diese Finnen, mit einem ganz eigenen Humor.

Und noch etwas zeichne den Literaturmarkt in Finnland aus. Wie der Alkohol, seien dort auch die Bücher etwa doppelt so teuer wie in Mitteleuropa.

Thema des Tages, ach was sag ich, des ganzen Wochenendes? Klar, Island. Dort wurden zwar per Volksentscheid die Entschädigungszahlungen an ausländische Gläubiger gestoppt, aber das heißt ja nun nicht, dass gar nichts mehr aus Island käme.

Die isländische Vulkanasche ist derzeit in aller Munde – nicht ganz so wörtlich, versteht sich. Ein wenig geschmunzelt hätten sie schon darüber, so Katinka Friese, „dass solch ein Vulkanausbruch in einem Kausalzusammenhang steht mit Literaturvermittlung.“ Nun hätte es aber auch sie getroffen, die beiden angekündigten Autoren konnten leider nicht anreisen – die Asche ist schuld. Moderator Frank Schlösser und Antje Mortzfeldt (Übersetzerin) meisterten die Situation aber souverän.

Frank Schlösser und Antje MortzfeldtZwei Bücher sollten heute Abend vorgestellt werden. „Das zerbrechliche Leben“ von Robert Åsbacka greift das Schiffsunglück der Estonia von 1994 auf.

Das Unglück mit 850 Toten sei für Finnland auch heute noch ein Trauma, so Antje Mortzfeldt, etwa wie der 11. September für die USA.

Ein zerbrechliches Leben führt der achtzigjährige Johannes Thomasson. Ihn plagen Schuldgefühle, seit er seine Frau Siri vor zwölf Jahren bei dem Schiffsunglück verlor. Was wäre wenn? Wenn er sie nicht zuvor betrogen hätte? Wenn er an jenem 28. September mit ihr auf der Fähre nach Stockholm gewesen wäre?

Einsam, fast ohne Kontakt zur Außenwelt lebt er, bis er eines Tages einem Jungen hilft, der von anderen bedroht wird. Dabei verletzt er sich am Fuß und Erinnerungen steigen in ihm auf. Neue Bekanntschaften, scheinbar zufällige Begegnungen und eine Rückkehr ins Leben folgen. Ein warmherziges, aber durchaus auch humorvolles Porträt eines alten Mannes, der zurück in die Realität findet.

Numminen im Literaturhaus RostockZeit für ein kleines musikalisches Intermezzo! „Es ist eine Überraschung für Sie und für uns auch.“ Schließlich hätten sie nicht gewusst, dass sie heute hier auch finnischen Tango präsentieren ‚müssen‘, erklärt M. A. Numminen.

Aber natürlich alles kein Problem für Numminen, habe er doch immer seine Trommelbesen dabei. Glücklicherweise fand sich auch eine sehr gute Trommel im Haus – das Postleitzahlenbuch. „Klingt gut“, befand der Meister.

„Der Tango kam nach Finnland am 2. November 1913 um 14 Uhr“, so Numminen. Anfangs wäre der Tango ein Tanz für die Elite gewesen, nicht fürs Volk. Während des Winterkriegs 1939/40 habe der finnische Komponist Toivo Kärkis den Tango fürs Volk adaptiert.

Numminen und der Finnische TangoWie Toivo Kärkis den Tango zum finnischen Tango machte? Er nahm zwei Elemente: die russische Romanze und den deutschen Marsch. Warum? „Weil die finnischen Männer nicht so gut tanzen können. Da brauchen wir einen starken Rhythmus”, klärt Numminen uns auf.

Natürlich gab es auch eine Kostprobe, wozu hätte er denn sonst das Postleitzahlenbuch benötigt! Liljankukka (Lilienblume) sei ein auch heute noch sehr populäres Stück in Finnland. Er könne es zwar auswendig singen, „aber gleichzeitig zu übersetzen, wäre zu schwer.“ Jetzt war ich aber schon ein wenig enttäuscht!

Die Texte der finnischen Tangos seien immer sehr traurig, ließ uns Numminen wissen. „Wir Finnen sind sehr glücklich, wenn wir traurige Geschichten in den Liedern hören.“

Zum Abschluss gab es noch ein humoristisches Stück auf deutsch, das er 1966 schrieb. „Ich mit meiner Braut im Parlamentspark“ heißt sein wohl berühmtester Tango, der seinerzeit sogar Radioverbot bekam.Antje Mortzfeldt und Frank Schloesser

Zeit für das zweite Buch des Abends. In Joel Haahtelas „Sehnsucht nach Elena“ dreht sich alles um das älteste Thema der Welt, die Liebe.

Ein Alter Ego, ein anderes Ich, habe der Autor für das Buch erschaffen – 81 Jahre alt, was man übrigens erst im letzten Drittel des Buches erfahre – ob ich das jetzt verraten durfte? Interessant, wie sich ein Autor in jemanden hinein versetzt, der doppelt so alt ist, wie er selbst, so Schlösser.

Eine ganz normale Liebesgeschichte? Ein alter Mann, ein einsamer Mann, er schwärmt für eine junge Frau, von der er nicht viel mehr weiß als ihren Namen – Elena. Er will ihr nahe sein, fährt ihr sogar nach. Ist es noch Leidenschaft oder schon Besessenheit? Mehr Nähe zu Elena heißt für ihn auch mehr Nähe zur eigenen Vergangenheit, einer schmerzlichen Vergangenheit. Ob er Elena je kennenlernt? Kennenlernen wäre zu viel gesagt, aber mehr wollte Antje Mortzfeldt dann auch gar nicht verraten. Es sei in jedem Fall ein lesenswertes Buch mit unerwarteten Wendungen.

Ida und Herman WallenEin kleines Intermezzo hatte Numminen bereits gegeben und uns den finnischen Tango erklärt. Doch wer ist eigentlich dieser M(auri) A(ntero) Numminen?

Komiker, Sänger, Komponist und Autor – seit 50 Jahren steht der Allrounder auf der Bühne, ist ein Exportschlager und gilt als der wohl schrägste Vogel Finnlands.

In Finnland sei er auch als das „Weiße Kaninchen“ bekannt, die Kinderschiene von Numminen. Damit hätte er eine ganze Generation geprägt. Wenig verwunderlich, dass so viel Schrilles und Schräges aus Finnland kommt.

Vertont hat Numminen auch Gedichte von Heine und selbst vor Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ habe er nicht halt gemacht.

Numminen: Verliebte PhilosophenMit seinem neuesten Projekt wird er diesem Ruf gerecht. „Verliebte Philosophen“ heißt es. Vertont hat er hier die Liebesbriefe von Martin Heidegger und Hannah Arendt.

Viel schreiben kann und sollte man dazu eher nicht, man muss es einfach selbst erlebt haben! Teils Originalbriefe, teils eigene Texte („Auch die eiligsten Männer haben immer Zeit für die Liebe.“) hat Numminen eindrucksvoll vertont.

Ebenso beeindruckend rezitiert von Herman und Ida Wallén als Heidegger und Arendt. Und natürlich vom Meister selbst, mit dem ihm eigenen Humor und seinem ganz unverwechselbaren Akzent.

M. A. Numminen und Prof. Lutz HagestedtDas Fazit des Abends? Prof. Lutz Hagestedt (Neuere und Neueste deutsche Literatur an der Uni Rostock) fand es großartig: „Das ist schon eindrucksvoll, ich bin begeistert.“

Trotz dieser Komik hätte man doch die unerhörte Ernsthaftigkeit des Künstlers gespürt, so Hagestedt. Das sei eine Spielart von Komik, die man hier nicht kennt oder die zumindest selten ist. Vielleicht ein bisschen die neue Frankfurter Schule – Robert Gernhardt, F. K. Waechter, Loriot vielleicht – Leute mit Klasse halt.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Abgesehen natürlich von dem Tipp, dass es morgen weiter geht mit dem Finnischen Literaturfestival. Bereits früh um 10 ist im Volkstheater schräger Märchenspaß angesagt: „Der große böse Wolf“, ein finnisches Theaterstück für Kinder ab 8 Jahren. Um 20 Uhr stellt Finnland-Experte und Übersetzer Stefan Moster dann seinen Debütroman „Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels“ vor.

Schlagwörter: Finnland (7)KAKSINKERTAINEN (1)Lesung (144)Literatur (190)Literaturhaus (90)Lutz Hagestedt (22)M. A. Numminen (1)Musik (321)Tango (4)

Das könnte dich auch interessieren:

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Hiermit stimme ich der Veröffentlichung meines Kommentars sowie der Speicherung und Verarbeitung meiner Daten incl. meiner IP-Adresse gemäß der Datenschutzerklärung zu.