Helmut Krausser: „Einsamkeit und Sex und Mitleid“

Voll besetzte Reihen bei der LiteraTour Nord

13. Januar 2010, von

Bar im Peter-Weiss-HausDie Lesungsreise der LiteraTour Nord geht voran, am gestrigen Abend durften wir bereits den vierten der sechs Autoren kennen lernen, die uns Rostockern ihr neuestes Buch vorstellen und damit ins Rennen um den Publikumspreis gehen. Noch bis Mitte Februar werden Lesungen in diesem Rahmen stattfinden und es ist immer noch völlig offen, wer das Kreuz bekommt. Oder etwa nicht?

Eine Änderung gibt es im Vergleich zu den vorigen beiden Lesungen schon mal: der Veranstaltungsort wurde von der „anderen Buchhandlung“ ins Peter-Weiss-Haus verlegt. Vom Doberaner Platz aus ist dieses fast ebenso gut zu erreichen, kein Problem also. Der große Saal im Inneren wurde schummrig beleuchtet und mit reichlich Tischen und Stühlen ausgestattet. Ich mag mich täuschen, aber es scheint schon bei meinem Eintreffen ein größeres Publikum da zu sein als bei den vorherigen Lesungen.

Helmut Krausser Glücklicherweise finde ich noch einen freien Platz am Tisch eines älteren Ehepaars. Es ist auffällig kalt im Saal, fast alle haben ihren Schal und Mantel einfach anbehalten. Mein Tischnachbar meint, das wäre schon immer so gewesen und liege an dem Bierkeller direkt unter dem Raum. Währenddessen kommen immer mehr Zuschauer dazu, es müssen schließlich schon Klappstühle aufgestellt werden. Vielleicht liegt es an dem brisanten Thema, das das Buch anspricht – sex sells.

Helmut Krausser stellt sich als äußerlich durchschnittlicher Mann mittleren Alters heraus, einen blauen Sportpullover über dem weißen Hemd. Prof. Lutz Hagestedt stellt ihn dem Publikum vor, er kenne ihn seit über 20 Jahren. Krausser sei als Autor überaus produktiv, habe mehr als 40 Bücher geschrieben und einige Gedichtbände. Einen davon habe er allerdings nie veröffentlicht, „vermutlich den Besten“. Er verspricht jedoch mit einem Augenzwinkern, diesen aus Kraussers „Nachlass zu veröffentlichen“. Na ob der graue Hagestedt Krausser noch überlebt, wage ich zu bezweifeln.

Prof. Dr. Lutz Hagestedt Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Mikrofon kann es endlich losgehen. Krausser beschreibt das Klima oben auf der Bühne als „saukalt“, hält sich aber die Möglichkeit noch offen, später den Mantel über zu ziehen. Er redet nicht lange ums Thema herum, sondern will gleich etwa 50 Minuten aus seinem Buch vorlesen.

„Einsamkeit und Sex und Mitleid“ beschreibt das Leben aus Sicht verschiedenster Personen in Berlin, vordergründig natürlich mit den genannten Kriterien. Zuerst lernen wir Ekki kennen, der eigentlich Ekkehard heißt und frühpensionierter Lateinlehrer ist. In seiner Stammkneipe trifft er auf die schwarze Kellnerin Minnie, erzählt ihr von den alten Römern und findet so eine Art Trost.

Helmut Krausser Im nächsten Kapitel geht es um einen Dr. Stern, dem in der Bahn die Sneakers gestohlen werden und der dadurch in Konflikt mit einem hyperaktiven Jungen und seiner ebenso überdrehten Mutter gerät. Und schließlich ist da noch die 15-jährige Swentja, die all ihren Freundinnen von einem eindeutigen Angebot erzählt, dass sie gerade von einem Ausländer bekommen hat. Spannender ist aber noch ihr Freund Johnny, eigentlich Johannes, der streng gläubig erzogen wurde und dem Leser Einblicke in seine teils absurden Ansichten gewährt.

Helmut Krausser zieht das gesamte Publikum beim Lesen vollkommen in seinen Bann. Mit seiner tiefen Stimme kann er alle Personen perfekt imitieren und es ist die wahrste Freude ihm zuzuhören. Meinetwegen hätte er noch stundenlang weiter lesen können, doch viel zu schnell ist die Zeit vorbei und Hagestedt erscheint wieder auf der Bühne, damit die Fragerunde beginnen kann.

Helmut Krausser beim Signieren Die Anlehnung des Titels an die Deutsche Nationalhymne ist sicherlich gewollt, dennoch stellt Krausser klar, dass das Buch kein Sittenbild der heutigen BRD darstellen soll. Er habe einige Geschichten davon einfach auf der Straße aufgegriffen, andere satirisch überzeichnet. Hagestedt lobt das Werk als „gut getroffen“ und mit einer „Menge Komik“, was es meiner Meinung nach ganz gut beschreibt. Dennoch wundert sich Hagestedt laut über den eigentlichen Wahrheitsgehalt des Buches, da er nichts davon aus seiner persönlichen Anschauung kenne.

Krausser glaubt übrigens nicht, dass der Titel dem Buch zu größerem Erfolg verhelfen werde, da sich Sex zwar bei Sachbüchern und leichter Unterhaltung gut verkaufen ließe, aber nicht bei Belletristik. Somit sieht er den Titel mehr als Warnung für die Leser – „wer nichts damit anfangen kann, hält Abstand“. Der voll besetzte Saal und das begeisterte Publikum sprechen allerdings dafür, dass an Abstand gar nicht zu denken ist. Und ich für meinen Teil hab meinen Favoriten auf dem Stimmzettel der LiteraTour Nord schon gefunden.

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2 Kommentare

  • Marc sagt:

    Über dieses Werk gibt ja sehr unterschiedliche Ansichten: vom „Abgesang auf allerlei“ (http://www.fr-online.de/kultur/literatur/abgesang-auf-allerlei/-/1472266/3007998/-/index.html) über das deutsche Sittenbild, das der Autor nicht darstellen wollte (http://www.welt.de/kultur/article4415464/So-heruntergekommen-ist-Deutschland.html) bis zum einfachen Lesegenuss (www.resurrection-dead.de/dailydead/Einsamkeit-und-Sex-und-Mitleid-Krausser-Helmut-1777). — Dass er den Publikumspreis bekommen hat, spricht wohl immerhin dafür, dass Sprache und Erzählung eine gewisse Qualität haben.

  • Andre sagt:

    Hallo Marc,
    wie kommst du darauf, dass Krausser den Publikumspreis bekommen hat? Ich habe gestern von Buchhändler Manfred Keiper erfahren, dass Matthias Politycki im letzten Jahr die meisten Publikumsstimmen auf sich vereinen konnte.
    Grüße André

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