Radweg vs. Bäume – Warnemünde sucht Kompromiss

Nach den Protesten gegen die geplanten Baumfällungen für den Radweg in der Parkstraße Warnemünde sucht der Ortsbeirat nach einem Kompromiss

25. Januar 2020, von
Stephan Porst (Bündnis 90/Die Grünen) und Dr. Jobst Mehlan (Rostocker Bund/Freie Wähler) vom Ortsbeirat Warnemünde suchen mit Anwohnern nach einem Kompromiss für den Radweg in der Parkstraße, ohne 120 Bäume im Küstenwald zu fällen
Stephan Porst (Bündnis 90/Die Grünen) und Dr. Jobst Mehlan (Rostocker Bund/Freie Wähler) vom Ortsbeirat Warnemünde suchen mit Anwohnern nach einem Kompromiss für den Radweg in der Parkstraße, ohne 120 Bäume im Küstenwald zu fällen

„Wollen wir jetzt alles zupflastern?“ Als die meisten Anwohner schon wieder auf dem Heimweg sind, hält spontan ein Radfahrer am Küstenwald in Warnemünde und macht seinem Unmut darüber Luft, dass für den Radweg an dieser Stelle so viele „Bäume platt gemacht“ werden sollen. „Der ist breit genug!“ Selbst Pfingsten, wenn viele Fußgänger unterwegs sind, komme man hier durch, bekräftigt er. „Da müssen alle aufeinander Rücksicht nehmen!“

Nein, repräsentativ waren die Meinungen heute Nachmittag in Warnemünde nicht. Eine Bürgerinitiative für den Erhalt des Küstenwalds und Mitglieder des Ortsbeirats Warnemünde hatten vor Ort zu einem Dialog geladen, um Alternativen zur geplanten Fällung von 120 Bäumen zu finden.

So waren sich die etwa 40 Anwesenden einig, was den Erhalt der Bäume betrifft. Immerhin ein Radfahrer sprach sich klar für den Radweg aus. „Im Sommer ist hier kein Durchkommen“, beschwerte er sich. Rostock sei fahrradfeindlich und der Radweg für ihn wichtiger als die Bäume, die überall nachgepflanzt werden könnten.

Aktuelle Situation verkehrsrechtlich nicht zulässig

Einen Radweg gibt es in diesem Bereich bislang nicht und das, obwohl der Abschnitt Teil des Ostseeküsten-Radwegs ist. Der knapp drei Meter breite asphaltierte Gehweg entlang des Küstenwalds ist lediglich für Radfahrer freigegeben. Diese nutzen ihn ebenso wie Fußgänger in beiden Richtungen, hinzu kommen in der Saison zahlreiche Besucher, die den Weg von Parkplatz, Bushaltestelle und Jugendherberge zum Strand kreuzen. „Das Konfliktpotenzial zwischen den Verkehrsteilnehmern ist extrem“, heißt es aus dem Senatsbereich Bau und Umwelt. An Spitzentagen seien über 15.000 Kfz, 6.000 Radfahrende und mehr als 10.000 Fußgänger gezählt worden.

Die Nutzung durch Radfahrer sei verkehrsrechtlich eigentlich gar nicht mehr zulässig und nur noch übergangsweise gestattet, weil ein Neubau in Aussicht gestellt wurde, begründet das Amt für Verkehrsanlagen den aus seiner Sicht dringenden Handlungsbedarf. Ein zwei Meter breiter gepflasterter Gehweg sowie ein drei Meter breiter asphaltierter Radweg sollen daher ab dem Frühjahr neu gebaut werden. Eine Million Euro sind für den insgesamt 900 Meter langen Weg im Haushalt eingestellt, mit etwa 400.000 Euro Fördermitteln wird gerechnet.

120 Bäume sollen für den neuen Geh- und Radweg weichen

Dass für den mit Sicherheitsstreifen insgesamt 5,30 Meter breiten Weg neben zwei Alleebäumen in Höhe der Kleingartenanlage weitere 120 Bäume im Küstenwald gefällt werden sollen, zog Proteste bei vielen Warnemündern nach sich. Für zusätzliche Verstimmung sorgte, dass Waldumwidmung und Ausgleichspflanzungen bei der Vorstellung der endgültigen Pläne im Oktober 2019 im Ortsbeirat bereits erfolgt waren. Sogar die Fällung war bereits ausgeschrieben. Viele Warnemünder fühlen sich bei der Bürgerbeteiligung übergangen.

Jobst Mehlan misst nach: Für einen maßvollen Ausbau sollte der Platz auch ohne Baumfällungen im Küstenwald ausreichen
Jobst Mehlan misst nach: Für einen maßvollen Ausbau sollte der Platz auch ohne Baumfällungen im Küstenwald ausreichen

Ausreichend Platz zwischen Allee und Küstenwald?

Der Platz zwischen Küstenwald und Alleebäumen an der Straße sei breit genug, um den aktuellen Weg maßvoll zu verbreitern, waren sich die meisten Anwesenden einig. Dr. Jobst Mehlan (1. Stellvertreter im Ortsbeirat, Rostocker Bund/Freie Wähler) griff spontan zum Zollstock und kam auf fast fünf Meter Breite, die für einen neuen Weg genutzt werden könnten, wenn dieser zur Straße hin verbreitert wird.

Auch eine Fällung der wenigen Alleebäume wurde für den Erhalt des Küstenwalds in Betracht gezogen. In den letzten Jahren mussten bereits viele der Kastanien gefällt werden, da sie mit dem Bakterium Pseudomonas befallen waren. Möglichweise würde diese Krankheit auch bei den verbliebenen Alleebäumen zum Rosskastaniensterben führen, sodass dies das kleinere Übel wäre. Bislang steht das Amt für Grünanlagen jedoch klar zu der unter Naturschutz stehenden Allee.

Den Ausbau in Richtung der Alleebäume präferierten die meisten Anwesenden. Allerdings sei die Variante aus Gründen der Entwässerung kompliziert und teuer, hatte die Stadtverwaltung bereits im Vorfeld erklärt. Angeregt wurde in diesem Zusammenhang auch die Verlegung der Bushaltestelle an der Parkstraße, da die nur wenige Meter entfernte Haltestelle an der Jugendherberge ausreichend sei.

Getrennter Rad- und Gehweg oder Mischverkehr?

Während das Amt für Verkehrsanlagen auf die strikte Trennung von Fußgängern und Radfahrern setzt, plädiert Stephan Porst (2. Stellvertreter im Ortsbeirat, Bündnis 90/Die Grünen) weiterhin für einen Mischverkehr, allerdings auf einem 4 bis 4,50 Meter breiten Weg.

„Ich weiß nicht, ob die Trennung zwischen Rad- und Fußweg hier die richtige Lösung ist“, so Porst. Der Diedrichshäger, der den Weg selbst regelmäßig mit dem Rad befährt, sieht im Sommer oft größere Personengruppen nebeneinander laufen. Bei einem künftig schmaleren Fußweg als jetzt würden sie wohl auf den Radweg ausweichen.

„Nur weil ein Radweg dazu führen könnte, dass weniger Leute mit dem Auto unterwegs sind und er damit auch klimarelevant ist, können wir den Naturschutz nicht völlig außer Acht lassen“, positioniert sich Stephan Porst klar für den größtmöglichen Baumerhalt. „Radwege sind für mich wichtig“, bekräftigt der Bürgerschaftsabgeordnete, „aber man muss es so abwägen, dass die Eingriffe minimal sind“. Ja, da gibt es durchaus einen „Konflikt bei den Grünen“, bestätigt Porst, nachdem sich einige Parteimitglieder deutlich für die Fällungen ausgesprochen haben.

Südvariante wieder im Gespräch

Auch die sogenannte „Südvariante“, bei der Radfahrer oder Fußgänger auf der südlichen Seite der Parkstraße am Friedhof sowie am Parkplatz vorbeigeführt werden, ist wieder im Gespräch. Diese bereits 2015 betrachtete Alternative würde je nach Wegeführung allerdings Eingriffe beim Friedhof oder dem Landschaftsschutzgebiet „Diedrichshäger Moor“ erfordern. Sie hätte dafür den Vorteil, dass Fahrradfahrer hinter dem Sportplatz nicht mehr die Straßenseite wechseln müssten.

Tempo 30 oder eine Einbahnstraße, um Platz für die Radfahrer auf der Allee zu schaffen, waren weitere Vorschläge.

Bürgerinitiative schlägt Lattenrostweg im Wald vor

Etwa 700 Unterschriften hat eine Bürgerinitiative für den Erhalt der Bäume bereits gesammelt. Als deren Vertreterin präsentierte Sigrid Jäckel einen ganz neuen Vorschlag. Der bestehende Weg solle den Radfahrern überlassen werden. Für die Fußgänger wünscht sie sich einen Lattenrostweg, ähnlich dem im Feuchtgebiet des IGA-Parks.

Einem fest ausgebauten Weg im Dünenbereich hatte das StALU MM zwar schon eine Absage erteilt, ein Lattenrostweg sei aber vielleicht möglich, so Jäckel. Alternativ könnte dieser auch etwas verschlungen durch den Küstenwald führen, dann müssten nur wenige Bäume gefällt werden.

Die Bürgerinitiative möchte, dass eine Lösung für Radfahrer, Fußgänger und den Erhalt der Bäume gefunden wird. „Wir wollen nichts gegeneinander ausspielen“, bekräftigt Jäckel.

Ortsbeirat sucht Kompromiss mit dem Amt für Verkehrsanlagen

Nach einem Erörterungstermin mit dem Ortsbeirat am 15. Januar, der von weiteren Protesten vor dem Haus des Bauens begleitet wurde, gab es einen Aufschub der Fällungen bis zum 10. Februar. Am Dienstag wollen sich der Bau- und Umweltsenator Holger Matthäus, Vertreter vom Amt für Verkehrsanlagen, Ortsbeirat und Umweltausschuss in der Jugendherberge Warnemünde treffen, um einen Kompromiss zu finden. Zwei Tage später möchte sich der Ortsbeirat erneut zusammensetzen, um die Ergebnisse zu bewerten.

Die Zeit drängt. Lenkt die Verwaltung nicht ein, sollen die Bäume noch im Februar gefällt werden.

Schlagwörter: Bäume (43)Fahrrad (137)Küstenschutzwald (5)Parkstraße (16)Warnemünde (986)

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5 Kommentare

  • NK sagt:

    Nicht nachzuvollziehen das Radfahrer, die mit am lautesten nach einer gesunden Umwelt und Klimapolitik rufen, gesunde Umwelt (Bäume) zerstören wollen.
    Anstatt so etwas Unsinniges zu verlangen und sogar ernsthaft darüber nachzudenken Bäume zu entfernen sollten Radfahrer erst einmal lernen die vorhandenen Radwege richtig zu nutzen und nicht ständig in Fußgängerzonen (z. B. Lütten Klein) mit nicht angemessenen Tempo die Fußgänger zu belästigen. Vor allem da sie sich damit strafbar machen (auch ein Radfahrer hat lt. Gesetz nicht in einer Fußgängerzone zu fahren). Also, liebe Radfahrer, bevor ihr euch darüber aufregt das man euch nicht genügend Beachtung schenkt solltet ihr Überlegen wie ihr euch in der Öffentlichkeit darstellt.

  • dr.listemann sagt:

    Der hauptsächlich genutzte Fuss- und Radweg im Warnemünder Ortseingangsbereich beginnt eigentlich erst in Höhe der Ampel an der Einmündung Groß-Kleiner Weg. Jedoch erlaubt die dort vorhandene, Ampel-geregelte Strassenquerung keinen direkten Zugang zum Strand, denn der ist tatsächlich erst am östlichen Ende der Kleingartenanlage (in Flucht zum östlichen Ende des Friedhofes) möglich. Aus diesem Grunde wäre es im Prinzip egal, ob die Fussgänger und Radfahrer (gemeinsam oder getrennt) dann erst eine Querung östlich der Gartenanlage und des Friedhofes nutzen.

    Die größte Engstelle ist ja der Friedhofs-Bereich selbst: Ein Fuss- und/oder Radweg direkt am Friedhof vorbei („Süd-Variante“) ist nur dann möglich, wenn der Friedhofs-Parkplatz umverlegt wird – denkbar wäre ein zugeordneter Parkplatz hinter dem Friedhof oder seitlich am Groß-Kleiner Weg. Bisher war das Ein- und Ausparken im Haupteingangsbereich, in dem die zulässige Geschwindigkeit immer noch nicht auf 30 km/h herabgesetzt wurde, ohnehin immer schon ein gefährlicher Akt. Eine Parkplatz-Umverlegung ließe sich auch mit der geplanten Umwidmung und Umgestaltung des Groß-Kleiner Weges zur Fahrrad-Strasse verbinden

    Im Bereich dann zwischen dem Friedhof und der Sportplatz-Ein-/Ausfahrt könnte man zu Lasten des nördlichen Straßengrabens den bisherigen Fuss- und Radweg verbreitern, ohne den Bewuchs auf der Vordüne zu roden. Der breitere Weg sollte dann ein leichtes Gefälle in das bisherige Kröten-Biotop haben, das durch eine Baumfällung und/oder Rodung zerstört würde. Mich wundert es ohnehin, mit welcher „Unbedarftheit“ oder sogar Dreistigkeit die Stadt ohne „grüne“ Widerstände dieses Biotop überhaupt anfasst.

  • Rudolfo sagt:

    Parkraumkonzept/ Verkehrskonzept für Warnemünde, weniger Autos in Warnemünde, Umweltzone im Kernbereich Warnemündes, Tempo 30 in der Parkstraße, Reparatur und ev. Ausbau des Radweges Südseite Parkstr., Ausbesserung/ Ausbau des vorhandenen Radweges Nordseite. Parkberechtigung für Anwohner gilt für ganz Warnemünde, Abschaffung von W1 etc.
    1 Mill. € für 900 m Radweg? Da bist Du mit dem Fahrrad in 4 Minuten durch.
    Was kommt nach den 900 m? Der geplante neue Radweg ist nicht Teil eines durchgehenden Radwegekonzeptes, nur Stückwerk. Vielleicht sollte man erst dringend die Fritz Reuter Str. Westseite sanieren. Für Fußgänger eine Zumutung, 2 miterlebte Unfälle 2019.

  • Michaela Kleinsorge sagt:

    Klimaschutz bedeutet CO² Verringerung + Natur und Artenschutz.Nur Radwege und Windräder sind kontraproduktiv,wenn dafür z.B. 120 Bäume gefällt werden.In Rostock bleibt der Natur und Artenschutz leider völlig auf der Strecke. Es hapert an Öffentlichkeitsarbeit und es wird oft unüberlegt gehandelt,nur um auf die Schnelle Bauprojekte- auf Kosten des Natur und Artenschutzes- durchzusetzen. Bauen und Umwelt ….da beißt sich die Katze in den Schwanz. Einen Senator für Bauen und einen Senator für Umwelt,halte ich persönlich zum derzeitigen Zeitpunkt wichtiger,als einen Kultursenator. Das 21 Jahrhundert hat existenzielle Prioritäten:Nachhaltigkeit und jeden Eingriff in die Natur vermeiden,um ein angegriffenes Ökosystem wieder zu stabilisieren plus CO² Verringerung.Bäume fällen ist hier die falsche Lösung,zumal wir auch hier in Deutschland in den nächsten Jahren mit hoher Waldbrandgefahr rechnen müssen. Wer weiß,ob die gepflanzten Jungbäume überhaupt wieder so anwachsen? Um wieder die Größe zu erhalten,braucht ein Laubbaum ein halbes Jahrhundert. Ersatzbepflanzungen halte ich für ein Beruhigungsmittel der Bevölkerung,um alles abzuholzen was der Baupolitik im Weg steht.

  • Björni sagt:

    Jup, da sind die Grünen und mal wieder wird klar, dass die sich umbenennen sollte. Keine Partei verfolgt ihre Interessen ihre Macht zu erhalten und auszubauen mehr als die Grünen, aber für den Umweltschutz setzten die sich nicht ein (außer natürlich es sind genügend potentielle Wähler vor Ort, das Thema warum die potentiellen Wähler da sind, spielt dabei nur ein untergeordnete Rolle) Heuchler. Durch deren Hände gehen auch diese Projekte, aber ein Widerwort. Pah. Warum? Es ist schließlich nicht medienwirksam und mit-beschließen tuen die solche Bauvorhaben auch. Die Partei Grauer Panther hat mehr für den Umweltschutz 2019 geleistet, als die Grünen.

    Schade das so viele Parkanlagen zugepflastert werden: eigentlich sollte die Forderung sein, jeder qm der bebaut wird, muss an anderer Stelle zu einer Grünfläche umgewandelt werden, keine Grundstücke für Einfamilienhäuser unter 1.000 qm, mancher Orts nur Erlaubnis für eine Bebauung, wenn das Grundstück bereits bebaut ist.

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