Film über Rostock-Lichtenhagen feiert im LiWu Premiere

Regisseur und Hauptdarsteller von „Wir sind jung. Wir sind stark.“ kommen mit Rostockern ins Gespräch

21. Januar 2015, von
Filmpremiere von „Wir sind jung. Wir sind stark.“
Filmpremiere von „Wir sind jung. Wir sind stark.“

„Der dunkle Schatten von Lichtenhagen hängt so schwer über dieser Stadt“, sagt Burhan Qurbani. Für den Regisseur war es daher etwas ganz Besonderes, seinen neuen Film „Wir sind jung. Wir sind stark.“ in Rostock zu zeigen. Und so wurde am Montagabend, noch vor dem bundesweiten Kinostart am Donnerstag, der rote Teppich vor dem Lichtspieltheater Wundervoll (LiWu) ausgerollt, Blitzlicht bestellt und die jungen Stars des Films vorgefahren. Ein kleiner Hauch Premierenfeeling à la Hollywood wehte durch den Barnstorfer Weg. Und da das Metropol schon lange ausverkauft war, gab es auch in der Frieda 23 eine zweite Vorführung des Films, der sich mit den Auseinandersetzungen im August 1992 am Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen beschäftigt.

Damals war der im Rheinland geborene Sohn afghanischer Flüchtlinge elf Jahre alt und ein „TV-Kind“, das den Fernsehberichten darüber nicht entkommen konnte. Burhan Qurbani erinnert sich: „Krass. Du siehst Menschen, die aussehen, wie deine Nachbarn oder Eltern deiner Freunde, die dann plötzlich Leute angreifen, die dann aussehen wie ich.“

Regisseur Burhan Qurbani
Regisseur Burhan Qurbani

Vor fünf Jahren, als ihm Wiki-Artikel, Kurz-Dokus und Reportagefetzen zu Rostock-Lichtenhagen nicht ausreichten, reifte der Entschluss, die Ereignisse zu dramatisieren und auf Leinwand zu bannen. „Während der Recherche wurde uns immer wieder gesagt, lasst doch. Es ist schon so lange her. Muss man das nochmal aufwärmen? Wir haben gemerkt: muss man“, erzählt der Regisseur dem Premierenpublikum. Die Unsitte des Wegschauens, dagegen wollte er etwas tun. Als er mit der Arbeit begann, wusste man noch nichts vom NSU, Strömungen wie Pegida, AfD und Hogesa gab es noch nicht.

Aus drei Perspektiven nähert sich der Film den Ereignissen des 24. Augusts 1992, als unter dem Applaus tausender Schaulustiger Brandsätze in ein Flüchtlingsheim geworfen wurden. Aus der Sicht der Opfer, der vietnamesischen Vertragsarbeiter, die eher versehentlich in die Schusslinie geraten. Aus der Perspektive der politisch Verantwortlichen, dargestellt von Devid Striesow in der Rolle des Martins, der der Situation nicht gewachsen ist und sich zunächst ins bildungsbürgerliche Heim flüchtet, bevor er sich aufrafft, um nur noch Zeuge des Ausmaßes der Ausschreitungen zu werden. Im Mittelpunkt steht jedoch eine Clique um dessen Sohn Stefan (Jonas Nay). Für die Jugendlichen scheint der Tag ein Sommerabenteuer zu sein mit dummen Streichen, Eifersüchteleien und Strandausflug, wären da nicht der Todessturz eines Freundes, die vielen Nazisymbole und die Trostlosigkeit der Plattenbausiedlung, die die unheilige Stimmung in schwarz-weißen Bildern heraufbeschwören. Als sich der Tag neigt, die Menschenmassen sich teilweise protestierend, teilweise in Volksfeststimmung vor dem Sonnenblumenhaus versammeln und die Fernsehkameras eingeschaltet werden, erzählt der Film in Farbbildern weiter, wie die Lage eskaliert.

„Wir sind jung. Wir sind stark.“ entwirft nicht nur mit seinen fiktiven Figuren ein Gesellschaftsporträt einer ostdeutschen Stadt in der Nachwendezeit, die von Arbeitslosigkeit und der Notwendigkeit sich neu zu orientieren verbunden war. Der Film richtet den Blick auch auf einige Details wie die Rolle der Medien. Das Bild, das um die Welt ging, darf natürlich nicht fehlen: ein Betrunkener, der mit nasser Jogginghose den Hitlergruß zeigt. Die Rolle der Flüchtlinge, für die so wenig Platz war, dass sie vor dem Haus campierten, ist dem Regisseur jedoch nur Augenblicke wert. Und auch die Motivation der verantwortlichen Politiker und der Polizei, werden nur zurückhaltend angedeutet und bleiben unverständlich.

Darsteller und Zeitzeugen bei der Podiumsdiskussion nach der Premiere von „Wir sind jung. Wir sind stark.“
Darsteller und Zeitzeugen bei der Podiumsdiskussion nach der Premiere von „Wir sind jung. Wir sind stark.“

Aber Fragen wollte er mit diesem Film nicht beantworten, weist Burhan Qurbani, der für die Recherche viel mit Opfern, Verantwortlichen und Tätern gesprochen habe, von sich.

Einige der Zeitzeugen kamen im Anschluss an die Rostock-Premiere von „Wir sind jung. Wir sind stark.“ bei einer von der Heinrich Böll Stiftung initiierten Podiumsdiskussion zu Wort.

Ein Podcast dazu ist ab dem 22.01. auf dieser Website zu finden: http://www.boell-mv.de/

Begleitend gibt es die Ausstellung „Von Menschen, Ansichten und Gesetzen. Rostock-Lichtenhagen – Mitten unter uns“ bis zum 31. Januar in der Frieda 23 (Friedrichstraße 23).

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