20 Jahre Gleichstellungspolitik in Rostock

Zeichensetzen für Geschlechtergerechtigkeit

26. März 2010, von

„20 Jahre Gleichstellungspolitik in Rostock – Zeichensetzen für Geschlechtergerechtigkeit“ – unter diesem Motto stand die gestrige Veranstaltung im Festsaal des Rostocker Rathauses.

Sefuri Sumi („Italienisches Liederbuch“) von der Hochschule für Musik und Theater begleitete die Veranstaltung musikalisch am Flügel, zur Einstimmung mit einem Werk von Robert Schumann.

Karina Jens, Bürgerschaftspräsidentin
Karina Jens, Bürgerschaftspräsidentin

„Frauen wacht auf! Was auch immer die Hürden sein werden, die man euch entgegenstellt, es liegt in eurer Macht, sie zu überwinden. Ihr müsst es nur wollen.“

Mit diesem Zitat der französischen Frauenrechtlerin Olympe de Gouges eröffnete Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens ihr Grußwort. Es hätte auch nach mehr als zwei Jahrhunderten nichts an seiner Aktualität verloren.

20 Jahre Gleichstellungspolitik sei im Rückblick eine Erfolgsgeschichte, denn viel wurde in unserer Stadt erreicht.

Auch wenn die Gleichstellungspolitik heute in allen Lebensbereichen zum politischen Selbstverständnis gehöre, gibt es dennoch weltweit und auch in Deutschland weiterhin viel zu tun.

Karina Jens verwies auf die jüngste UN-Studie, nach der Frauen ein Drittel der Beschäftigten stellen, zwei Drittel der Arbeitszeit leisten, trotzdem aber nur ein Zehntel des Welteinkommens verdienen. Am Vortag des Equal Pay Days müsse festgestellt werden, dass der Gehaltsunterschied in Deutschland immer noch bei 23 Prozent liege. Ebenso seien nach wie vor viel zu wenig Frauen in Führungspositionen zu finden.

Dr. Margret Seemann, Parlamentarische Staatssekretärin für Frauen und Gleichstellung
Dr. Margret Seemann, Parlamentarische Staatssekretärin für Frauen und Gleichstellung

Gleichstellungspolitik sei ein komplexes Thema mit einer Fülle von Aufgaben und Themen und bedarf einer Institution, die heute in Form der Gleichstellungsbeauftragten in der Kommunalverfassung das Landes verankert ist.

Mit der Einführung des Gender Mainstreaming-Prinzips werden auch Bürgerschaft und Stadtverwaltung ihrer Verantwortung gerecht.

Dr. Margret Seemann, Parlamentarische Staatssekretärin für Frauen und Gleichstellung, dankte besonders Karla Staszak und Brigitte Thiel für ihre Arbeit in letzten beiden Jahrzehnten.

20 Jahre Gleichstellungspolitik in Rostock seien untrennbar mit dem Wirken der beiden Gleichstellungsbeauftragten verbunden, betonte Seemann.

Liane Melzer, Senatorin für Jugend und Soziales, Gesundheit, Schule und Sport, Kultur
Liane Melzer, Senatorin für Jugend und Soziales, Gesundheit, Schule und Sport, Kultur

Der Oberbürgermeister hatte sich so gefreut, heute dabei zu sein, musste aber wegen eines dringenden Termins im Zusammenhang mit den Werften zu einer anderen Veranstaltung. Liane Melzer, Senatorin für Jugend und Soziales, war es jedoch eine ganz besondere Freude seine Rede zu verlesen.

Auch wenn es noch viel zu tun gäbe, sei die Hansestadt und ihre Verwaltung im Bereich der Gleichstellung auf einem guten Weg, so Roland Methling.

Neun der 26 Ämter werden inzwischen von Frauen geleitet, dies ist gut ein Drittel. „Da muss die Telekom mit 30 Prozent erst mal hinkommen.“ Mit der Tourismuszentrale, dem KOE und dem Südstadt-Klinikum werden auch die drei Eigenbetriebe der Stadt von Frauen geführt.

Natürlich ließ sich die Senatorin auch ein paar eigene Worte nicht nehmen. Die Frauen in Mecklenburg-Vorpommern und in den neuen Bundesländern insgesamt hätten aus ihrer Sicht ganz viel erreicht. „Als Wessi darf ich das sagen. Die ostdeutschen Frauen sind uns voraus in ihrer Kreativität und mit ihrer Fähigkeit, mit schwierigen Lebenslagen zurechtzukommen. Sie haben für die Gleichstellung in Deutschland Zeichen gesetzt, die uns allen genutzt haben.“

Fräulein Kiki und Fräulein Feelieze, Duo süß & saftig
Fräulein Kiki und Fräulein Feelieze, Duo süß & saftig

Nach so viel tragenden Worten war etwas Auflockerung durchaus angebracht. Dass Frau sich auch an einem solchen Tag nicht zu ernst nehmen muss, zeigten Fräulein Kiki und Fräulein Feelieze vom Duo süß & saftig.

Mit Trillerpfeife und „Du schaffst es“-Rufen startete Feeliezes Fantastisches Fitnessprogramm. Hätte der OB geahnt, was ihn erwartet, wäre er sicher nicht zur Werft gefahren, so die beiden Damen. Na, ob das harte Boot Camp-mäßige Sport- und Motivationstraining wirklich das Richtige für unsere zarten Männerseelen ist …?

„Verhalte Dich doch nicht immer wie so ein Opfer. Jetzt ist mal gut mit dem Gejammere, ja? Glaube an Dich, stehe Deinen Mann!“ Bei so viel Motivation und rhythmischen Anfeuerungen aus dem Publikum versetzte es beim Seilspringen sogar die Bühne in Schwingungen. Gut, dass es eine stützende Hand fürs Klavier gab.

„Brigitte-Diät, Kohlsuppen-Diät, Kiwi-Diät, Tiefenmuskulatur, Bauch-Peine-Po. Frauenpower. Frauenpower-Stützstrumpfhosen. Frauenpower?“ Oder doch lieber „Sahnetörtchen, Fleischbällchen, Gänsebraten, Kartoffelpuffer mit Apfelmus und Spaghetti?“

Frauenpower? Lise Meitner (Kernspaltung), Kate Gleason (Fertighaus), Mary Anderson (Scheibenwischer – hey, Frauen und Autos!), Marion Donovan (Wegwerfwindel) oder Josephine Cochran (Geschirrspülmaschine) – „was wäre die berufliche Entwicklung, die Selbstständigkeit, die Gleichstellung der Frau ohne diese Erfinderinnen?“ Frauenpower!

Karla Staszak, erste Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt Rostock
Karla Staszak, erste Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt Rostock

In den Reden bereits so oft erwähnt und gelobt, kam nun auch Karla Staszak selbst zu Wort.

Die erste Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt Rostock und spätere Parlamentarische Staatssekretärin und Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Landesregierung konnte auf viele Jahre Gleichstellungspolitik und mindestens ebenso viele Erinnerungen zurückblicken.

Aber „da müsst Ihr jetzt durch! Schließlich habe Brigitte (Thielk) sie um eine Rede gebeten und nicht nur um ein kurzes Grußwort.“ Von Nostalgie bis zu einem Rundumschlag gegen die aktuelle Bundespolitik ließ Karla Staszak kaum etwas aus in ihrer Rede. Weiter zu kämpfen, gab sie als Schlusswort mit auf den Weg.

Brigitte Thielk, Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt Rostock
Brigitte Thielk, Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt Rostock

Aus dem Foyer war schon leise Musik zu vernehmen, daher verzichtete Brigitte Thielk nach der ausführlichen Rede ihrer Vorgängerin spontan auf große Abschlussworte.

Stattdessen lud sie alle Gäste ein, die verbleibende Zeit für Gespräche und Begegnungen im Foyer zu nutzen.

Da zwischenzeitlich auch der Fortbestand der Werft – vorerst zumindest -gesichert war, mischten sich nun auch OB Roland Methling und Wolfgang Methling (MdL, Die Linke) unter die Gäste.

The Sally Gardens
The Sally Gardens

Gefühlt dürfte dies die Männerquote an jenem Tag wohl glatt verdoppelt haben.

20 Jahre Gleichstellungspolitik in Rostock, da darf man ruhig ein wenig feiern. Handgemachte Folkmusik von den Sally Gardens, ein kleines Buffet und anregende Gespräche ließen den Tag im Foyer des Rathauses ausklingen.

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