Öffentliche Führung im Stasi-Gefängnis

„Psychologische Kriegsführung“ einmal ganz nah

23. Dezember 2009, von

Stasi-Untersuchungsgefängnis in Rostock Nach 20 Jahren Mauerfall ist das Thema DDR-Geschichte wieder topaktuell und wird wohl in allen Bereichen der Medien und des Alltags zur Genüge breitgetreten. Dabei scheinen sich aber zwei Fronten zu bilden, bei denen man kurz und knapp zwischen Schönrednern und Miesmachern unterscheiden kann. Nein, es war wirklich nicht alles schlecht, aber dennoch sollte man doch kritisch auf diese Zeit zurückblicken.

Führung in der Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Rostock Deswegen sind wir hier, in der Dokumentations- und Gedenkstätte der BStU in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Rostock. Hinter dem langen Namen verbirgt sich ein unscheinbares Gebäude nahe der Innenstadt, das nur über Umwege erreichbar zu sein scheint. Zwei Treppen führen nach oben und schließlich liegt in einem ganz gewöhnlichen Flur hinter einer ganz gewöhnlichen Tür plötzlich und ganz unvermutet das gewaltige Gefängnis.

Beate Karow Die Führung wird von Beate Karow geleitet, die freundlich und souverän durch das ehemalige Gefängnis führt und dabei allerhand Spannendes zu erzählen hat. Ende der fünfziger Jahre errichtet, konnten in der Untersuchungshaftanstalt 110 Frauen und Männer „verwahrt“ werden. Es gibt 46 Zellen, vorwiegend Zwei-Mann-Zellen mit 7,5m², in die das Sonnenlicht nur durch dicke Glasbausteine dringen kann.

Die häufigsten Gründe für die Inhaftierung waren Fluchtversuche oder auch nur die gehäufte Antragstellung zur legalen Ausreise, die in der DDR grundsätzlich abgelehnt worden war. Aber auch die bloße Kritik am Staat, zeitweise sogar politische Witze oder Beschwerden über die Bananenknappheit, wurde mit Haft bestraft. Die meisten Inhaftierten verbrachten hier 5-8 Monate bis zu ihrem Strafvollzug, zwischen 1960 und 1989 gab es in Rostock 4873 Häftlinge.

Zellentrakt im Untersuchungsgefängnis der Stasi in Rostock Zu Beginn ihrer Haft wurden die Verdächtigen zunächst einzeln festgehalten, später auch in größeren Zellen mit anderen sobald ihr Bericht fertig war und das Urteil meist schon feststand. Die Vernehmungsmethoden der Stasi sind heute kein Geheimnis mehr. Nächtliche Vernehmungen, oft stundenlang mit den gleichen Fragen, waren keine Seltenheit. Die Verdächtigen wurden mürbe gemacht, unter Androhung die Ehefrau ebenfalls zu inhaftieren und die Kinder zur Adoption freizugeben, unterschrieben sie früher oder später alles, was die Stasi ihnen vorlegte.

Zelle im Stasi-Untersuchungsgefängnis Rostock Während der Führung sehen wir zuerst die Zellen, teilweise so hergerichtet wie sie früher waren, später den Freihof, auf dem (zumindest auf dem Papier) jedem am Tag 30-60 Minuten frische Luft zustand. Im Keller zeigt Beate Karow uns die Dunkelzellen, die später als Arbeitsräume genutzt wurden. Zum Schluss darf sich jeder noch einmal in die engen Zellen des Gefangenentransporters quetschen, der zu DDR-Zeiten nicht selten als Gemüse- oder Fischlieferant getarnt war.

Die schönen Geschichten über den wahren Wert der Bananen oder bescheidene Beutezüge im Konsum kennen wir bereits von unseren Eltern und Großeltern. Die Führungen in der Untersuchungshaftanstalt ermöglichen noch einmal einen ganz neuen und sehr realistischen Blick auf die Vergangenheit, bei der jeder seine vorgefasste Meinung in Ruhe überdenken kann. Weitere kostenlose Führungen dieser Art finden am 30.12.2009 und 06.01.2010 statt.

Schlagwörter: Ausstellung (232)BStU (2)DDR (22)Gedenkstätte (2)Geschichte (84)Museum (20)Stasi (4)

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3 Kommentare

  • Manfred Krupski sagt:

    Ich war Anfang bis Mitte 1962 dort als Jugendlicher in U-Haft. Entgegen den Beschrei-bungen waren die 2-er Zellen immer mit 4 Gefangenen belegt. Es gab eine breitere und eine schmalere Holzpritsche sowie zwei Matratzen für die beiden anderen Personen. Diese Matratzen wurden am Tage unter die Pritschen geschoben.
    Es gab kein Waschbecken. Hofgang in den sogen. „Bärenkäfigen“ gab es zellenweise nur alle zwei Wochen. Essen war sehr knapp. Im Sommer gab es sehr heiße Tage, ohne daß zusätzliche Getränke ausgegeben wurden. Viele Gefangene haben Wasser aus den Toilettenbecken getrunken. Erst nach einer Woche wurde darauf reagiert. Das Gefäüngnis war so kurz nach dem Mauerbau hoffnungslos überfüllt.

  • BURKHARD Beil sagt:

    War selbst 3 Jahre wegen Republickflucht in Stasihaft.Davon 63 Tage in Dunkelhaft.Unteranderen 2 Monate in Rostock.Selbst komme ich aus Gera.

  • Abshagen, Dieter sagt:

    5 -8 Monate U-Haft ist falsch, ich war von Juni 1970 bis März 1971 in Haft, also 9 Monate.

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