Saubere Luft trotz Kreuzfahrtschiffen in Warnemünde?

Die Schadstoffgrenzwerte an der neuen Messstation am Warnemünder Seekanal werden eingehalten, betroffene Einwohner bleiben skeptisch, Landstrom für Kreuzliner ist nicht in Sicht

10. März 2016, von
Schwarzer Rauch - Abgasfahne eines Kreuzfahrtschiffes am Passagierkai Warnemünde
Schwarzer Rauch - Abgasfahne eines Kreuzfahrtschiffes am Passagierkai Warnemünde

Das Ergebnis der Luftgütemessungen in Warnemünde und Hohe Düne war wenig überraschend: „Die Grenzwerte werden sicher eingehalten“, erklärte Dr. Meinolf Drüeke, Leiter Immissionsschutz und Abfallwirtschaft beim Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (Lung), am Dienstagabend bei der Vorstellung der Messergebnisse für 2015.

Objektive Messungen und subjektives Empfinden

Das subjektive Empfinden vieler Einwohner ist jedoch ein ganz anderes. Von hoch giftigem schwarzen Regen, der sich auf ihren Fenstern ablagert, spricht etwa Magdalene Flemming, die im Warnemünder Achterreeg wohnt. „Bilden sich die Warnemünder ihr Problem nur ein“, fragt Ortsbeiratsmitglied Mathias Ehlers (Grüne) daher nicht ganz unbegründet.

„Wir messen keinen Mist“, entgegnet Drüeke, „sondern halten uns an die gesetzlichen Regelungen.“ Einzelne Belastungen – etwa an bestimmten Stellen oder in bestimmten Höhen – könnten sie jedoch nicht ermitteln, sondern nur „flächendeckende Messungen für einen repräsentativen Überblick über das Gebiet“ vornehmen. „Für einzelne Beschwerdefälle ist unsere Messtechnik gar nicht ausgelegt.“

Wir sehen tatsächlich jedes Schiff, das rein- und rausfährt und an unserer Messstelle einen Peak verursacht, erklärt Drüeke, doch einzelne Spitzenwerte und höher aufgelöste Messungen seien „gesetzlich nicht gedeckt“ – die Grenzwerte auf Jahres-, Tages- oder Stundenbasis würden eingehalten.

Schadstoffquellen

Kaum ein Zweifel besteht daran, woher die gemessenen Schadstoffe stammen. Die Werte an den beiden Luftgütemessstationen in Hohe Düne und Warnemünde sind stark windrichtungsabhängig, erläutert Drüeke, sodass die Quelle an den Kreuzfahrtliegeplätzen und bei den ein-/auslaufenden Schiffen im Seekanal zu suchen ist. Zudem habe sein Amt die Stunden herausgesucht, an denen Kreuzfahrtschiffe vor Ort waren. „Wenn die Kreuzfahrtschiffe da sind, dann sind die Werte deutlich höher“, lautet die klare Aussage.

Schadstoffmesswerte im Detail

„Schwefeldioxid ist kein Thema mehr“, erklärt Drüeke. Mit 2 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegt das Jahresmittel weit unter dem zulässigen Grenzwert von 20 μg/m³. Hier helfe die gesetzliche Beschränkung des Schwefelanteils im Treibstoff.

Kreuzfahrtschiffe und Fähren belasten die Luft in Warnemünde mit Abgasen
Kreuzfahrtschiffe und Fähren belasten die Luft in Warnemünde mit Abgasen

Bei Stickstoffdioxid sieht die Situation anders aus: Die Messwerte liegen hier bei rund der Hälfte des Erlaubten. Das sind höhere Werte als an den ländlichen Hintergrundstationen, aber nicht so hohe Werte wie an den Messstationen, die dem Straßenverkehr ausgesetzt sind, etwa am Holbeinplatz oder Am Strande, erläutert Drüeke. „Man muss diesen Wert aber im Auge behalten.“

Als unauffällig bezeichnet Drüeke die gemessenen Feinstaubkonzentrationen für PM10 (PM, particulate matter mit einem maximalen Durchmesser von 10 Mikrometer) und PM2,5. Sie liegen bei weniger als der Hälfte der erlaubten Grenzwerte. Allerdings hat sich das Wetter im letzten Jahr positiv auf die Feinstaubkonzentration ausgewirkt, so Drüeke.

Doch sind die EU-weit gültigen Grenzwerte überhaupt noch zeitgemäß?

Nach den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind beim Feinstaub der Partikelgröße PM10 nur 3 statt 35 Überschreitungen im Jahr erlaubt und bei den feineren Partikeln soll der Jahresmittelwert nicht über 10 μg/m³ liegen. Beide Werte werden an der Messstation Hohe Düne nicht eingehalten, nur der Jahresmittelwert der größeren Partikel liegt noch im Rahmen.

FeinstaubJahresmittelwert
in μg/m³
Anzahl Tagesmittelwerte
über 50/25 μg/m³ (PM10/2,5)
MesswertGrenzwert, EUGrenzwert, WHOAnzahl 2015maximal zulässig, EUmaximal zulässig, WHO
PM 101640207353
PM 2,5112510k.A.3

Fairerweise muss man sagen, dass die Feinstaubbelastung an den anderen Messstationen des Landes nicht niedriger ist. Für die Lunge dürfte dies jedoch nur ein schwacher Trost sein, oder wie es Anwohner Jürgen Brandt aus Hohe Düne formuliert: „Warnemünde ist ein Seebad, Leute wollen hier mit Kindern in gesunder Ostseeluft Urlaub machen.“ Gesund ist die in Hohe Düne gemessene Luft nach Auffassung der WHO nicht.

Nicht in der Statistik enthalten sind die von vielen Wissenschaftlern als besonders gefährlich eingestuften ultrafeinen Partikel, obwohl diese bis 32 Nanometer ebenfalls erfasst werden, so Drüeke, bislang allerdings nur für Forschung und Wissenschaft. Auch eine qualitative Auswertung des Feinstaubs erfolgte 2015 nicht. In diesem Jahr werden zusätzlich Staubproben gesammelt und später im Labor chemisch untersucht, etwa auf Schwermetalle und krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Zusätzlich beabsichtigt das Lung mit einem semimobilen Messgerät an weiteren Punkten in Hohe Düne zu kontrollieren.

Konzept für Landstrom bleibt in der Schublade

Weder schwimmendes Kraftwerk noch Landstromanschluss sind für Warnemünde in Sicht
Weder schwimmendes Kraftwerk noch Landstromanschluss sind für Warnemünde in Sicht

„Eine Powerbarge wird sehr wahrscheinlich nicht nach Warnemünde kommen“, erklärt Holger Matthäus und auch ein fester Landstromanschluss ist nicht in Sicht. Zwar hat das Umweltamt eine Studie erarbeitet, die die Machbarkeit belegt, doch Papier ist geduldig. „Ich bin froh, dass wir dieses Gutachten in der Schublade haben“, sagt der Umweltsenator. Immerhin könnte ein Landstromanschluss „innerhalb kürzester Frist“ in Warnemünde installiert werden, wenn die anderen Kreuzfahrthäfen im Ostseeraum mitziehen würden. Bei Investitionskosten von zehn Millionen Euro, an denen sich das Land mit 80 Prozent beteiligen könnte, möchte Matthäus lieber abwarten.

Der Ortsbeiratsvorsitzende Alexander Prechtel (CDU) sieht den Landstromanschluss hingegen als „einmalige Chance für Mecklenburg-Vorpommern mal Vorreiter zu sein“ und ist sich sicher, dass andere Städte sehr schnell nachziehen würden. Es gibt wenig Kreuzfahrthäfen, die so attraktiv sind wie Warnemünde, wo die Schiffe so im Ort liegen, da habe Warnemünde „ein gewisses Druckmittel“, um einen Benutzungszwang für Landstrom durchzusetzen oder über gestaffelte Liegeplatzgebühren Anreize zu schaffen.

Und es würde auch um den Lärm der Schiffsantriebe gehen, sagt Prechtel, sodass ein Landstromanschluss auf jeden Fall sinnvoll sei, auch wenn sich die Abgasproblematik durch Filter und schadstoffarme Kraftstoffe wie LNG in Zukunft auf andere Weise entschärfen könnte.

Fazit

„Es kann doch nicht wieder ein Jahr vergangen sein und es tut sich nichts“, empört sich Magdalene Flemming, „das kann ich einfach nicht mehr begreifen!“ – „Ich wohne auch am Alten Strom“, entgegnet Holger Matthäus, „der schwarze Ruß ist das ganze Jahr über da, nicht nur im Sommer.“

‚Schiffe gucken‘ macht Spaß und zieht Touristen an
‚Schiffe gucken‘ macht Spaß und zieht Touristen an

Schwacher Trost oder Bankrotterklärung? „Es geht halt nicht schneller“, bemüht sich der Umweltsenator um Verständnis: „Wir bewegen uns hier auf internationalem Terrain und da können wir mit einer städtischen Satzung nicht die Welt verändern.“

„Wir wollen die Kreuzfahrtschiffe hier haben“, stellt Prechtel klar, doch bei der Verringerung der Emissionen spricht er von „Beamtenmikado“ und mahnt den Senator im Interesse der Urlauber und Warnemünder mehr Druck zu machen.

Doch wozu eigentlich? „Da alle Grenzwerte eingehalten werden, brauchen wir weder Landstromanschluss noch etwas anderes“, lautet das sarkastische Schlussfazit aus dem Publikum.

Schlagwörter: Feinstaub (7)Kreuzfahrtschiff (177)Landstrom (8)Umwelt (124)Umweltverschmutzung (16)Warnemünde (939)

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1 Kommentar

  • Daniel Rieger, NABU sagt:

    Das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie hat Messungen vorgelegt, die suggerieren, dass von den Schiffsabgasen keine gesundheitsschädigende Wirkung ausgeht. Ich halte diese Aussage für problematisch und irreführend. Es ist ja richtig: Gesetzlich vorgeschrieben sind derzeit nur Grenzwerte für Feinstaub der Größen bis 10, bzw. 2,5 Mikrometern (PM10 und PM2,5). Das eigentliche Problem für die menschliche Gesundheit sind jedoch die viel kleineren ultrafeinen Partikel (PN). Für sie gibt es bisher jedoch noch keinen gesetzlichen Grenzwert. Aus einem fehlenden Grenzwert abzuleiten, es bestehe auch keine Gesundheitsgefahr, wird dem Problem nicht gerecht und verzögert notwendige Maßnahmen seitens der Politik und der Reeder. Mittlerweile liegen umfangreiche Studien vor, die den Zusammenhang von Schiffsabgasen, insbesondere dem zu den ultrafeinen Partikeln zählenden Dieselruß und schwerwiegenden Atemwegs- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen beim Menschen belegen. Warum also gibt es immer wieder Missverständnisse, wenn es um die lokale Feinstaubbelastung geht? Dies hängt im Wesentlichen mit der Messmethode zusammen. Denn während die bekannten Größen PM10 und PM2,5 nach ihrem Gewicht erfasst werden, zählt man bei den ultrafeinen Partikeln die Anzahl, um Aussagen über die Konzentration in der Atemluft treffen zu können, da sie so klein sind, dass sie kaum noch Masse besitzen. Der NABU hat an Kreuzfahrtterminals die Belastung der Luft mit ultrafeinen Partikeln gemessen und regelmäßig Konzentrationen nachgewiesen, die 400mal höher waren als in unbelasteten Gebieten https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/verkehr/luftschadtstoffmessung_h__fen.pdf Wollte man sich also ein umfassendes Bild von der tatsächlichen Gesundheitsbelastung der Anwohner in Warnemünde machen, sollten dringend die Konzentrationen des Ultrafeinstaubs erfasst werden. Die Konsequenz kann dann nur lauten, Schiffe, die Warnemünde ansteuern wollen, dazu zu verpflichten, einen Partikelfilter und einen Stickoxid-Katalysator zu verwenden – so wie es für Pkw und Lkw seit Jahren Standard ist.

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