Fluch-Tafel - spektakulärer Fund auf Rathausbaustelle

Archäologen entdecken bei Ausgrabungen auf der Baustelle für den Rostocker Rathausanbau eine geheimnisvolle Fluch-Tafel aus dem 15. Jahrhundert.

12. Dezember 2023
Diese Fluch-Tafel aus dem 15. Jahrhundert haben Archäologen bei der Ausgrabung auf der Rostocker Rathausbaustelle in einer Latrine entdeckt. In ausgerolltem Zustand wurden die Worte „sathanas taleke belzebuk hinrik berith“ lesbar. Der Fluch richtete sich also gegen eine Frau namens Taleke und Hinrik (Heinrich). Sie sollten es mit den Teufeln Satan, Beelzebub und Berith zu tun bekommen. Foto: Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern (AIM-V)
Diese Fluch-Tafel aus dem 15. Jahrhundert haben Archäologen bei der Ausgrabung auf der Rostocker Rathausbaustelle in einer Latrine entdeckt. In ausgerolltem Zustand wurden die Worte „sathanas taleke belzebuk hinrik berith“ lesbar. Der Fluch richtete sich also gegen eine Frau namens Taleke und Hinrik (Heinrich). Sie sollten es mit den Teufeln Satan, Beelzebub und Berith zu tun bekommen. Foto: Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern (AIM-V)

Der Rostocker Rathauskomplex soll um zwei Neubauten ergänzt werden. Auf dem Areal zwischen Neuem Markt und Kleiner Wasserstraße lässt der Eigenbetrieb KOE ein „Doppelgiebelhaus“ und ein Verwaltungsgebäude errichten. Flexible Raumkonzepte schaffen moderne Arbeitsbedingungen in der Stadtverwaltung, die zentrale Struktur erleichtert Behördengänge.

Anfang Dezember war die Baustelle noch in Schnee gehüllt. Aus der Idylle ist eine Seenlandschaft geworden. Die Archäologen müssen sich bei ihrer Ausgrabung mit der Situation arrangieren. Schon wieder, sie hatten es das ganze Jahr über nicht leicht. Regenwasser auf Lehm in Hanglage: Viel komplizierter geht es nicht. Wenigstens kündigt sich langsam die Jahresendruhe an.

Spektakulärer Fund kurz vor Jahresschluss

Und als wollte sich das geschichtsträchtige Erdreich in der Rostocker Mittelstadt mit den Archäologen versöhnen, gab es kurz vor Jahresschluss noch einen spektakulären Fund preis. „Wir haben etwas gefunden, das wir gar nicht hätten finden können“, erklärt Grabungsleiter Dr. Jörg Ansorge.

Wer hat Taleke und Heinrich die Teufel auf den Hals geschickt?

Ein unscheinbares Stück Metall entpuppte sich als „Fluch-Täfelchen“. Es handelt sich um ein zusammengerolltes Stück Blei. In ausgerolltem Zustand wurden die Worte „sathanas taleke belzebuk hinrik berith“ lesbar. Der Fluch richtete sich also gegen eine Frau namens Taleke und einen gewissen Hinrik (Heinrich). Sie sollten es offensichtlich mit den Teufeln Satan, Beelzebub und Berith zu tun bekommen. Wollte jemand die Beziehung von Taleke und Heinrich auseinanderbringen? Ging es hier um verschmähte Liebe und Eifersucht, sollte jemand aus dem Weg geschafft werden? Die Vergangenheit hat leider nur einen Hinweis hinterlassen, nicht des Rätsels Lösung.

Ähnliche Funde aus dem Mittelalter bislang unbekannt

Was macht den Fund so besonders? Dr. Ansorge: „Fluch-Täfelchen sind eigentlich aus der Antike im griechischen und römischen Raum bekannt, also aus der Zeit von 800 vor Christus bis 600 nach Christus. Unsere Entdeckung lässt sich dagegen auf das 15. Jahrhundert datieren. Das ist wirklich ein ganz besonderer Fund.“ Laut Dr. Ansorge waren ähnliche Funde aus dem Mittelalter unbekannt. Der Archäologe verstaut das Exponat lieber wieder sorgsam in einer Schutzhülle.

Der Schadenzauber sollte nicht entdeckt werden

Die Schrift in gotischen Minuskeln ist mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Es handelt sich um eine etablierte Handschrift, keine Kritzelei. Die Tafel wurde auf dem Boden einer Latrine an einem Grundstücksende entdeckt. Kein Wunder. Schon in der Antike wurden Fluch-Tafeln möglichst dort platziert, wo sie schlecht bis gar nicht zu finden waren. Die Verfluchten sollten ja nichts vom drohenden Ungemach erfahren. Der Schadenzauber konnte sich somit in aller Ruhe entfalten.

Die Keller An der Hege zeigen Spuren ihrer Vergangenheit

Dr. Jörg Ansorge und seine Mitarbeiter haben mittlerweile alle zugänglichen Keller An der Hege hinter dem Rathaus freigelegt. Es handelt sich um sechs mittelalterliche Giebelhäuser, die nach dem Brand von 1677 erheblich umgebaut wurden. Dabei hat man auch den Zuschnitt der Grundstücke tiefgreifend verändert. Nahezu alle Häuser des Quartiers wurden während der Bombenangriffe 1942 zerstört. Der Keller An der Hege 4 stammt aus dem 13. Jahrhundert. Um 1880/90 wurde darauf ein gründerzeitlicher Neubau errichtet. Im mittelalterlichen Keller fanden sich Spuren von Handwerk und Wohnen, u.a. eine Herdstelle für Dreibein-Töpfe und eine Feldsteintreppe. Besondere Fundstücke in den Giebelhäusern waren verschiedene Zapfhähne aus dem 16./17. Jahrhundert. Sie stammen aus Norddeutschland und wurden aus Bronze gefertigt. Damit haben sich die schriftlichen Belege bestätigt, dass in der Straße einst Bier gebraut wurde. Dazu passen die Einführungen von hölzernen Wasserleitungen und in den Kellerfußboden eingelassene Kästen. Diese etwa einen Kubikmeter großen Gefäße dienten als Zisternen.

Bauforscher untersucht ältestes Steinhaus der Mittelstadt

Die in den Hausnummer 7/8 entdeckten Überreste des vermutlich ältesten Steinhauses der Mittelstadt sind mittlerweile Angelegenheit von Bauforscher Torsten Rütz aus Greifswald. Er identifiziert im Rahmen einer bauhistorischen Untersuchung die unterschiedlichen Bauphasen. Es ist unklar, welchem besonderen Nutzungszweck das Gebäude diente. Gebaut wurde es um 1230 bis 1250 am Ende der Romanik, zur Frühzeit der Backsteingotik. Damals hat man eigentlich nur Holzhäuser errichtet. Im späten 13. Jahrhundert wurden auf dem Grundstück des Traufenhauses zwei Giebelhäuser gebaut.

Baustelle ist fundarm, liefert aber „Spitzenqualität“

Dr. Jörg Ansorge ist mit den Ergebnissen der Ausgrabung grundsätzlich zufrieden. „Diese Baustelle ist sehr fundarm. Wir haben zum Beispiel keine Latrinen aus der Renaissance- oder Barockzeit entdeckt. Aber wenn wir etwas finden, dann ist es Spitzenqualität, wie die Valencianische Lüsterware, der außergewöhnlich erhaltene Lederschuh und das Fluch-Täfelchen.“

Quelle: KOE Rostock, Foto: Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern (AIM-V)

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