Slawischer Holzspant in Dierkow ausgegraben

Archäologen sind auch 2018 frühmittelalterlichem Handelsplatz am Primelberg auf der Spur

15. August 2018, von
Ausgrabungen am Primelberg in Dierkow
Ausgrabungen am Primelberg in Dierkow

Die 800-jährige Geschichte Rostocks muss zwar nicht neu geschrieben werden, aber am Anfang in die Frühzeit verlängert. Zumindest geben die aktuellen Funde der Ausgrabungen am Primelberg neue Hinweise auf die erste internationale Schifffahrt im heutigen Stadtgebiet.

Schon seit 2013 wird in der feuchten Niederung zwischen Warnow und Dierkow nach einem bedeutenden frühslawischen Seehandelsplatz, der hier im 8. und 9. Jahrhundert existiert haben soll, geforscht. Nachdem in den 1980er Jahren Überreste von kleinen Häuschen, Werkstätten und Brunnen gefunden worden waren und klar war, dass dieser Platz zu einem frühmittelalterlichen internationalen Handelsnetzwerk im Ost- und Nordseeraum gehörte, wollten die Archäologen nun wissen, wie groß die Siedlung war und wo der Hafen lag.

Im letzten Jahr war das gemeinschaftliche Forschungsprojekt des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung, dem Deutschen Archäologischen Institut und der hiesigen Universität eigentlich schon beendet. Doch im Jahr des 800. Stadtjubiläums Rostocks nahm die Stadt noch einmal 55.000 Euro in die Hand, um eine weitere Ausgrabungskampagne selbst zu finanzieren.

Erstes Highlight der Augrabungen am Primelberg 2018: ein Holzspant eines frühmittelalterlichen Schiffes.
Erstes Highlight der Augrabungen am Primelberg 2018: ein Holzspant eines frühmittelalterlichen Schiffes.

Und es hat sich gelohnt. Die Wissenschaftler zeigen sich mit den Ergebnissen der letzten drei Wochen zufrieden. Zu den ersten Höhepunkten in diesem Jahr zählt ein Holzspant, wie er in einem frühmittelalterlichen Schiff verbaut wurde. Etwa drei bis vier Meter breit und bis zu 15 Meter lang könnte das dazugehörige Schiff groß gewesen sein. „Da wir im Siedlungsgebiet sind, gehen wir davon aus, dass dieser Spant abgewrackt wurde oder repariert werden sollte“, erläutert Dr. Sebastian Messal. Der wissenschaftliche Leiter weist darauf hin, dass in dem Grabungsschnitt, in dem das Holzstück freigelegt wurde, im Gegensatz zu den anderen Schnitten, keine Siedlungsschichten zu sehen sind. Könnte hier vielleicht eine Werft gewesen sein? „Wir hoffen, dass wir hier noch mehr Schiffsteile finden oder andere bearbeitete Hölzer, die uns letztendlich noch weitere Hinweise über die Funktion des Areals geben“, hält der Archäologe sich mit Spekulationen zurück.

Projektleiter Hauke Jöns
Projektleiter Hauke Jöns

Im Mittelpunkt der diesjährigen Grabungen steht auch die weitere Erforschung der Flechtwerksmatten. Es handelt sich dabei um eine mächtige Infrastrukturmaßnahme, mit der man versuchte, die Niederung, die vom Primelberg aus in Richtung Hafen geht, trocken zu legen, um besser auf dieser Fläche zu wirtschaften. Zwei mal zwei Meter große Flechtwerke aus Weiden und Haselnusshölzern waren auf den Torf gelegt worden. Darauf eine Sandschicht aufgebracht, auf der man schließlich siedelte. „Durch Bohrungen nehmen wir an, dass sie etwa 3.500 qm bedeckt haben“, berichtet Projektleiter Prof. Dr. Hauke Jöns. Doch was passiert mit der organischen Substanz, die so lange so gut erhalten war, bei Wasserstandsänderungen? Auch wenn diese Frage noch nicht abschließend geklärt ist, schon jetzt steht fest: „Diese Grabungen bieten uns eine Fülle von Material, das uns das kulturelle Erbe der damaligen Zeit wunderbar erschließt.“

Perlen, Bernstein, Knochen, Scherben zählen zu den vielen kleinen Fundstücken, die mit Hilfe von Studenten der Universität Rostock abgetragen, mit Wasser aus dem nahegelegenen Hechtgraben geschlemmt und dann noch einmal fein gewaschen und gesichtet wurden, bevor sie für die Experten inventarisiert werden.

Nach dem Schlemmen wird alles feinsäuberlich geputzt und vorsortiert.
Nach dem Schlemmen wird alles feinsäuberlich geputzt und vorsortiert.

Diese Funde geben einen Hinweis auf die große Bedeutung des Handelsplatzes an der südlichen Ostsee. Hier wurde nicht nur Handel abgewickelt, es wurden auch Innovationen ausgetauscht. Sebastian Messal sagt: „Es ist ein wichtiger Platz nicht nur für die Stadtgeschichte, sondern auch für die Ostsee-weite archäologische Forschung.“ Obwohl es ein slawischer Platz gewesen war, gebe es auch Hinweise darauf, dass hier Skandinavier gelebt und Sachsen und Friesen zumindest gehandelt haben.

Etwa ein Viertel von diesem Gelände wurde bereits stichprobenartig ausgegraben. Ob es im nächsten Jahr weitergeht, hängt von der Finanzierung ab. „Es würde sich lohnen, aber als Stadt ist es eigentlich nicht unsere Aufgabe. Wir haben es uns mal zum Stadtjubiläum geleistet“, erklärt Dr. Michaela Selling, Leiterin des Amtes für Kultur und Denkmalpflege.

Das Grabungsteam bietet auch in diesem Jahr wieder die Möglichkeit, im Rahmen von Führungen die Grabungsergebnisse in Dierkow näher kennenzulernen. Diese werden im Zeitraum vom 15. August bis 12. September 2018 immer mittwochs um 16:30 Uhr angeboten.

Zusatzführungen gibt es darüber hinaus am Tag des offenen Denkmals (Sonntag, 9. September 2018 um 10 und um 14 Uhr). Treffpunkt für Interessierte ist der am Dierkower Damm hinter der ehemaligen Deponie Richtung Warnow führende Rad- und Fußweg. Parkmöglichkeiten sind dort nicht vorhanden. Die Bushaltestelle „Schenkendorfweg“ befindet sich in nur 75 Metern Entfernung. Vom Treffpunkt geht es dann in geführten Gruppen zur Grabungsstelle.

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