Von Liebe und Zorn. Jung sein in der Diktatur

Interaktive Wanderausstellung in der Stasi-Gedenkstätte

23. September 2010, von
Von Liebe und Zorn. Jung Sein in der Diktatur
Von Liebe und Zorn. Jung Sein in der Diktatur

Was bedeutete es, als Jugendlicher in der DDR aufzuwachsen? Vor allem wenn man anders war, nicht dem Bild einer „sozialistischen Persönlichkeit“ entsprach und es auch gar nicht wollte?

Ein Bild davon können sich jetzt die Besucher der Ausstellung „Von Liebe und Zorn. Jung sein in der Diktatur“ in der Dokumentations- und Gedenkstätte der BStU in der ehemaligen U-Haft der Stasi in Rostock machen.

Von Liebe und Zorn. Jung Sein in der Diktatur
Von Liebe und Zorn. Jung Sein in der Diktatur

Sie dokumentiert das Leben von „Fetzer“, „Barry“ und ihrem Freundeskreis in Erfurt, die mit der durch den Staat verordneten Lebensweise und Kulturpolitik nichts anfangen konnten. Ihre Erlebnisse werden hauptsächlich in der sie prägenden Jugendzeit von 1973 bis 1983 dargestellt. Damals trugen sie gerne Jeans, hatten lange Haare, hörten Westmusik und stellten unliebsame Fragen. Dafür sahen sie sich in ihrem Alltag Einschränkungen und harten Repressionsmaßnahmen ausgesetzt.

Fotos, Dokumente und Auszüge aus Stasi-Akten lassen die Geschichte(n) der beiden Freunde und den Alltag in der DDR-Diktatur lebendig werden. Zusätzlich gibt es fünf Hörstationen mit Tondokumenten und begleitendem Textmaterial. Symbole verweisen auf vertiefendes Zusatzmaterial wie Interviewausschnitte, Musikbeispiele und Dokumente.

Foto aus: Von Liebe und Zorn. Jung Sein in der Diktatur
Foto aus: Von Liebe und Zorn. Jung Sein in der Diktatur

Der inhaltliche Aufbau der interaktiven Ausstellung orientiert sich an fünf Themenblöcken. Der Block „Geborgen Sein“ behandelt ihre Kindheit und Schulzeit. In der Pubertät stellen sie Fragen der Identitätsfindung und ecken zum ersten Mal mit ihrer Andersartigkeit an. Dieser Abschnitt wird im zweiten Block „Sinn-Suche“ dargestellt. In „Dabei-Sein“ versuchen „Fetzer“ und „Barry“ sich durch eine Berufsausbildung scheinbar anzupassen und trotzdem ihrer Lebensanschauung treu zu bleiben. Der vierte Block „Frei Sein“ veranschaulicht dann ihre Suche nach Geborgenheit und Nähe in einer Gruppe, aber auch nach der eigenen Individualität. Schließlich bekommen sie im Block „Anders Sein“ die Härte des DDR-Machtapparates zu spüren. Sie erkennen, dass sie durch die Staatssicherheit beobachtet werden, und müssen erfahren, wie mit Andersdenkenden umgegangen wird.

„Wir wollten aufklären, wie eine Diktatur tickt, wie diktatorische Elemente schleichend eingeführt werden“, erklärt Uwe Kulisch, Autor und Kurator der Ausstellung und mahnt an, dass wir auch heute „aufzupassen und auf erste Anzeichen zu achten haben.“

Elisabeth Hanske und Nadine Harbarth
Elisabeth Hanske und Nadine Harbarth

Vieles hat sich seither natürlich geändert. Die beiden Krankenschwestern Elisabeth Hanske und Nadine Harbath kennen die Zeit von ihren Eltern. „Ich fühle mich heute sicher“, sagt die 24-jährige Elisabeth Hanske bei der Ausstellungseröffnung. „Bei uns sind es eher die finanziellen Mittel, die einen beschränken.“ Ihre 22-jährige Kollegin ergänzt: „Der Zusammenhalt ist nicht so wie früher. Trotz Handy haben wir weniger Kontakt. Es gibt eine große Flüchtigkeit, weil viele weg gehen.“ Im Vergleich zu ihren Altersgenossen vor 30 Jahren stellen die beiden fest, dass „sie nur sich hatten. Wir haben so viel anderes.“

Kurator Uwe Kulisch
Kurator Uwe Kulisch

Der in der Mitte der sechziger Jahre geborene Torsten Gratopp erzählt nach der Besichtigung der Ausstellung, dass er es so ähnlich ebenfalls kennt. Obwohl er sich nicht zu den Langhaarigen zählte, findet er es interessant zu erfahren, wie versucht wurde, diese zum Umdenken zu bewegen.

„Uns lag viel daran zu zeigen, wie durch politisch operatives Zusammenwirken Persönlichkeiten zerstört wurden. Wir wollen entgegenwirken, dass nur die Stasi und die DDR die Auseinandersetzung mit dieser Zeit beherrschen. Viele haben daran ihren Anteil und sind Mitträger des Apparates“, betont Uwe Kulisch.

Er und Marina Böttcher vom Verein Freiheit e.V. Erfurt haben die Ausstellung erarbeitet. Ihnen war dabei wichtig, dass die Zeitzeugen von Anfang an mit in das Konzept eingebunden wurden und mit den Wissenschaftlern auf einer Augenhöhe standen.

Gefördert wird „Von Liebe und Zorn. Jung sein in der Diktatur“ von der Bundeszentrale für politische Bildung, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und weiteren Einrichtungen des Landes Thüringen.

Die interaktive Ausstellung kann noch bis zum 30. Oktober in der Dokumentations- und Gedenkstätte der BStU in der ehemaligen U-Haft der Stasi in Rostock (Hermannstr. 34 b) besucht werden.

Schlagwörter: Ausstellung (236)DDR (22)Geschichte (87)Jugend (13)Stasi (4)

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2 Kommentare

  • MM sagt:

    Hmm ich finde es schade dass immer gleich der Diktatur Begriff mit der DDR rausgeholt wird. Das ermöglicht dann keine differentielle Betrachtung mehr :(

  • FH sagt:

    Ich seh das anders, meiner Meinung werden die diktatorischen Eigeschaften der DDR heutzutage viel zu sehr unter den Tisch gekehrt, so dass sie dem heutigen Betrachter gar nicht mehr so schlimm erscheint, wie sie in Wirklichkeit oft war.

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