Rayk Wieland: Ich schlage vor, dass wir uns küssen

Der wohl lustigste Roman über die Wendezeit – Lesung im Kuhtor

5. November 2009, von

Literaturhaus Rostock im Kuhtor Neben der Lichtwoche scheint sich die erste Novemberwoche dieses Jahres zur Rostocker Buchwoche zu mausern – zumindest was unser Blog betrifft. Nachdem letzte Woche Jochen Schimmang den Auftakt zur LiteraTour Nord in Rostock gab, war heute Rayk Wieland zu Gast. Eingeladen hatte das Literaturhaus Rostock und das Kuhtor war wieder einmal gut besucht.

Mit Unterstützung des Goethe-Instituts ist Wieland derzeit auf internationaler Buchtour unterwegs. Jerusalem, Shanghai, Lissabon – eher die kleinen Städte also. Da dürfte die Regiopole Rostock auch für ihn eine willkommene Abwechslung gewesen sein. Ab und an etwas Großstadtflair kann ja nicht schaden.

„Ich schlage vor, dass wir uns küssen“ ist ein – ja, was ist es eigentlich? Gedichtband? Autobiografie? Geschichtsaufarbeitung? Bildinterpretation? Liebesgeschichte? Lyrik? Satire? Wieland zeigt viele Facetten, doch Moment, ein satirischer Rückblick auf die DDR – kann, darf, sollte man?

20 Jahre nach der Wende kann und darf man zum Glück bedenkenlos. Und wer Wieland gelesen hat, dürfte auch das sollte bejahen. Eine Bereicherung der Bücherlandschaft ist dieser Roman über die DDR und die Wende ganz sicher.

Rayk Wieland - Lesung im Rostocker KuhtorW. hat Gedichte geschrieben, für sich und für seine Freundin.

Abgefangen auf dem Weg zu ihr, nach München, ins NSA (Nichtsozialistische Ausland), las diese auch Norbert Schnatz, Oberleutnant des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR.

Und so tauchen die Gedichte nach der Wende plötzlich wieder auf, in einer Stasi-Akte.

Gedichte eines pubertierenden Teenies zusammen mit den Anmerkungen und abstrusen Interpretationen des Oberleutnants Schnatz lassen kaum ein Auge trocken – eine ganz andere, entspannte und herrlich amüsante Sicht auf Stasi und IMs.

Bevorzugt natürlich live, in Wielands ganz eigener spitzbübischer und leicht sarkastischer Art. Was fehlte? Nichts. Nicht mal das – anders als vor 20 Jahren – gute Glas Wein. Auch wenn eine Alibi-Flasche Wasser aus dem Hause Glashäger den Schreibtisch schmückte.

Nicht weniger lustig: Kapitel 8. Die Interpretationen „sozialistischer Gegenwartskunst“, hier in Form eines Wandgemäldes aus dem VEB Fernsehtechnik Berlin. Und wer hätte gedacht, in dieser sozialistischen Gegenwartskunst doch tatsächlich „die Lösung eines der fundamentalsten philosophischen Probleme der Geistesgeschichte vorzufinden“?

Zu viel soll an dieser Stelle jedoch nicht vorweggenommen werden. Ich schlage vor, dass Sie ihn lesen. Ihn, den Wieland, den ganz sicher lustigsten Roman über die Wendezeit.

Morgen Abend stellt übrigens der Rostocker Autor Harri Engelmann mit „Russenblut“ seinen Debüt-Roman in der Kunsthalle Rostock vor – empfehlenswert!

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