„Das Weiberregiment“ – Ein Shakespeare nach Aristophanes

Bei der Premiere des vom Theaterjugendclub 1 (TJC1) inszenierten Stückes stand gestern das Theater im Stadthafen unter der Fuchtel des „Weiberregiments“

1. April 2011, von

Moritz Klück, Carl Bauer, Benjamin Krahn, Tim Palme und Jan GrigutschWenn sich zwei streiten, so heißt es, freut sich der Dritte. Das scheint für Künstler allerdings nicht zu gelten. Wenn sich Shakespeare und Aristophanes, sein Schriftstellerkollege aus der Antike, darum streiten, wessen Stück sich besser für eine Aufführung eignen würde, wird einfach ein Kompromiss geschlossen. Shakespeares „Verlorene Liebesmüh“ wird kurzerhand mit Aristophanes‘ „Lysistrate“ verkuppelt.

Natürlich ist der Streit Teil des Stücks „Das Weiberregiment“, das Torsten Malter und Karsten Schuldt zusammen mit dem TJC1 gestern Abend zum ersten Mal vor Publikum zeigten. Tatsache ist aber, dass ihr Theaterstück wirklich aus den beiden Handlungssträngen der oben genannten Werke zusammengesetzt ist.

Anne Herzmann, Julia Langer, Laura Klettke und Kristin VoigtDie Handlung rund um den König von Navarra und seinen drei Freunden Äneas, Demeter und Timon, die schwören, sich ganz dem Studium zu widmen, stammt aus Shakespeares Feder.

Die Vier planen weder Frauen noch andere Ablenkungen in ihre Nähe kommen zu lassen. Natürlich wird daraus nichts, denn wie das mit Plänen so ist: Während man sie schmiedet, kommt alles ganz anders. Denn die schöne Prinzessin Lysistrate und ihre Gefolgschaft, bestehend aus Myrrhinchen, Kalonike und Salina, sind auf dem Weg zum Hof des Königs und erbitten Einlass.

Die Frauen mit einem BriefUm ihren Schwur nicht zu brechen, lässt der König die Frauen vor den Toren der Stadt auf der Wiese kampieren. Dort können die vier Männer die Besucherinnen problemlos empfangen, ohne in Gefahr zu sein ihren Schwur zu brechen. Amor aber hat andere Pläne. So verlieben sich nicht nur die drei Weggefährten des Königs in jeweils eine der schönen Frauen, sondern auch er selbst verfällt den Reizen Lysistrates.

Heimlich werden Briefe und Gedichte getauscht und zarte Bande entstehen. Nachdem die vier Männer sich einig sind, ihren Schwur Schwur sein zu lassen, sieht alles nach einem glücklichen Ende aus. Dieses wird jedoch durch die Einberufung der Männer in den Krieg zunächst zunichtegemacht.

Der König von NavarraNeben dem Namen „Lysistrate“ ist auch der Krieg bereits der erste Verbindungspunkt zum Stück Aristophanes. Denn während Shakespeares Komödie hier endet, geht es im „Weiberregiment“ noch weiter.

Nachdem die Frauen sechs Jahre lang zugesehen haben, wie ihre Männer Krieg führten, während sie allein am häuslichen Herd saßen, ist das Maß voll. Sie schmieden einen Plan, der nicht nur den Krieg beenden, sondern auch die Männer wieder zurück nach Hause bringen soll.

Katharina Ihlenburg, Kristin Voigt, Dorothea Nauenburg, Bianca Bauer und Julia StanoevaAngeführt von Lysistrate und der schönen Lampito aus Sparta, beschließen sie die Akropolis zu besetzen, um so die Mittel für den Krieg unter Verschluss zu halten. Zu allem Überfluss verwehren sie den Männern außerdem den Zutritt zu ihren Betten, was neben den fehlenden Geldern das größere Problem für die Männer zu sein scheint.

Um die beiden Stücke miteinander zu verbinden, wurden in den klassischen Texten einige kleine Änderungen und Ergänzungen vorgenommen. So zum Beispiel das Einfügen der Rollen des Shakespeare, der hier außerdem eine Frau ist, und Aristophanes. Durch ihre Eigenschaft, Autor der Texte zu sein, sollten sie eigentlich außerhalb der Handlungen liegen, mischen sich aber immer wieder in diese ein. So reden sie nicht nur mit den anderen Protagonisten, sondern streiten sich auch immer wieder darum, wie es weiterzugehen hat.

Julia Viselle Dahms und Lorenz PlathBesonders eins der Streitgespräche, das genau zwischen den Handlungssträngen der beiden Stücke liegt, spielt eine wichtige Rolle beim Verbinden der Stücke, ist aber natürlich ausgedacht. Torsten Malter, Leiter des Theaterjugendclubs 1, verriet, dass er sich besonders aus dieser Szene einen Spaß gemacht und ganz tief in die Zitate-Kiste gegriffen habe. So streiten sich Shakespeare und Aristophanes mit den Worten Rosa Luxemburgs und anderer historischer Personen über die Rolle der Frauen im Leben der Männer.

Die Verbindung ist so gut gelungen, dass es kaum auffällt, dass sich hinter dem Stück eigentlich zwei verstecken. Die Handlungen passen so ideal zueinander und sind durch Torsten Malter und Karsten Schuldt so geschickt verknüpft worden, dass ein nahtloser Übergang stattfindet. Die Vermischung der Personen aus „Verlorene Liebesmüh‘“ und „Lysistrate“ ist ohne Zweifel glaubhaft und wirft keinerlei Fragen auf.

König und AgathonSo ist etwa Agathon, der Kriegsherr, in Teilen eine Erfindung. Zunächst wird er zum Boten für die Briefe und bekommt am Ende doch noch seinen Krieg. Es gibt ihn zwar namentlich im Stück von Aristophanes und auch in Shakespeares „Verlorene Liebesmüh‘“ kommt eine ähnliche Person vor, aber einiger Änderungen bedurfte es trotzdem. Denn in keinem der beiden Stücke ist er auch nur annähernd so komisch, wie er sich in dem Weiberregiment gibt.

Obwohl die beiden Stücke aus völlig verschiedenen Zeiten stammen, behandeln sie die gleiche Problematik. Auch aus heutiger Sicht verlieren sie keineswegs an Aktualität. Der Krieg scheint im Leben der Menschen allgegenwärtig. Schalten wir heute die Nachrichten an, ist es beinahe alltäglich, irgendwo auf der Welt kriegerische Auseinandersetzungen zu sehen.

Gabriele IsingTrotz der ernsten Themen, die angeschnitten werden, wirkt das Stück jedoch nicht bedrückend. Schließlich solle es auch kein Bildungstheater sein, so Malter. Man kann sich einfach hineinsetzen und unterhalten lassen. Wichtig sei ihm vor allem, dass junge Leute den Weg ins Theater finden würden, was ja auch teilweise der Gedanke hinter dem Theaterjugendclub sei.

Gestern ist das Konzept aufgegangen. Neben Familien und Freunden der Darsteller fanden auch viele andere junge Zuschauer ihren Weg zum Stadthafen. Und nicht nur sie schienen begeistert zu sein: „Eine ganz tolle Inszenierung. Junge engagierte Schauspieler, die sich unglaublich gut bewegen können“, lautete zum Beispiel das Fazit von Gabriele Ising, die gekommen war, um ein paar ihrer Schüler auf der Bühne zu sehen.

Wer sich selbst ein Bild vom Können des Theaterjugendclubs 1 machen möchte, kann das morgen (2. April) um 19:30 Uhr tun, wenn noch einmal das „Weiberregiment“ die Bühne im Stadthafen unter seine Kontrolle bringt. Die Besetzung kann dann jedoch leicht von der gestrigen abweichen, da einige Rollen doppelt belegt sind.

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