Warnemünder Zwiebelschuppen vor dem endgültigen Abriss

Abriss statt Rückbau und Wiederaufbau – trotz Widerstand im Ortsbeirat scheint das Ende des historischen Baudenkmals am Kreuzfahrtterminal besiegelt

13. Januar 2016, von
Zwiebelschuppen in Warnemünde
Zwiebelschuppen in Warnemünde

„Wir hätten mehr haben können, nämlich einen Teil des Gebäudes erhalten. Aber das war heute so in der Abstimmung nicht gewollt“, fasste Alexander Prechtel (CDU), Vorsitzender des Ortsbeirates Warnemünde, gestern Abend die Diskussion um den Abriss des Zwiebelschuppens auf der Warnemünder Mittelmole zusammen.

Die Hafen-Entwicklungsgesellschaft Rostock (Hero) hat den Abriss des Baudenkmals am Pier 7 auf der Warnemünder Mittelmole beantragt, um die Fläche für Verkehrs- und Logistikzwecke zu nutzen – für den zukunftsorientierten Betrieb der Kreuzschifffahrt, wie es heißt. Der Warnemünder Bauausschuss hat sich letztes Jahr in seiner Stellungnahme dafür ausgesprochen, statt eines Abrisses einen Rückbau vorzunehmen und die Teile einzulagern, um den Zwiebelschuppen später an geeigneter Stelle wiederaufzubauen. Hero-Geschäftsführer Jens Aurel Scharner hat daraufhin auf der letzten Ortsbeiratssitzung zugesagt, diesen Vorschlag prüfen zu lassen.

Jörg Heinze, Abteilungsleiter Hafenbau bei der Hero, erläuterte gestern Abend noch einmal kurz die Gründe für den geplanten Abriss des um 1900 errichten denkmalgeschützten Fachwerkgebäudes. Nachdem sich der Bedarf im Logistikbereich der Kreuzschifffahrt in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht habe, herrschen am Warnemünder Kreuzfahrtterminal mittlerweile „chaotische Verkehrsverhältnisse“. Lkw, Busse, Pkw und Passagiere drängen sich auf dem engen Bereich am Terminal, dazu kommt auf der Straße „Am Passagierkai“ der Verkehr von und zu der Fähre nach Hohe Düne. Schon aus Verkehrssicherungsgründen sei die Situation nicht mehr tragbar, so Heinze.

Dem Zwiebelschuppen neben dem Warnemünder Kreuzfahrtterminal droht der Abriss
Dem Zwiebelschuppen neben dem Warnemünder Kreuzfahrtterminal droht der Abriss

Ein Rückbau samt Einlagerung des Zwiebelschuppens als Ganzes wäre nicht machbar, erklärt Heinze, nachdem sich die Architekten der Hero das Gebäude noch einmal angeschaut haben. Eine sehr marode Gründung, ein marodes Keller- und Entwässerungssystem, welches periodisch unter Wasser steht oder faule Hölzer – „wenn man es nüchtern baufachlich betrachtet, könne man das Gebäude lediglich mit einem kleinen Bruchteil der Materialien wieder aufbauen“, so Heinze. Zwei Drittel der gesamten Konstruktion müssten erneuert werden. Zudem konnte bislang keine Wiederverwendung an anderer Stelle gefunden werden. Eine Einlagerung über irgendeine unbestimmte Zeit von den Teilen, die nur einlagerungswürdig sind, ist aus Hero-Sicht daher nicht sinnvoll.

Zwei Vorschläge hatte der Leiter des Haufenbaubetriebs aber als Alternative mit im Gepäck. Zum einen gibt es einen schönen Fassadenteil, den man rauslösen und zur Erinnerung – als Wand – an einem geeigneten Platz aufstellen könnte, sodass man vor allem die Optik erhält. Zusätzlich könnte der gesamte Bereich anders gepflastert werden, um die Dimension des Zwiebelschuppens kenntlich zu machen.

„Unser Ziel ist es, alles zu erhalten, was es wert ist“, bekräftigte Michaela Selling, Rostocks oberste Denkmalschützerin – insbesondere bei diesem Bauwerk, das „das letzte des historischen Hafens in Warnemünde darstellt“. Schweren Herzens habe man sich jedoch entschieden, dem Abbruchbegehren zuzustimmen, da es aus Sellings Sicht aufgrund der Verkehrssituation „zwingende Notwendigkeiten gibt, denen der Vorrang einzuräumen ist“. Auch einem Ab- und Wiederaufbau erteilte Michaela Selling eine Absage. Der Denkmalwert sei dann nicht mehr gegeben, es wäre nur noch eine Ortsbildpflege.

„Bei einem Rückbau würde ein Großteil der Originalsubstanz unwiederbringlich verloren gehen“, ergänzt Dr. Michael Bednorz, Leiter des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege. Nach einem Wiederaufbau könne man nicht mehr von einem Denkmal sprechen. Das Gebäude an seinem jetzigen Ort zu erhalten und in das Konzept des Kreuzfahrtterminals einzubinden, sei daher der Vorschlag seines Amtes im Sommer 2014 gewesen. Für den obersten Denkmalpfleger des Landes sei im Oktober vergangenen Jahres jedoch nachvollziehbar dargelegt worden, dass „der Platz überhaupt nicht reiche und das Gebäude in jedem Fall weg muss“.

Die Kreuzschifffahrt in Warnemünde braucht mehr Platz für die Logisitik - der Zwiebelschuppen auf der Mittelmole muss weichen
Die Kreuzschifffahrt in Warnemünde braucht mehr Platz für die Logisitik - der Zwiebelschuppen auf der Mittelmole muss weichen

Der Warnemünder Strukturausschuss wünschte sich von der Hero als „vertrauensbildende Maßnahme nach dem Verursacherprinzip“ einen Wiederaufbau auf deren Kosten. Eine Nutzung des Zwiebelschuppens als Veranstaltungsraum könne er sich gut vorstellen, so Dr. Werner Fischer, Leiter des Strukturausschusses. Auch Mathias Ehlers vom örtlichen Umweltausschuss sprach sich für eine fachgerechte Demontage und einen Wiederaufbau als Gestaltungsmodul auf der Mittelmole aus. „Wenn das dann nur eine Anmutung ist und kein Originaldenkmal“, so Ehlers, „dann sei es so.“ Eindringlich warnte er vor „der Leichtigkeit, in Warnemünde Denkmäler zu entsorgen“ und davor, dass etwa der historische Lokschuppen eines der nächsten Opfer sein könnte.

So brachte Alexander Prechtel am Ende zwei Beschlussvorlagen zur Abstimmung. Zum einen den von der Hero eingebrachten Antrag auf Abbruch des Zwiebelschuppens mit einer detaillierten Dokumentation des Gebäudes und der Einlagerung von erhaltenswerten Teilen, zum anderen den Vorschlag des Warnemünder Bauausschusses für Rückbau und Einlagerung mit dem Ziel eines Wiederaufbaus an geeigneter Stelle.

Keiner der beiden Vorschläge fand bei dem mit nur fünf anwesenden Mitgliedern geradeso beschlussfähigen Ortsbeirat eine Mehrheit. Damit scheint das Schicksal des Zwiebelschuppens endgültig besiegelt zu sein.

„Ein Blick ins Gesetz sagt sehr einfach: Der Ortsbeirat hat kein Vetorecht“, so Prechtel. Entscheiden müsse die Verwaltung. Doch da bekannt ist, wie sämtliche andere Stellen votiert haben, ist „ziemlich absehbar“, wie das Ergebnis ausfallen wird. „Ich hätte es deswegen begrüßt“, so der Ortsbeiratsvorsitzende, „wenn wir wenigstens das, was unser Bauausschuss vorgeschlagen hat oder was heute auch angeboten worden war – wenn wir wenigstens das hätten retten können.“ So bestehe nun die Gefahr, dass es zu einem „glatten Abriss“ kommt, ohne dass irgendetwas konserviert wird – mit Ausnahme der von der Denkmalschutzbehörde geforderten Dokumentation.

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