Anna Vynogradova: „BLICKE“

Ausstellungseröffnung beim Rostocker Frauenkulturverein „Die Beginen e.V.“

23. Mai 2010, von
Ausstellung „Blicke“ in Rostock
Ausstellung „Blicke“ in Rostock

Dieses leckere Büfett erwartete mich am Mittwochabend beim Rostocker Frauenkulturverein „Die Beginen e.V.“ im Heiligengeisthof 3. Salzige und süße Kekse, Obst, Wein, Sekt, Wasser und Tee begrüßten alle Gäste der Ausstellungseröffnung BLICKE und warteten darauf, endlich vernascht zu werden. Ich gönnte mir die eine oder andere Köstlichkeit und warf einen ersten BLICK auf die Kunstwerke Anna Vynogradovas.

Die Rostocker Künstlerin Anna Vynogradova
Die Rostocker Künstlerin Anna Vynogradova

Die Künstlerin wurde 1974 in der ukrainischen Stadt Charkow geboren. Dort studierte sie bis 2006 Bildhauerei. Ein Jahr später zog sie nach Deutschland. Seit dem vergangenen Jahr absolviert sie ein Fernstudium in der Ikonenmalerei. In der Ausstellung BLICKE werden Acrylmalereien, Zeichnungen und eine Ikone von Anna Vynogradova gezeigt.

Der Titel der Werkschau ist Programm. Es sind BLICKE, die dem Betrachter der Kunstwerke begegnen. Ein Acryl-Gemälde zeigt das Auge eines Pferdes. Steht man davor, zieht es einen magisch an. Man versinkt in diesem tiefdunklen Auge. Gleichzeitig schaut es den Betrachter an. Tier und Mensch kommunizieren scheinbar miteinander. Doch was könnte ich der Kreatur wirklich mitteilen? Was weiß sie über mich?

Ein Zyklus von Zeichnungen mit dem Titel „Mascha“ zeigt eine junge Frau. Auch sie blickt aus dem Bild heraus und schaut den Betrachter an. Was erfährt er über sie? Ihre Gesichtszüge sagen mehr als tausend Worte.

Franziska Roeber
Franziska Roeber

Franziska Roeber eröffnete die Abendveranstaltung mit dem dritten Satz einer „Suite in h-Moll“ von Jean Daniel Braun auf der Querflöte. Sie studiert derzeit Theologie in Rostock. Dann führte die Kuratorin der Ausstellung, Daniela Boltres, die Anwesenden in das Werk Anna Vynogradovas ein.

Sie erklärte, dass das Bild „Nophretete aus Rostock“ eine Auftragsarbeit gewesen sei. Es zeige eine Frau aus Rostock, wie sie sich selbst sieht. Oberhalb einer Wüstenlandschaft erscheint am Firmament ihr Portrait in Gestalt der Nophretete. Daniela Boltres: „Sie stellt sich in eine kulturell akzeptierte, verehrungswürdige ästhetische Tradition“. Das führe dazu, dass sie sich dem Heute entrücke.

Daniela Boltres
Daniela Boltres

Anschließend wandte sie sich der Ikonenmalerei Anna Vynogradovas zu. Ikonen, das sind Heiligenbilder. Sie sind kirchlich geweiht und sollen eine Verbindung zwischen dem Betrachter und dem Dargestellten, indirekt auch zwischen dem Betrachter und Gott sein. Die Kuratorin erläuterte, dass sich die „religiöse Gestimmtheit der Malerin“ in den Ikonen offenbare. Bestandteil der Ausstellung ist ein Abbild der heiligen Xenia, einer Frau, die im 18. Jahrhundert in St. Petersburg lebte und wirkte. Sie setzte sich zeit ihres Lebens unermüdlich und selbstlos für die Armen und Hilfsbedürftigen der Stadt ein. In den Ikonen werde Göttliches transparent, sagte Daniela Boltres und sprach von den „von Gott berührten“. Diese hätten einen veränderten BLICK auf die Welt. „Es sind diese BLICKE, mit denen die Ikonen den Himmel aufreißen und in den wir auch mit der Malerin hineinschauen können“, führte sie aus.

Anna Vynogradova
Anna Vynogradova

Anna Vynogradova hatte eine kleine Ikonenwerkstatt mit in die Ausstellung gebracht. Neben noch unvollendeten Ikonen, Übungsstücken, Farben, Pinseln und einem kleinen Strauß verschiedenfarbiger Blumen, waren da Kataloge und Bildbände zur Ikonenmalerei auf einem kleinen Tisch verteilt. Nachdem nun Franziska Roeber den ersten Satz der „Fantasia in fis-Moll“ von Georg Philipp Telemann gespielt hatte, lud die Künstlerin selbst zu einem Gespräch in die kleine Ikonenwerkstatt ein.

Im Werkstattgespräch mit Anna Vynogradova
Im Werkstattgespräch mit Anna Vynogradova

Da erfuhr ich dann, was Anna Vynogradova so sehr an der Ikonenmalerei fasziniert. Zum einen sei das die Tatsache, dass auf dem kleinen Raum der Ikone Komponenten aus der gesamten Welt versammelt seien. Tierische Bestandteile, wie etwa Eier, aber auch Mineralien und verschiedene Pigmente seien das. Diese Pigmente stammen aus dem Baikal, aus Sachsen und vielen anderen Orten auf der ganzen Welt. Die Farben werden also selbst angemischt. Interessant sei überdies der Verlauf der Linien in einer Ikone. Auf einer Vorstudie der Ikonenmalerin war das besonders deutlich zu erkennen. Alle Linien scheinen auf geheimnisvolle Weise miteinander verbunden zu sein. So wandern die Augen des Betrachters den Linien folgend über das gesamte Abbild und versenken sich darin. „Das ist eine Technik, die man tausende Jahre lang verbessert hat“, so die Ikonenmalerin.

Anna Vynogradova bei den Beginen
Anna Vynogradova bei den Beginen

Ob es da eine bestimmte Formensprache und feste Regeln gäbe, wurde Anna Vynogradova gefragt. „Ja“, antwortete sie, „alles hat Bedeutung“. Wenn beispielsweise eine Figur auf einem Felsen stehend abgebildet sei, dann stehe dieser Felsen sinnbildlich für die bereits vollzogene und erfolgreiche Mühe und Arbeit auf dem Weg zu Gott. Auch die Farben, die Positionen der Figuren und die Hintergrundmotive seien vorgeschrieben. All dies trage Bedeutung. Und kann man nicht auch gegen diese Regeln verstoßen? Nein, das wolle man auch gar nicht, erklärte sie. Entscheiden könne man, welchen Farbton man wähle. Fest stehe aber: „Ikonen malt man nicht. Ikonen lassen sich malen“. Außerdem sei der Schaffensprozess auch immer ein Dialog und die Künstlerin befinde sich damit in einem Gespräch, erklärte sie.

Ausstellung „Blicke“
Ausstellung „Blicke“

Um Kommunikation geht es Anna Vynogradova also in ihrer Kunst. Das ist auch der Grund, warum ihr BLICKE so wichtig sind. BLICKE sind „immer eine Einladung zur Kommunikation“, erzählte sie einst Daniela Boltres. Diese Einladung wird in der Ausstellung BLICKE, die es ab sofort in den Räumlichkeiten des Rostocker Frauenkulturvereins „Die Beginen e.V.“ zu erBLICKEn gibt, auf vielfältige Weise zum Ausdruck gebracht.

Die Ausstellung bildet übrigens den Auftakt zur Kunstreihe „Künstlerinnen präsentieren Künstlerinnen“. Gespannt darf man also auch auf die kommenden Ausstellungen im Heiligengeisthof 3 sein. Wer sich wie ich den Werken Anna Vynogradovas auch einmal schreibend nähern möchte, kann dies am 29. Mai von 10.00 bis 13.00 Uhr im Workshop: „Schreiben zu Kunst“ tun. Die Kuratorin und Autorin Daniela Boltres wird diesen leiten und freut sich schon heute darauf.

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