„Bis zum Anschlag“ im Peter-Weiss-Haus

Die Freie Theater Jugend Rostock zeigte ihr zweites Stück im Peter-Weiss-Haus

16. März 2011, von

Im August 1992 kam es zu heftigen ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen. Schauplatz war das Sonnenblumenhaus in der Mecklenburger Allee, in dem sich die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) befand. Das Schockierendste an der ganzen Sache ist, dass auch vermeintlich normale Bürger daran beteiligt waren. Leute, wie du und ich, die normalerweise nicht rechtsradikal denken und handeln.

Als Christof Lange eines Nachmittags von der Arbeit nach Hause fuhr, fiel sein Blick auf das Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen. Da kam ihm der Gedanke, dass man eigentlich die Geschehnisse von damals auf die Bühne bringen müsste. Zum Glück hatte er ein Jahr zuvor die Freie Theater Jugend gegründet, mit der er genau solche Themen ansprechen wollte. „Ich finde das Theater ist eine gute Basis, um viele Themen aufzugreifen und Jugendliche darüber nachdenken zu lassen“, sagt er.

Frida Maxi Krüger als Julia in "Bis zum Anschlag"
Frida Maxi Krüger als Julia in "Bis zum Anschlag"

Gesagt, getan. Aus dem Stück „Bis zum Anschlag“ kann man eigentlich nicht herausgehen, ohne im Anschluss darüber nachzudenken. Neben dem Versuch, die Gründe für die Ausschreitungen aufzudecken, wird außerdem eine Linie zwischen damals und heute gezogen. Denn das Thema hat an Aktualität leider nicht verloren. Wer glaubt, solche Dinge lägen in der Vergangenheit begraben, der braucht sich nur die Kopftuchdiskussion und die Debatten rund um Tilo Sarrazin anzusehen.

Die Handlung des Stücks besteht eigentlich aus mehreren Einzelgeschichten, die durch den Fall der Mauer ihren Lauf nehmen und in den Ausschreitungen wieder zusammenkommen. Die Freude über die neu gewonnene Freiheit wird von aufkommenden Problemen schnell in den Schatten gestellt. Arbeitslosigkeit, aufgedeckte Familienlügen, die Flucht in den Alkohol oder auch die Aussichtslosigkeit in den Neuen Bundesländern, die viele dazu bringt, in den Westen zu ziehen. Dazu kommen die Lügen der Regierung, die viel verspricht, aber nichts hält, genau wie zuvor auch schon in der DDR. So viel scheint sich also vielleicht doch nicht zum Guten gewendet zu haben.

Tanya Anna Heyer und Lukas Gabriel in "Bis zum Anschlag"
Tanya Anna Heyer und Lukas Gabriel in "Bis zum Anschlag"

Auch die Probleme der Asylbewerber werden geschildert. Diese hatten sich, ähnlich wie alle andern, auch mehr vom neuen Deutschland versprochen. Doch sie bleiben Fremde und sollen sich möglichst schnell anpassen. Dabei tauchen die absurdesten Merkmale auf, die sie sich zu eigen machen sollen. So sei es enorm wichtig, weiße Socken und beige Sandaletten zu tragen, denn das tue ein richtiger Deutscher nämlich.

Aus der Hochstimmung wird eine Katerstimmung und ein Schuldiger muss her. Aus dem Bündel an Problemen wächst etwas heran, das zu den Ausschreitungen vor dem Sonnenblumenhaus führt. Aus den fünf ehemals DDR-Bürgern ist eine in den Westen gegangen. Einer ist Polizist geworden. Einer flüchtet sich nicht mehr in den Alkohol, sondern in den Ausländerhass. Aus der Arbeitslosigkeit entsteht eine linksgerichtete Haltung. Und die Fünfte im Bunde lebt scheinbar ganz normal, gehört aber später zu den Bürgern, die neben den Nazis stehen und grölen.

"Bis zum Anschlag", Freie Theater Jugend Rostock - Tanya Anna Heyer und Lukas Gabriel
"Bis zum Anschlag", Freie Theater Jugend Rostock - Tanya Anna Heyer und Lukas Gabriel

Neben ihren Handlungen und Worten charakterisieren vor allem die Kostüme die Rollen sehr passend. Die DDR-Bürger tragen zum Beispiel zunächst blaue Tops, nach der Wiedervereinigung ziehen sie weiße Oberteile an. Als sie dann alle mit ihrem Leben in verschiedene Richtungen gehen, tragen sie Dinge, die für die Meinungen ihrer Rollen stehen.

Neben den Kostümen ist auch das Bühnenbild sehr gut gelungen. Es ist zwar nicht besonders umfangreich, hat aber trotzdem eine große Aussagekraft. In der Mitte befindet sich eine Art Laufsteg, um den auch die Stuhlreihen aufgestellt sind. Am hintersten Ende ist eine Wand aus Quadern aufgebaut, die mit verschiedenen Bildausschnitten beklebt ist. Zuerst ist sie weiß und symbolisiert die Mauer. Wenn diese gefallen ist, taucht das Brandenburger Tor auf. Später zeigen sich dann noch das Sonnenblumenhaus, ein Polizeiwagen und dann ein Bild, hinter dem sich vermutlich das brennende Haus versteckt.

Christin Pastewka und Henning Goll
Christin Pastewka und Henning Goll

Im Prinzip ist das ganze Stück voll von Dingen, die auf den zweiten Blick eine tief greifende Bedeutung haben. Etwa die Szene, in der zum ersten Mal Steine auf das Sonnenblumenhaus geworfen werden. Ganz klar wirft der Nazi die Steine, aber gereicht werden sie ihm von einer Bürgerin, die danebensteht und ihn anfeuert.

Neben den Rechtsradikalen werden also auch die Bürger verantwortlich gemacht, die sich zu Mittätern machten, indem sie beispielsweise die Polizeiarbeit behinderten. Damit aber noch nicht genug, auch die Polizei und die Regierung bekommen ihr Fett weg. Denn auch sie haben 1992 Fehler gemacht. Kamen ihnen doch die friedlich demonstrierenden Linken gefährlicher vor als die Steineschmeißer.

Am Ende muss sich der Zuschauer selbst fragen, auf welcher Seite er gestanden hätte oder stehen würde, wenn es heute wieder zu solchen Szenen käme. Nachdem man das Stück gesehen hat, sitzt man jedenfalls erst einmal auf seinem Stuhl und ist bestürzt, weil einem klar wird, wie aktuell das Thema eigentlich ist.

Henning Goll als Polizeichef
Henning Goll als Polizeichef

Gleich nach der Bestürzung kommt dann aber die Verwunderung. Denn wenn man sich zurück ins Gedächtnis ruft, dass „Bis zum Anschlag“ keine professionelle Produktion ist, ist das Ergebnis umso erstaunlicher. Nicht nur die Leistung der Jungschauspieler überzeugt, sondern auch das Ganze drum herum. Christof Lange ist nicht nur der Gründer der Theater Jugend und Ideengeber für das Stück. Er hat es auch zu Papier gebracht, Regie geführt und die Technik während der Aufführung gemacht. Es lag also tatsächlich alles in den Händen von Nichtprofis.

Wer sich davon selbst ein Bild machen will, sollte sich „Bis zum Anschlag“ auf jeden Fall ansehen. Die nächsten Vorstellungen finden am 28. März sowie am 8. und 9. April statt. Vielleicht öffnen sich bei dieser Gelegenheit die Augen des ein oder anderen auch wieder ein kleines Stück mehr.

(Fotos: Christof Lange, FTJ)

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1 Kommentar

  • Anett Böhrer-Schulz sagt:

    Dieses Stück hat mich sehr bewegt und ich kann und werde es weiter empfehlen.
    Ich war im August 1992eine junge Frau von 23 Jahren und lebte mit meiner kleinen eigenen Familie am Rand von Rostock. Die Vorfälle verfolgten wir natürlich in Presse und Fernsehen – aber immer noch aus einer „sicheren“ Entfernung. Danach wurde in meinem Bekanntenkreis über diese Tage im August 1992 nicht mehr gesprochen. Das Problem war gelöst. Heute denke ich darüber ganz anders und fühle mich schon ein wenig schlecht, denn auch mit unseren Kindern haben wir nie wirklich darüber gesprochen.
    Das Stück rüttelt noch einmal wach und zwingt zum Hinterfragen. Es ist für alle
    Generationen gemacht.
    Besonders beeindruckend ist jedoch die Leistung der jungen Schauspieler. Jeder verkörperte seine Rolle so authentisch, dass man den Eindruck hatte, sie waren dabei. Dies macht deutlich wie intensiv mit den Jugendlichen gearbeitet wurde.
    Eine tolle Leistung von der gesamten Gruppe und ein herzliches Dankeschön an Christof Lange.

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