Ilse Aigner beim Institut für Ostseefischerei in Rostock

Hering ist Sorgenkind unter den Fischarten der westlichen Ostsee, geringe Fangquoten bedrohen Fischer

24. August 2010, von

Fisch ist gesund, sagen Ernährungswissenschaftler, deshalb sollte er auf einem ausgewogenen Speiseplan nicht fehlen. Aber wo kommt der Fisch eigentlich her? Aus den großen Meeren mit ihren unerschöpflichen Vorräten an Meeresfrüchten? Denkt vielleicht so manch einer, der seine Nahrung nicht selbst jagt, sondern aus der Tiefkühltruhe des Supermarktes bezieht und medial vermittelte Bilder von riesigen Heringsschwärmen vor Augen hat. Ausgerechnet diese Heringe, genauer gesagt die Ostseeheringe, sind aber in ihrem Bestand akut bedroht.

Dr. Cornelius Hammer vom Institut für Ostseefischerei in Rostock
Dr. Cornelius Hammer vom Institut für Ostseefischerei in Rostock

„Der Bestand geht runter und zwar rapide“, warnt Dr. Cornelius Hammer, Leiter des Instituts für Ostseefischerei bei einem Besuch der Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner in Rostock. Das Niveau sei das niedrigste, das jemals festgestellt wurde. Obwohl es genügend Laichsubstrat gebe, wächst nicht genügend Nachwuchs auf. Die Ursachen können sich die Wissenschaftler, die insbesondere den Greifswalder Bodden, die Kinderstube der Ostseeheringe erforschen, jedoch nicht erklären. Das Bedingungsgefüge sei zu komplex. Am Kormoran liegt es jedenfalls nicht und auch die Fischer tragen keine Schuld, stellte Cornelius Hammer klar. Dennoch sei die Fischerei am ehesten in der Lage, auf die Bestände Einfluss zu nehmen. Das Institut empfiehlt daher eine Senkung der gesamten Fangmenge um 36 Prozent bis zum Jahr 2015, vermutet aber, dass die zuständige EU-Kommission eine 29-prozentige Verringerung vorgeben wird.

Norbert Kahlfuß, Vorsitzender des Kutter- und Küstenfischerverbandes
Norbert Kahlfuß, Vorsitzender des Kutter- und Küstenfischerverbandes

Die Fischer sind schon jetzt unzufrieden. Nobert Kahlfuß vom Kutter- und Küstenfischerverband kritisiert den „überbürokratischen Kontrollmechanismus“ der EU und stellt auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse in Frage. „Lasst die Fischer fischen so viel, wie sie können, damit der Hering nicht an Altersschwäche stirbt“, schimpft er und zeigt kein Verständnis für die Schonung des Herings, solange die Ursachen für dessen Rückzug nicht geklärt sind.

Dem Landwirtschaftsminister Mecklenburg-Vorpommerns Till Backhaus geht diese Einstellung jedoch zu weit: „Fischen, bis die Heide wackelt, das kann nur in die Idiotie führen“, entgegnet er scharf und erinnert daran, dass ein ausreichender Fischbestand schließlich die Lebensgrundlage der Fischereiwirtschaft sei.

Zum Schutz der Fischressourcen „muss es zwischen Fischerei und Wissenschaft deutliche Symbiosen geben“, fordert er und erwartet von den Fischern, dass sie die wissenschaftlichen Daten akzeptieren. Dennoch hält auch er die EU-Richtlinien für überzogen und weist auf die etwa 800 Rechtsgrundlagen hin, an die sich die Fischer halten müssen.

2. Nautischer Offizier der Seeadler Erwin Borchardt und Bundesministerin Ilse Aigner
2. Nautischer Offizier der Seeadler Erwin Borchardt und Bundesministerin Ilse Aigner

Angesichts des drastischen Schwundes der Ostseeheringe setzt sich auch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner verstärkt für den Schutz der Fischbestände und eine nachhaltige Fischerei ein. Neben der wissenschaftlich begründeten Begrenzung der Fangmengen kündigt sie effektivere Kontrollen und schärfere Sanktionen gegen illegalen Fischfang an. „Es geht um ein Strafpunktsystem, ähnlich wie die Verkehrssünderkartei in Flensburg“, erklärt sie die Neuausrichtung der EU-Fischereikontrolle.

Dr. Daniel Stepputtis erklärt Ilse Aigner die Forschungsgeräte des Instituts für Ostseefischerei
Dr. Daniel Stepputtis erklärt Ilse Aigner die Forschungsgeräte des Instituts für Ostseefischerei

Am Montag machte sich Ilse Aigner vor Ort ein Bild von der Arbeit des bundeseigenen Instituts für Ostseeforschung. Mit seiner Datenerhebung liefert es die wissenschaftliche Grundlage für die Bestimmung der Fangquoten.

Während einer Ausfahrt mit der „Seeadler“ ließ sich die Landwirtschaftsministerin die Forschungsgeräte der Wissenschaftler zeigen. Das Fischereischutzboot ist für die Überwachung der deutschen Fischereizone und die Kontrolle der in ihr operierenden Fischereifahrzeuge zuständig ist. Trotz strömenden Regens wagte sie sich sogar in das Einsatzboot und drehte mit 20 Knoten ein paar Runden um die „Seeadler“.

Einsatzboot der Seeadler
Einsatzboot der Seeadler

Durchnässte Politikerinnen, eingeschränkte Fischer, Wissenschaftler, die sich den Kopf zerbrechen – was kann denn nun bei so viel Einsatz der gemeine Fischgourmet dafür tun, dass sich Hering und Co auch zukünftig noch reichlich in den Meeren tummeln und auf den Mittagstisch gelangen?

Ilse Aigner sieht da ganz klar auch die Verbraucher in der Verantwortung. „Wir wollen eine bewusste Entscheidung für Produkte aus nachhaltig bewirtschafteten Fischbeständen“, sagt sie und weist auf Pläne für ein Fischereiumweltsiegel hin. Dafür müsse in der Europäischen Union noch ein rechtlicher Rahmen geschaffen werden. Einen Verordnungsvorschlag soll bereits zu Beginn des nächsten Jahres vorgelegt werden.

Schon jetzt gibt es bereits ein Umweltsiegel des Marine Stewardship Council (MSC), einer unabhängigen Organisation, die sich für nachhaltige Fischerei einsetzt. Wer also etwas für gesunde Fischbestände und nachhaltige Bewirtschaftung mariner Lebensräume tun will, sollte beim Kauf darauf achten.

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