Kunst aus Scherben - Annette Czerny zu Gast in Rostock

Installationen und Bildkunst aus Scherben

11. August 2010, von
Annette Czerny vor Papierbahnen im Gastatelier Rostock
Annette Czerny vor Papierbahnen im Gastatelier Rostock

Dass Künstler die Welt mit anderen Augen sehen, fällt nicht schwer, sich vorzustellen. Jedes Kunstwerk verrät ein Stück weit diese ganz besondere Sicht, hebt vielleicht diesen oder jenen Aspekt hervor, der für die meisten gar nicht beachtenswert ist.

Wann habt Ihr das letzte Mal interessante Steine oder abgeschliffene Scherben am Strand gesammelt? Oder wann das letzte Mal aufmerksam einem Straßenmusiker zugehört, seid nicht nur vorbeigeeilt? Zu abwegig? Es sind unter anderem diese kleinen Ausschnitte aus der Realität, aus denen Annette Czerny ihre Installationen fertigt.

Farbenkasten, Gastatelier Annette Czerny
Farbenkasten, Gastatelier Annette Czerny

Die 45-jährige Künstlerin hat schon angefangen, das Gastatelier in der östlichen Altstadt wieder zu räumen, als sie sich noch einmal den Fragen der Journalisten stellt. Immer noch sind in dem weißen, ungefähr 30 qm großen Raum einige Materialien und fertige Stücke zu sehen. Runde Glasstücke, wie aus einer Scheibe herausgeschnitten, bemalte Styroporkugeln, Stoffbahnen und verschiedenste Utensilien schaffen noch immer eine Atmosphäre der Kreativität.

Drei Monate, von Mai bis Juli, war sie hier tätig und konnte sich dank eines Stipendiums der Hansestadt Rostock voll auf ihre Arbeiten konzentrieren. Dabei half auch, dass sie Rostock noch nicht kannte und somit von keinen Bekannten oder sonstigen Verpflichtungen von ihrem Schaffen abgelenkt wurde. Und so suchte und fand sie in Rostock an verschiedenen Plätzen Scherben und ähnliches, was seiner „ursprünglichen Bedeutung enthoben” wurde. Sie interessiert, wie es ausdrückt „die Geschichte, die daran haftet”. Den gesammelten, vermeintlich bedeutungslosen Stücken wird dann eine neue Bedeutung gegeben. Es geht ausdrücklich nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger zum Beispiel die Konsumgesellschaft anzuprangern. Was der Betrachter letztendlich darin sehen kann, wird bewusst offen gelassen.

Annette Czerny
Annette Czerny

Die Stücke sollen „erreichen, ohne pathetisch zu wirken”. Schließlich, so erklärt sie, bewegen sich Menschen immer in einer Art Widerspruch: Während ständig irgendwo schlimme Dinge passieren, genießt man vielleicht gerade einen wunderschönen Moment. Es geht, allgemein ausgedrückt, um Darstellungsmöglichkeiten des Menschseins.

Etwas konkreter steht zum Beispiel bei den audiovisuellen Installationen die Frage im Mittelpunkt, warum die Musik solche Macht über Menschen hat. Aus eigener Erfahrung berichtet die Künstlerin, dass sie aus Konzerten in der HMT „gereinigt, bereichert und sortiert” herausgegangen sei. Auch „Fragmente, die einen anwehen”, Töne, Klänge und Geräuschkulissen werden verwertet. Straßenmusiker, Rummelplatzmusik und Geräusche aller Art nimmt sie auf, bearbeitet sie und formt später mit anderen Objekten zusammen eine Präsentation. Auffallend viele der unfertigen Stücke sind gläsern oder in irgendeiner Form lichtdurchlässig.

Kunst aus Scherben - Annette Czerny
Kunst aus Scherben - Annette Czerny

Sie repräsentieren den „Versuch, in die Tiefe zu kommen” – Transparenz ist ein beliebtes Gestaltungsmittel für Annette Czerny. Dass sie den Kunstbegriff sehr weit fasst, wird schnell deutlich. Dazu passt, dass sie nicht nur vorher auch schon als Bildhauerin tätig war, sondern für ein anderes Projekt auch Wiegenlieder aus der ganzen Welt sammelt. Sie bewohnt das von der Stadt zur Verfügung gestellte Atelier, welches auch über Bad, Küche und Schlafraum verfügt, übrigens nicht allein.

Ein Maler, der im zweiten Atelier tätig ist, war während der vergangenen Monate ihr Mitbewohner. So war auch ein angeregter Austausch zwischen zwei Künstlern möglich. Nicht alle Installationen gelangen auf Ausstellungen, viele werden von Frau Czerny wieder weggeworfen. Sie sagt, man sollte keine Hemmungen haben, auch mal ein Stück zu entsorgen. Das ein oder andere Kunstwerk ist, so berichtet sie, nur wegen des Protestes von Freunden nicht auf dem Müll gelandet. Die Objekte, die ihrer Auswahl standgehalten haben, sind Ende nächsten Jahres in der Galerie der Volkshochschule oder am 31.08.2010 in Schwerin in der Hypovereinsbank Schmiedestraße zu bewundern.

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