Kollision zwischen „Stettin“ und „Finnsky“ - Untersuchungsbericht liegt vor

Nach dem Zusammenstoß des Dampfeisbrechers „Stettin“ mit der Fähre „Finnsky“ auf der Hanse Sail 2017 in Rostock deckt der Untersuchungsbericht zahlreiche Fehler auf

3. August 2018, von
Dampfeisbrecher „Stettin“ während der Hanse Sail in Rostock-Warnemünde (Foto: Archiv)
Dampfeisbrecher „Stettin“ während der Hanse Sail in Rostock-Warnemünde (Foto: Archiv)

Am Hanse-Sail-Samstag, dem 12. August 2017, kam es auf der Unterwarnow zum Zusammenstoß des Dampfeisbrechers „Stettin“ mit der Fähre „Finnsky“. Die RoRo-Fähre „Finnsky“ hatte gegen 9:45 Uhr auf der Wendeplatte im Überseehafen Rostock gedreht und fuhr die etwa 1,5 Seemeilen bis zu ihrem Liegeplatz 60 rückwärts auf der westlichen Seite des Fahrwassers. Der Dampfeisbrecher „Stettin“ fuhr aus dem Fischereihafen Marienehe kommend seewärts ebenfalls auf der westlichen Seite und versuchte die „Finnsky“ auf deren Backbordseite zu passieren. Dabei kam es bei Tonne 43 zur Kollision.

Die „Stettin“ wurde oberhalb der Wasserlinie auf einer Länge von etwa zwei Metern aufgerissen, zehn Personen wurden an Bord des Dampfeisbrechers verletzt. An der „Finnsky“ wurde der Heckabweiser leicht deformiert und hatte ein ca. 15×3 cm großes Loch.

Der jetzt veröffentlichte 96-seitige Untersuchungsbericht der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung deckt zahlreiche Fehler auf.

Falsche Planung, mangelnde Kommunikation und abgelenkte Schiffsführung auf der „Stettin“

Die Kollision führt die BSU auf eine „schon anfangs verkehrte Reiseplanung“ auf der westlichen Seite der Warnow sowie eine „unzureichende Wahrnehmung der tatsächlichen Verkehrssituation“ der „Stettin“ zurück, die unter Lotsenberatung fuhr. Der Lotse ging davon aus, dass die „Finnsky“ entsprechend der „ständigen Manöverpraxis“ auf der östlichen Seite des Fahrwassers an ihren Liegeplatz fahre. Nachdem die Fähre auf der westlichen Seite blieb, war es – nicht zuletzt aufgrund des dichten Verkehrs – zu spät für ein erfolgreiches Ausweichmanöver.

„Entscheidend ist das tatsächliche regelgerechte Verhalten der ‚Finnsky‘ im konkreten Fall“, stellt der Untersuchungsbericht klar und nicht, „was in der Vergangenheit nach Funkabsprache getan wurde und auch bisher ohne Unfälle funktioniert hatte.“

Auch die vorgeschriebenen Positionsmeldungen bei Fahrtaufnahme, Verlassen des Marienehe-Fahrwassers und Passage des Liegeplatzes 60 im Überseehafen seien seitens der „Stettin“ unterblieben, heißt es im Bericht. So konnte die Absprache der Passage mit der „Finnsky“ nicht erfolgen. Gegenteilige Aussagen des „Stettin“-Lotsen, die Fähre auf den Kanälen 73 und 16 gerufen zu haben, konnten nicht bewiesen werden. „Spätestens hier hätte die Reiseplanung der ‚Stettin‘ überdacht werden müssen“, so die BSU. „Ein rechtzeitiges Aufstoppen und Abwarten der ‚Stettin‘ hinter der Kleinschifffahrt hätte die Verkehrssituation entschärft.“

Entgegen dem eigenen Betriebssicherheitshandbuch waren zudem etwa zehn bis 15 Passagiere auf der Brücke der „Stettin“ und der Steuermann moderierte zeitweise die Reise über die Bordsprechanlage. So sei „keine konzentrierte Wahrnehmung der Verkehrssituation für den Lotsen“ möglich gewesen, moniert die BSU.

Fähre „Finnsky“ bei Rückwärtsfahrt ohne Wachoffizier

Doch auch bei der „Finnsky“ sieht die BSU Versäumnisse. So wird im Gutachten der fehlende nautische Offizier auf der achteren Manöverstation beanstandet, der „möglicherweise entschlossener als der als Ausguck verantwortliche Bootsmann, vor der Kollisionsgefahr mit einem empfohlenen Vorausmanöver oder langsamerer Geschwindigkeit hätte warnen können“.

Zudem empfiehlt die BSU, die Fähren mit einer achtern installierten Radaranlage auszurüsten, damit der Verkehr während der Rückwärtsfahrt besser beobachtet werden kann

Mangelnde Sicherung der Wasserschutzpolizei – mehr Sicherheit zur Hanse Sail 2018

„Leider gab es in dieser heiklen Situation auf der Unterwarnow keine zusätzliche Verkehrssicherung durch Boote der Wasserschutzpolizei“, kritisiert die BSU, obwohl dem Veranstalter der Hanse Sail bekannt war, dass Groß- und Kleinschifffahrt aufeinandertreffen.

Um derartige Unfälle bei der Hanse Sail künftig zu vermeiden, sollen drei zusätzliche Tagesschiffe des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) Stralsund für Ordnung sorgen. Neben Präsenz- und Überwachungsfahrten werden sie große Schiffe beim Ein- und Auslaufen begleiten.

Zusätzlich soll ein Verbindungsbeamter in der Verkehrszentrale (VKZ) für die reibungslose Kommunikation zwischen Wasserschutzpolizei und VKZ sorgen.

Und noch eine Konsequenz wurde vom WSA gezogen: Es hat das Abbrennen der Feuerwerke zur Port Party und Hanse Sail von der Ostmole untersagt.

BSU empfiehlt, das für Traditionsschiffe ausgestellte Sicherheitszeugnis der „Stettin“ einzuziehen

Dass die BSU die „Stettin“ als EU-Fahrgastschiff und nicht als Traditionsschiff einstuft, ist mehr oder weniger eine Randnotiz. Betreiber und auch die fürs Sicherheitszeugnis zuständige BG Verkehr sind hier anderer Auffassung. Im Kern geht es darum, ob ein Fahrzeug für die Einstufung als Traditionsschiff bereits vor 1965 als Fahrgastschiff gebaut oder umgebaut sein musste. Der Dampfeisbrecher wurde erst in den 80er Jahren umgewidmet.

Die „Stettin“ könne die Standards als Fahrgastschiff nicht erfüllen, heißt es im Bericht. Rechtlich bedeutsam sind die Bewertungen der Sicherheitszeugnisse durch die BSU vorerst nicht. Die „Stettin“ wird auch zur diesjährigen Hanse Sail in Rostock erwartet und wieder Gäste mit an Bord nehmen.

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