Marc Lindemann: „Unter Beschuss“

„Warum Deutschland in Afghanistan scheitert“ – Vortrag und Diskussion

16. Mai 2010, von

Autor Marc Lindemann Am Mittwochabend war der Politologe Marc Lindemann in der Buchhandlung Weiland zu Gast, um sein Buch: „Unter Beschuss. Warum Deutschland in Afghanistan scheitert“ in Rostock vorzustellen. Als Nachrichtenoffizier ist er 2005 sowie in den Jahren 2008 und 2009 für die Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz gewesen. Dort hatte er sicherheitsrelevante Informationen beschafft und aufbereitet. Lindemann hatte Lageberichte verfasst und enge Kontakte zur afghanischen Bevölkerung, befreundeten Streitkräften sowie Geheimdiensten gepflegt. Was er über das brisante Thema: „Afghanistan“ zu sagen hatte, interessierte mich sehr.

Ich sicherte mir also meinen Platz in der ersten Reihe und wartete zusammen mit zahlreichen weiteren höchst interessierten Zuhörern gespannt auf den Beginn der Veranstaltung.

Afghanistan „Unter_Beschuss“ bei Weiland in Rostock Er werde nicht aus dem Buch vorlesen, stellte Lindemann sogleich klar. Erscheine es ihm doch viel lohnenswerter, einen Vortrag zu halten und währenddessen, wie auch danach, über die Themen zu diskutieren.

Zunächst vermittelte der Autor einen Eindruck davon, welche NATO-Mitgliedstaaten im Rahmen der Sicherheits- und Aufbaumission „ISAF“ 2002, infolge der Terroranschläge vom 11. September, militärische Kräfte nach Afghanistan entsendeten und wo im Land diese stationiert wurden. Das Land wurde in sogenannte Regionalkommandos unterteilt. Deutschland entsendete Truppen in den Norden des Landes, in das Regionalkommando Nord. In diesem Gebiet blieb es lange Zeit ruhiger und friedlicher als in den üblichen Landesteilen. Das lag daran, dass die hier lebenden Ethnien nicht diejenigen waren, aus denen sich die Taliban rekrutierten. Überdies hatten die Taliban den Norden, auch vor 2001 schon, nie ganz erobern können.

Marc Lindemann Was aber ist eigentlich der Auftrag der ISAF (International Security Assistance Force)? Welche Ziele werden und wurden mit ihr verfolgt? Formal werde sie zur Unterstützung der afghanischen Zentralregierung durchgeführt, erklärte Marc Lindemann. Die ISAF habe bei der Ausweitung der Autorität der afghanischen Regierung in die Provinzen, bei der Schaffung und dem Erhalt eines sicheren Umfeldes sowie bei der Anwendung der Grundsätze guter Regierungsführung unterstützend wirken sollen. Auf diese Weise habe man die Voraussetzungen für den Wiederaufbau, die Entwicklung und langfristige Stabilität im Land und schließlich den Rückzug von ISAF schaffen wollen.

Die Regierung unterstützen und ihre Autorität ausweiten? Lindemann beteuerte, dass die Afghanen den 2001 gewählten afghanischen Präsidenten, Hamid Karzai, heute gemeinhin als Oberbürgermeister von Kabul verspotten würden. Seine Autorität reiche nicht über die Stadtgrenzen hinaus. Wobei und wie also soll die ISAF dieser autoritätslosen Regierung zur Seite stehen? Hier wird bereits ein erstes großes Problem der NATO-Mission ISAF deutlich.

Was taten aber nun die Soldaten überhaupt, um die Ziele der ISAF zu verwirklichen? Ihr heutiges Vorgehen und die gesamte Situation vor Ort unterscheiden sich in erheblichem Maße von den Maßnahmen, die in den ersten Jahren in Afghanistan umgesetzt wurden und den damaligen Bedingungen, sagte Lindemann. Er selbst war 2005 und in den Jahren 2008 bis 2009 dort im Einsatz gewesen und berichtete, dass sich das Lager der Soldaten 2005 noch mitten in der Stadt befunden habe und es relativ ungesichert gewesen sei. Heute befände es sich dagegen außerhalb der Stadt und sei durch vielerlei Maßnahmen hochgesichert. Auch habe sich der Arbeitsalltag der Soldaten 2005 noch sehr viel ruhiger und entspannter gestaltet. Schwerpunkt seien Patrouille-Tätigkeiten gewesen. Man bildete Konvois und fuhr ins Land, um dort bestimmte Aufträge abzuarbeiten. Dies lief damals stets friedlich ab und die Soldaten wurden teilweise Fähnchen-schwingend von den Einheimischen in den Dörfern empfangen. Zudem sei die Bedrohungslage damals sehr schwach gewesen. Lindemann erfuhr von kaum einer Miene. Wenn doch, sei diese so harmlos gewesen, dass kaum ein Schaden daraus entstanden wäre. Er habe 2005 einen einzigen Raketenalarm erlebt. Diesem wären jedoch keine Raketen gefolgt. Überdies habe er von keinem einzigen Selbstmordanschlag erfahren.

Marc Lindemann: „Unter_Beschuss“ Was geschieht heute in Afghanistan? Es herrsche Krieg, sagte Lindemann. Die Taliban seien zu einer irregulären Armee erstarkt. Die Bundeswehr sei nur noch mit gepanzerten Fahrzeugen im Einsatz. Außerhalb des Lagers spreche man von feindlichem Gebiet und die Soldaten, die hinausfahren würden, könnten sich sehr sicher sein, innerhalb kürzester Zeit angegriffen zu werden, erfuhr ich. Der Feind halte sich an keine Kriegsführungsregeln. Er uniformiere sich nicht, agiere heimtückisch und mit Hinterlist und missbrauche die zivile Bevölkerung, indem er etwa aus Schulen oder Moscheen schieße und dort seine Waffenlager unterhalte. Marc Lindemann: „Die Bundeswehr kann sich ab 2008 nur noch selbst verteidigen“. Dabei waren sie doch ins Land gekommen, um zu helfen.

Was ist falsch gelaufen? Welche Fehler sind begangen worden und was kann man wie besser machen?

Springen wir gedanklich noch einmal zurück ins Jahr 2005. Welche Aufträge haben die Soldaten damals überhaupt ausgeführt? Marc Lindemann konnte natürlich nur davon berichten, was er selbst erlebt und gesehen hatte. Während der Patrouille-Fahrten ins Land sprach er, und das war seine Hauptaufgabe als Nachrichtenoffizier, mit den Einheimischen. Er fragte nach Problemen. Man habe ihm von Kindesentführungen und Vergewaltigungen, aber auch von Problemen rein baulicher Natur berichtet. Es hätten Gebäude gefehlt und man habe Brücken benötigt. Lindemann erklärte am Mittwochabend, er habe ihnen stets nur eines antworten können. Und zwar habe er sagen müssen: „Dafür sind wir nicht zuständig“. Tatsächlich ist ja auch die Unterstützung der afghanischen Regierung oberstes Ziel der ISAF. Zunächst hätte also die einheimische Polizei um Hilfe gebeten werden müssen. Diese allerdings sei damals wie heute überaus korrupt und aus diesem Grund vollkommen unzuverlässig, erklärte der Autor. Auch hätten die Soldaten keinerlei Mittel besessen, um bauliche Maßnahmen umzusetzen. Man patrouillierte also weiterhin und schrieb, wie Marc Lindemann, viele Lageberichte. Doch wer las diese Berichte überhaupt und was hatte man damit erreicht? Man hatte erreicht, dass die afghanische Bevölkerung mit der Zeit zu der Erkenntnis gelangte, dass diejenigen, die eigentlich ins Land gekommen waren, um ihnen zu helfen, gar nichts ausrichten konnten und dass einfach nichts geschah. Aus dieser Enttäuschung erwuchsen nach und nach natürlich Missmut und Erbitterung.

Marc Lindemann bei Weiland in Rostock Lindemann: „Es wurde von Beginn an viel zu zögerlich vorgegangen“. Dabei bezog er sich auf militärische wie auch zivile Maßnahmen. Das Militär habe zu wenige Kräfte nach Afghanistan geschickt und anscheinend habe man nach dem Feldzug von 2001 auch gar kein richtiges Konzept darüber besessen, „wer wann was wozu“ tue, erklärte er. Auch beim zivilen Wiederaufbau seien viel zu geringe Mittel eingesetzt worden, weshalb heute kaum Fortschritte zu erkennen seien. Überdies hätte man die Aufständischen von der Zivilbevölkerung trennen müssen. Das heißt, man hätte den Menschen von Anfang an intensiver zeigen müssen, dass es sich lohne, mit der NATO zusammenzuarbeiten, da sie Sicherheit und eventuell einmal einen Arbeitsplatz gewährleisten könne. Menschen nämlich, die ihre Türen aus den genannten Gründen der NATO öffnen würden, würden sie vor Aufständischen verschließen, sagte Lindemann. Dies sei jedoch kaum oder in zu geringem Maße geschehen, meinte er.

Was ist nun Marc Lindemanns Lösungsvorschlag?

Marc Lindemann - Lesung bei Weiland Rostock Der ehemalige Nachrichtenoffizier gab zu verstehen, über so etwas, wie eine Generallösung, verfüge auch er nicht. Jedoch könne man versuchen, das, was bisher nicht funktionierte, in eine bessere Richtung zu lenken. Man könne etwa die Machtbefugnis mehrerer regionaler Regierungsvertreter stärken. Zudem müssten deutlich mehr finanzielle Mittel für den zivilen Wiederaufbau eingesetzt werden. Doch, um zu zeigen, dass es sich lohne, mit dem Militär und der NATO zusammenzuarbeiten, sollten militärische und zivile Operationen viel enger koordiniert werden. Denn die Menschen bräuchten eben sofort Hilfe, wenn etwa eine Brücke oder ein Haus zerstört wurde.

Während des gesamten Vortrags entbrannten immer wieder heftige Diskussionen. Viele Hörer hatten sich anscheinend schon lange intensiv mit dem Thema beschäftigt. Es sei ja gar nicht bewiesen, dass die Taliban für die Anschläge am 11. September verantwortlich seien, hörte ich. Amerika habe doch auch afghanische Kämpfer während der russischen Invasion unterstützt. All diese Anmerkungen wurden aufs Heftigste diskutiert.

Man sprach zudem über die sogenannten Warlords. Kriegsanführer, die bis heute in Afghanistan herrschen. Sie wurden während des Feldzuges der NATO unterstützt und kämpften mit dieser 2001 gegen die Taliban. Wie aber, fragte Lindemann, könne man für Stabilität im Land sorgen, wenn man gleichzeitig solche Kriegsverbrecher unterstütze?

Auch über die afghanische Kultur wurde diskutiert. Kann man beispielsweise respektieren, dass Frauen in Afghanistan kaum ein selbstbestimmtes Leben führen können? Der Zwang ihrer ständigen Verschleierung ist meiner Meinung nach, noch das geringste Problem. Viel grausamer und verachtungswürdiger sind doch die vielfach stattfindenden Vergewaltigungen im Land und die Tatsache, dass es in Afghanistan gang und gäbe ist, neunjährige Mädchen mit Greisen zu vermählen.

Auch kann man sich ja fragen, ob es überhaupt möglich ist, mit Waffenkraft Frieden zu stiften. Die Terrorismus-Debatte, die Waffenlager und Mohnfelder Afghanistans sowie die Weltmacht Amerika wurden angesprochen. Eine unglaublich komplexe Thematik.

„Unter_Beschuss“ von Marc Lindemann Der Untertitel des Buches: „Warum Deutschland in Afghanistan scheitert“, lässt vermuten, Marc Lindemann befürworte den Abzug deutscher Soldaten aus Afghanistan und ein Scheitern dort sei seiner Meinung nach so oder so vorprogrammiert. Das Gegenteil aber ist der Fall. Er vertritt die Meinung, man solle unbedingt im Land bleiben und die Mission weiterführen. Lindemann: „Ich sehe einfach keine andere Wahl. Wenn etwas nicht gut ist, dann kann ich es gut machen und gehe nicht.“

Wer mehr über das Thema und Marc Lindemanns Buch erfahren möchte, kann sich auf der Website zum Buch ausführlicher informieren.

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