Freie Theater Jugend erzählt die Geschichten eines Amoklaufs

„… und raus bist du“ – Ein Drama der FTJ nach Utøya

11. August 2012, von
Zwei Schwestern
Zwei Schwestern

Eene meene muh. „… und raus bist du.“ – ein Abzählreim für Kinder und gleichzeitig der Titel des neuen Stückes der Freien Theater Jugend. Doch die Geschichten, die Regisseur Christof Lange und seine sieben Schauspieler erzählen, sind alles andere als ein Kinderstück, denn sie beruhen auf dem Amoklauf von Utøya, bei dem Anders Breivik im letzten Jahr 69 Menschen tötete.

90 Minuten dauerte der Anschlag auf der norwegischen Insel, auf der sich zu dem Zeitpunkt rund 560 Jugendliche in einem Feriencamp aufhielten. 90 Minuten, in denen sich das Leben von unzähligen Menschen für immer veränderte. „… und raus bist du“ inszeniert jedoch keinen chronologischen Ablauf der Ereignisse, „der blonde Mann mit den blauen Augen“ und seine Tat sind viel mehr ein Vehikel für eine Betrachtung der Frage, wie man generell mit so schrecklichen Ereignissen umgeht.

Die Freie Theater Jugend zeigt „… und raus bist du“
Die Freie Theater Jugend zeigt „… und raus bist du“

Am Anfang steht eine schwarze Fläche. Sieben Schauspieler schreiben ihr Schicksal selbst – mit Kreide an die Wand. Ausgehend von fünf Geschichten spinnt sich mit der Zeit ein Netz aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Da sind zum einen die Liebenden (Artur Büttner und Katharina Rose), zwei Schwestern (Nele Engel und Jenny Kretschmann), eine Schwangere (Nele Rolfs), ein Glückskind (Donella Mickel) und der Nachahmungstäter (Hagen Walter).

Nele Rolfs
Nele Rolfs

Sie alle sind auf der Suche. Der Nachahmungstäter versucht zu ergründen, wieso ein Mensch so eine grausame Tat begeht und er glaubt, dies nur zu können, wenn er selbst zur Waffe greift. Im Glückskind lebt ein Organ der Opfer weiter, mit dem ihm das Leben gerettet wurde – muss es deshalb ein schlechtes Gewissen haben? Das Liebespaar wurde durch die Insel zusammengeschweißt, aber was ist, wenn die Liebe später zerbröckelt? Und welchen Einfluss haben die Medien auf den Umgang mit der Tragödie?

Die Antworten muss jeder für sich selber finden, denn das Stück liefert nur Puzzleteile und kleine Geschichten. Ohne fertige Lösungen lädt es zum Denken ein, eine große Stärke des Stückes. Man hätte das Thema sicherlich auch so angehen können, dass man das Theater tieftraurig und betroffen verlässt, doch das passiert bei „… und raus bist du“ nicht. Hier wird ein ernstes Thema vielschichtig und spannend betrachtet, ohne zu werten und ohne auf die Tränendrüse zu drücken.

Die Freie Theater Jugend im Peter-Weiss-Haus
Die Freie Theater Jugend im Peter-Weiss-Haus

Für Regisseur Christof war es insgesamt ein sehr anstrengendes Stück. Das lag jedoch nicht nur an der umfangreichen Recherchearbeit, sondern vielmehr an kleinen Problemen, wie der Verletzung einer Schauspielerin kurz vor der Premiere. „Die große Schwierigkeit bei so einem Stoff ist, dass die Schauspieler ihre Rolle ehrlich und intensiv spielen müssen und keine ironische Brechung möglich ist.“ Mit dem Ergebnis ist er aber sehr zufrieden und den Jugendlichen zwischen 15 und 23 Jahren gelingt es auch ausgesprochen gut, ihre Figuren lebendig werden zu lassen.

Die nächste Vorstellung findet am 7. September im Peter-Weiss-Haus statt, weitere Termine finden sich dann auf der Homepage der Freien Theater Jugend. Wer einmal sehen will, dass Theater nicht nur Shakespeare oder Goethe ist, sondern auch ganz aktuelle Themen behandeln kann, sollte sich „… und raus bist du“ auf keinen Fall entgehen lassen.

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