„Einer flog über das Kuckucksnest“ im Volkstheater

Vorspiel am Montagabend im Theater im Stadthafen

13. April 2010, von

„Einer flog über das Kuckucksnest“ Inszenierung am Volkstheater Rostock Wer kennt ihn nicht, den gleichnamigen Klassiker der Filmgeschichte mit Darsteller Jack Nicholson in der Hauptrolle? Weniger bekannt dürfte da schon die Romanvorlage des amerikanischen Autors Ken Kesey sein, der seine 1959 gemachten Erfahrungen als Aushilfsnachtwächter in einer psychiatrischen Anstalt im kalifornischen Menlo Park in sein Buch einfließen ließ. In Folge der Veröffentlichungen von Buch und Film und der Bühnenadaption von Dale Wasserman kam es seinerzeit in den USA und danach auch in anderen Staaten zu lebhaften Diskussionen über den Umgang mit Menschen, die psychisch erkrankt waren.

Heute Abend und etwa 35 Jahre nach dem Film hatte das Volkstheater Rostock zum „Vorspiel am Montagabend“ in den Stadthafen geladen, zur Einführungsveranstaltung der Rostocker Inszenierung vom Bühnenstück „Einer flog über das Kuckucksnest“. Angekündigt war zudem ein Überraschungsgast. Jack Nicholson in Rostock?

Martin Ortega und Dr. Ulrike Lemke Gegen 20 Uhr hatten schon etwas über 40 Interessierte vor einer roten Couch Platz genommen, als Martin Ortega, Dramaturg des Volkstheaters und Moderator des Abends, die Veranstaltung eröffnete.

Ihm zur Seite saß als Überraschungsgast Dr. Ulrike Lemke von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Rostock, die bei der Rostocker Inszenierung der Künstlerschar beratend zur Seite stand. Unter das Publikum hatte sich noch weitere Prominenz gemischt, so zum Beispiel Schauspieldirektorin Anu Saari.

Aus Rücksicht vor Menschen, die weder Film noch Buch kennen, gab es vorab eine kleine Kurzfassung zum Inhalt des Stückes vom Dramaturgen, worüber ich ehrlich gesagt, ganz dankbar war.
Geschildert werden im „Kuckucksnest“ Leben und Umgang von Psychiatrieinsassen gegen Ende der 50er Jahre in den USA.

Ein Neuzugang, McMurphy, der eher kleinkriminell ist, als dass er tatsächlich an einer psychischen Erkrankung leidet, wird in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen und erlebt hautnah die Repressionen, denen seine Mitpatienten im Alltag ausgesetzt sind. Mit List und Witz versucht er, die starren Strukturen in der Anstalt zu durchbrechen und die Macht von Anstaltsschwester Ratched auszuhebeln. Letztlich unterliegt McMurphy und wird durch Elektroschocks und Medikamente „ruhig gestellt“, sein ehemals lebensbejahender, vor Kraft strotzender Individualismus: ausgelöscht.

Dramaturg Martin Ortega Ortega kündigte an, auf welche Neuerungen das Rostocker Publikum gespannt sein darf. So wird der Schauplatz der Handlung aufgehoben. Unklar wird bleiben, ob sich die Figuren wirklich in einer psychiatrischen Anstalt befinden. Ist es nicht doch ein Alten- oder Pflegeheim?
Die Insassen sind nicht mehr ausschließlich Männer, sondern die Station beherbergt nun auch Frauen. Diese Veränderung ist auch der Gegenwart geschuldet, in der gemischt geschlechtliche Stationen die Regel geworden sind.

Auch das Alter der Insassen ist im Durchschnitt höher als noch in der Forman-Verfilmung von 1975. Na klar, heute haben wir auch eine weitaus höhere Lebenserwartung als noch vor 30 Jahren. Wieder ein aktueller Bezug.

Viele Rollen wurden von Regisseur Martin Nimz getauscht. Die Pfleger werden von zwei Frauen gespielt. Den Indianer („Häuptling Bromden“) spielt Katrin Stephan. Cheswicks Rolle übernimmt Horst Rehberg, der im Dresen-Film „Wolke 9“ mitspielt. Die Handlung werde jedoch nach wie vor wiedergegeben. Weiterhin brauche sich kein Zuschauer der Veranstaltung sorgen: „… weder fliegen Farbbeutel durch die Gegend, noch tanzen alle die ganze Zeit auf allen Vieren.“

Mit diesen Ankündigungen ging es nun in das Gespräch mit der Expertin. Oberärztin Dr. Ulrike Lemke wurde vom Dramaturgen befragt, worin die Unterschiede der Psychiatrie der 70er Jahre zu der von heute bestünden. Ob das Bühnenstück etwas mit dem Alltag in einer psychiatrischen Anstalt zu tun habe. Worin die Probleme mit Patienten bestehen können und wie versucht werde, diese zu lösen.

Dr. Ulrike Lemke Versiert antwortete Dr. Lemke auf die vielfältigen Fragen Ortegas, wusste auch seiner überspitzten These („Meiner Meinung nach hat sich wenig verändert.“) mit Sachverstand zu begegnen. Mir, die wenig Erfahrung auf dem Gebiet der psychischen Erkrankungen und deren Heilmethoden hat, wurde heute bewusst, wie stigmatisiert dies Thema noch ist. Erst nach durchschnittlich sieben Jahren der Erkrankung gehen Patienten von sich aus zum Arzt. Aus Unkenntnis, aber sehr häufig auch aus Scham.

Die Behandlungsmöglichkeiten wären schon sehr viel besser geworden, so die Doktorin, doch sei gerade der Bereich der ambulanten Versorgung unbedingt auszubauen. Das Hauptziel einer vollständigen Integration von Menschen mit psychischen Erkrankungen in die Gesellschaft sei leider noch nicht erreicht.

Die Fragen aus dem Publikum wurden überwiegend von Frauen gestellt. Ob spezialisierte Stationen für die verschiedenen Erkrankungsformen effektiver seien als Gemeinschaftsstationen, wollte eine Dame wissen. Eine Andere fragte, ob man sich heutzutage, so wie die Figur des Indianerhäuptlings Bromden, selbst einweisen und freiwillig in einer psychiatrischen Anstalt bleiben dürfe.

Ganz wichtig war auch die Frage, ob es zur Rostocker Inszenierung ein theaterpädagogisches Angebot des Volkstheaters geben wird. An Rostocker Schulen seien schon Informationsmappen versendet worden, gab Martin Ortega bekannt. Schauspieldirektorin Anu Saari ergänzte abschließend, dass es dieses Gesprächsangebot nach der Aufführung geben werde.

Sie wies auch darauf hin, dass der Premiere am 24. April um 19:30 Uhr im Großen Haus nur noch fünf weitere Termine für das Schauspiel folgen. Neben einem Nachmittagstermin am 29. April, der besonders für Schulklassen geeignet ist, folgen noch vier Termine im Mai. In die neue Spielsaison werde das „Kuckucksnest“ nicht übernommen. Darum ihr Aufruf an alle Interessierte: „Gleich Hingehen!“ Dem kann ich nach dem heutigen Abend nur zustimmen.

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