Organspende und Organtransplantation

Gesprächsrunde auf der 6. Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft

6. Juni 2010, von

Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft: Organspende „Wenn man will, dass einem geholfen wird, ist man dann auch bereit zu geben?“ Diese Frage stellte Manuela Schwesig, Ministerin für Soziales und Gesundheit, anlässlich einer Gesprächsrunde zum Thema „Organtransplantation, eine Herausforderung an die Gesellschaft“ auf der 6. Nationalen Branchenkonferenz der Gesundheitswirtschaft in Rostock.

Mehr als 12.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan. Jeden Tag sterben drei Menschen, die eine Organspende hätte retten können. Der Bedarf steigt. Die Zahl der Patienten, die aufgrund ihres Alters oder Diabeteserkrankungen auf Spenderorgane oder Gewebe angewiesen sind, nimmt zu. Problematisch ist deshalb, dass die Anmeldungen für eine Spende sinken. Im letzten Jahr wurden 4.700 Organe und außerdem auch Gewebe transplantiert.

Manuela Schwesig Die durchschnittliche Spenderrate im gesamten Bundesgebiet beträgt 15 pro eine Million Einwohner. „Es könnten aber 40 Organspender pro eine Million Einwohner sein“, erläutert Professor Dr. Günter Kirste, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, die Situation in Deutschland.

Mecklenburg-Vorpommern zählt zu den Vorreitern. Hier kommen immerhin 26 Spender auf eine Million Einwohner. Über das gute statistische Ergebnis freut sich Manuela Schwesig: „Wir wollen uns darauf aber nicht ausruhen. Jeder einzelne Fall zählt.“

Branchenkonferenz Gesunheitswirtschaft, Talkrunde zur OrgantransplantationAngesichts der nicht ausreichenden Spenderquote stand deshalb die Frage, wie sie zu steigern sei, im Mittelpunkt des Expertengesprächs. Zwei Ansätze wurden dabei besonders intensiv diskutiert: zum einen, wie die Bereitschaft der Bevölkerung zum Spenden erhöht werden kann und zum anderen, wie strukturelle und organisatorische Abläufe verbessert werden können.

Eigentlich ist die Zustimmung zur Organtransplantation mit etwa 75% recht hoch. Dennoch besitzen nur 17% der Deutschen einen Spenderausweis und haben sich bewusst dafür entschieden, nach ihrem Tod einem anderen ihre Organe zur Verfügung zu stellen und so Leben zu retten.

Das Hauptproblem ist die Spannungssituation, die unmittelbar nach dem Versterben des Patienten entsteht. Angesichts des Todes ihres Angehörigen reagieren viele Menschen unsicher und ablehnend gegenüber einer Organentnahme. Um dieser Unsicherheit aus dem Wege zu gehen, plädierten viele der Anwesenden für eine systematische Abfrage beispielsweise im Rahmen des Ersten Hilfe Kurses des Führerscheinlehrgangs.

Kontrovers wurde die Widerspruchslösung debattiert, wie sie etwa in Spanien gilt. Hier ist die Organentnahme zu Transplantationszwecken nach dem Tod zulässig, wenn der Verstorbene dem nicht zu Lebzeiten widersprochen hat. Manuela Schwesig wies daraufhin, dass diese Lösung derzeit in der Bevölkerung in Deutschland nicht mehrheitsfähig sei.

Gesundheitswirtschaftskonferenz, Prof. Dr. Wolfgang Schareck Und auch Wolfgang Schareck, Rektor und Professor für Gefäß- und Transplantationschirurgie an der Universität Rostock hält nichts von einer Gesetzesänderung. „Das bringt nichts. Ich bin zuversichtlich aufgrund der Gesundheitskarte. Da soll die Entscheidung von jedem verzeichnet werden. Eine Änderung bzw. Umentscheidung ist später auch noch möglich.“

Das größte Potenzial sahen die Experten in der Aufklärung. Der Landtagsabgeordnete Ralf Grabow aus Rostock – selbst Betroffener – hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, das Thema Organtransplantation noch stärker ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.

Ralf Grabow auf der Konferenz für Gesundheitswirtschaft Dafür hat er gemeinsam mit Ärzten und Betroffenen einen Verein gegründet, der vor allem in Schulen informieren will. „Die Gesellschaft muss sich damit auseinandersetzen. Wir wollen, dass Schüler Multiplikatoren werden, die das Thema zu Hause mit den Eltern besprechen“, sagte Ralf Grabow über das Ziel des Vereins. Manuela Schwesig begrüßte diese Initiative. Sie ergänzte, dass das Thema Organtransplantation in den Lehrplänen der 7. und 8. Klasse durchaus vorgesehen ist. Allerdings werden diese Vorgaben nicht überall umgesetzt.

Verbesserungsbedarf sahen die Teilnehmer der Gesprächsrunde auch hinsichtlich der Strukturen und Organisation in den Kliniken selbst. Wegen der hohen Arbeitsbelastung der Ärzte wird das Thema zu oft vernachlässigt. Dies führt dazu, dass Fälle, bei denen eine Organentnahme in Frage kommt, nicht gemeldet werden und Gespräche mit den Angehörigen nicht oder nur unzureichend stattfinden. Ein Transplantationsbeauftragter, der seine Kollegen entlastet und den Angehörigen als professioneller Gesprächspartner zur Verfügung steht, könnte hier unterstützend wirken.

Der gestrige Tag der Organspende sollte für jeden Einzelnen Anlass sein, noch einmal intensiv über das Thema Organspendeausweis nachzudenken.

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