Björn Kern: „Das erotische Talent meines Vaters“

Von Kindern, die bürgerlicher sind als ihre freizügigen Eltern

19. Mai 2010, von

Björn Kern „Von Nienhagen bis Warnemünde habe ich schon einen Strandspaziergang hinter mir“, verriet uns der Schriftsteller Björn Kern gestern zu Beginn seiner Lesung. Da derartige Wanderungen nicht nur hungrig, sondern auch müde machen, „müssen wir als Publikum aufpassen, dass uns der Autor nicht einschläft“, scherzte Katinka Friese vom Literaturhaus.

Ans Einschlafen war an diesem kurzweiligen Abend natürlich nicht zu denken – weder beim Publikum, noch beim Autor. Ein wenig locken musste sie den Schriftsteller aber schon, so Katinka Friese. Nicht nur mit der Aussicht auf den erholsam-anstrengenden Strandspaziergang, sondern auch mit einer Lesung bei Bier und Lagerfeuer. Von den winterlichen Temperaturen Mitte Mai konnte ja niemand etwas ahnen.

Vorstellen wollte Björn Kern an diesem Abend seinen neuen Roman „Das erotische Talent meines Vaters“. Bevor es soweit war, las der Autor aber erst einmal das Eingangskapitel seines Debütromans „KIPPpunkt“. Der Kipp- oder Wendepunkt, den Karsten, der jugendliche Held seines Erstlingswerks, erlebt, als er seine Freundin und damit den Bezug zur Realität verliert und nach einem Amoklauf in der JVA landet.

„Obwohl oder auch gerade weil das so gar nichts mit meinem aktuellen Buch zu tun hat, lese ich daraus ganz gerne vor“, so Kern. Sei es doch der Text, der ihn überhaupt zum Schreiben gebracht hat.

Björn Kern: „Das erotische Talent meines Vaters“ Vom jugendlichen Zivi und Amokläufer Karsten nun aber zu Jakob, seinem Vater mit dem erotischen Talent.

Auf der einen Seite Jakob, 68er-Generation, freizügig, gerade seinen zweiten Frühling erlebend: „Ich werde verfolgt! Von der Damenwelt.“ Nach vier kämpferischen Jahrzehnten erlaube sich der Vater nun, „das Wir durch das Ich zu ersetzen, bevor es das Ich nicht mehr gäbe.“ Dem gegenüber steht sein bürgerlicher Sohn. Ein klassischer Vater-Sohn-Konflikt, nur mit umgekehrten Voraussetzungen.

„Eigentlich versuchen Vater und Sohn nur, auf knapp 200 Seiten ins Gespräch zu kommen“, fasst es Björn Kern etwas salopp zusammen, „was jedoch grandios scheitert. Am Ende gibt der Sohn auf.“ Die Details sollen an dieser Stelle natürlich noch nicht verraten werden.

Björn Kern im Literaturhaus Rostock Fragestunde. Was den aktuellen Roman von seinen bisherigen Werken unterscheide? „Atmosphäre mal drei Seiten Atmosphäre sein zu lassen“, sei etwas, das es in seinen bisherigen Romanen nicht gab. Aber eine Stimmung, wie an jenem Frühsommernachmittag am Bodensee einmal ganz ausführlich und bildhaft zu beschreiben, „war mir hier ganz wichtig“. Ein Jahr hat Björn Kern schließlich in Konstanz gelebt und nach dem ersten Provinzschock für den Berliner wollte er dort gar nicht mehr weg.

Zwar abgedroschen und meist völlig ohne Realitätsbezug, aber doch die Frage der Fragen: Wie viel Autobiografisches steckt in dem Buch? Heute mal etwas abgewandelt: Hat der Vater das Buch gelesen und hat er sich zumindest teilweise darin wiederentdeckt?

Lesung Björn KernFiguren, die sich Vater nennen, deshalb aber noch lange nicht sein Vater sind, gab es auch schon zuvor. Die Frage der Enterbungsandrohung hätten sie somit bereits hinter sich, so Kern. „Und ja, er hat es gelesen, es hat ihm sehr gut gefallen, er hat vor sich hin geschmunzelt, aber wiedererkannt hat er sich nicht.“

Bliebe noch die Frage nach dem gewünschten Ableben. Auf was für Fragen man beim Lesen des Buches doch so kommen kann. „Ich würde gern einfach verschwinden, einfach so weg sein.“ Ohne große Hinterlassenschaften, ohne Grab, ohne Urne. Na ja, wäre das auch geklärt. „Wir versuchen das so einzurichten“, verspricht Katinka Friese.

„Ein möglichst seichter Unterhaltungsroman“ schwebte Björn Kern beim Schreiben vor, „einfach, um mich selbst ein wenig zu schonen und weil ich keine Lust mehr auf die harten Themen hatte. Ich war dann doch überrascht, was die Leute jetzt alle anfangen da rein zu lesen.“ Von der Abrechnung mit den 68ern, über eine Psychogramm-Studie zwischen Vater und Sohn bis zur Abrechnung mit der Provinz. „Die ganzen Rückmeldungen, an die man überhaupt nicht gedacht hat“ fände er schon unterhaltsam, so Kern. „Wenn man das Buch einfach nur im Sommer auf dem Balkon liest, freut mich das aber genauso.“

Knapp 200 Seiten hat der Roman. Zum Glück nicht mehr, möchte ich sagen, denn hat man ihn einmal in der Hand, mag man ihn vor dem Ende kaum wieder weglegen. Trotz der oft langen Sätze (wohl eine heimliche Leidenschaft des Autors), fesselt das Buch. Was dem Vater sein erotisches Talent, ist dem Autor sein schriftstellerisches – somit genau die richtige Kost für einen dieser langen, unfreundlichen Mai-Abende.

Björn Kern und Volker H. Altwasser im Garten des Peter-Weiss-Hauses Das versprochene Bier und Lagerfeuer gab es zum Abschluss auch noch und so klang ein netter Abend im Garten des Peter-Weiss-Hauses aus.

Ganz klar das Literaturhaus mit dem größten Charme, so der Autor. Vorausgesetzt, der Wind treibt den Rauch des Feuers nicht immer in seine Richtung. 10.000 gesunde Schritte auf der Flucht ums Lagerfeuer? Und das nach dem Strandspaziergang! Das Rostocker dürfte dennoch geschmeckt haben.

Unter den Gästen fand sich übrigens auch der Rostocker Autor Volker H. Altwasser („Letzte Haut. Historischer Roman.“), der am Freitag eigentlich seinen neuen Roman „Altwassers letztes Schweigen. Ein Abwrackroman“ im Theater im Stadthafen vorstellen wollte. Da dieser erst am 28. Juni erscheint, verschiebt sich auch die Lesung auf Ende Juni – den Termin einfach schon mal vormerken!

Zwei weitere Einträge für den Terminkalender gibt es gleich noch hinterher: Am 28. Mai ist der Berliner Schriftsteller Thomas Kapielski zu Gast, der den diesjährigen Preis der Literaturhäuser erhält. Am 2. Juni kommt dann Harry Rowohlt ins Literaturhaus Rostock – ich sag nur: „Pu der Bär“ und „Pooh’s Corner". Und wer so gar nicht liest, dürfte ihn vielleicht immerhin als Harry aus der Lindenstraße kennen.

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