Effi Briest Premiere im leeren Volkstheater Rostock

Weltweit sehen Zuschauer die Bühnenfassung des Fontane Romans via Internet-Livestream

28. März 2011, von
Etwa 200 Zuschauer verfolgten den Live-Stream im MAU-Club
Etwa 200 Zuschauer verfolgten den Live-Stream im MAU-Club

Über 10.000 Zuschauer – so viele dürfte das Rostocker Volkstheater wohl noch nie bei einer Premiere eines Theaterstückes gezählt haben. Doch die 530 Plätze im Großen Haus, wo Matthias Brenners Bühnenfassung von Fontanes „Effi Briest“ aufgeführt wurde, blieben leer, aus Sicherheitsgründen.

Die Zuschauer nahmen stattdessen vor dem Bildschirm Platz oder bei Public Viewings – wie etwa im MAU-Club oder in der „anderen buchhandlung“ – vor einer kleinen Leinwand und verfolgten das Bühnenstück weltweit via Internet.

Petra Gorr und Jakob Kraze als Effi Briests Eltern
Petra Gorr und Jakob Kraze als Effi Briests Eltern

Diese Vorführungen waren natürlich technisch nicht so beeindruckend ausgestattet wie im Kino. Sollten sie auch nicht. Denn das Provisorium soll schließlich keine Schule machen. Das Schauspielensemble hatte sein Kunstwerk vielmehr in den Dienst des Protests für eine funktionstüchtige Spielstätte gestellt. Die Aufführung, die ihr Publikum mittels Live-Stream erreichte, sollte einen „würdigen Abschluss“ der Erarbeitung des Stückes darstellen, welches für die Bühne im Großen Haus konzipiert wurde, so Regisseur Matthias Brenner. Über Nacht war es am 22. Februar geschlossen worden.

Doch angesichts der außergewöhnlichen Vermittlung des Theaterstückes, die unweigerlich auf die desolate Situation des Hauses aufmerksam macht, wäre es bedauerlich, wenn all die Aufregung darüber den Blick auf die eigentliche künstlerische Arbeit verstellte. Dabei war es sehr sehenswert und bewegend, was das Team auf und hinter der Bühne vollbrachte.

Lisa Flachmeyer als Effi Briest
Lisa Flachmeyer als Effi Briest

In der Hauptrolle glänzte Lisa Flachmeyer als unbekümmerte und lebenshungrige Effi. Viel zu jung heiratet sie den für sie viel zu alten Baron von Instetten, dargestellt von Ulrich K. Müller, und zieht mit ihm in die pommersche Provinz. Hier lebt sie in seinem gruseligen Haus und verbringt ihre Abende in eher langweiliger Gesellschaft. Eine Affaire mit Major Crampas (Paul Walther) lässt sie kurzzeitig wieder aufblühen. Doch auch sie ist bald wieder vergessen, bis Instetten nach Jahren Liebesbriefe der beiden entdeckt und das Unheil seinen Lauf nimmt.

"Effi Briest" im Volkstheater Rostock
"Effi Briest" im Volkstheater Rostock

Unglücklichsein und nichts dagegen tun können – so geht es nicht nur Effi. Auch die anderen Schauspieler stellen dies eindrücklich mit ihren Figuren dar. Obwohl die historischen Kleider an die Entstehungszeit der literarischen Vorlage aus dem Jahre 1894 erinnern, dürfte dieses Gefühl auch heute nicht unbekannt sein.

Dirk Donat als Gieshübler und Peer Roggendorf als Kruse versuchen vergeblich im Großen Haus zu zündeln
Dirk Donat als Gieshübler und Peer Roggendorf als Kruse versuchen vergeblich im Großen Haus zu zündeln

Die Mitarbeiter des Volkstheaters können sicherlich ebenfalls ein Lied davon singen. Und obwohl das Stück insgesamt Fontanes Roman sehr treu geblieben ist, darf dann auch eine kleine Anspielung auf die aktuelle Situation des Hauses nicht fehlen. So schimpft Peer Roggendorf als Kruse: „In diesem Haus will auch gar nichts brennen“, als er vergeblich versucht ein Feuerzeug zu zünden.

Michael Ruchter als Marietta Tripelli
Michael Ruchter als Marietta Tripelli

Das Publikum in der „anderen buchhandlung“ reagierte darauf natürlich mit verständigem Schmunzeln. Für regelmäßige Erheiterung sorgten auch die Auftritte von Dirk Donat als Gieshübler. Einen weiteren beeindruckenden Auftritt hatte Michael Ruchter. Auf dem (Lauf-)Steg sang er als Marietta Trippelli die Ballade „Herr Oluf“ von Carl Loewe, welche von Jewgenij Potschekujew am Klavier begleitet wurde.

Nicht nur der Pianist auch die Norddeutsche Philharmonie, die zuvor ihre Stücke eingespielt hatte, trugen mit Werken von Patrick O’Beirne zur musikalischen Untermalung der Inszenierung bei.

Paul Walther als Major Crampas und Ulrich K. Müller als Instetten
Paul Walther als Major Crampas und Ulrich K. Müller als Instetten

Eingefangen wurden die Szenen von drei Kameras und zahlreich versteckten Mikrofonen, die Augen und Ohren für das fehlende Publikum im Großen Haus ersetzten. Das hatte natürlich den Vorteil, dass man zumindest visuell den Darstellern sehr nahe kam und so ihr feines Mimenspiel genauer beobachten konnte. Auch für Theaterbesucher ungewöhnliche Blickwinkel auf das Geschehen wurden so möglich. Ein interessanter Zugang, den der Zuschauer bereits aus Filmen kennt, die im Theater mögliche freie Betrachtung aber durch den Bildregisseur (Stefan Brunst) nochmals einschränkt.

Auch um das pittoreske Bühnenbild von Nicolaus-Johannes Heyse war es schade. Seine durch vier weiße Bögen und eine große Projektionsfläche erzeugte Dreidimensionalität konnte erwartungsgemäß auf den kleinen Bildschirmen und Leinwänden nicht ausreichend zur Geltung kommen.

Crampas und Effi
Crampas und Effi

Dass zum richtigen Theatererlebnis auch die mal mehr oder mal weniger subtile Interaktion zwischen den Menschen auf und vor der Bühne gehört, mussten die Darsteller spätestens beim Schlussapplaus deutlich spüren. Zunächst per Handy ins Große Haus eingespielt, holten sich die Schauspieler dann anschließend im MAU-Club den ungefilterten Zuspruch der Zuschauer. Etwa 200 Gäste hatten hier die rund dreistündige Übertragung der Premiere, die durch die ehemalige Rostocker Chefdramaturgin Johanna Schall und Theaterkritiker Michael Laals moderiert wurde, verfolgt.

In der „anderen buchhandlung“ hatten sich etwa 40 virtuelle Theaterbesucher die Aufführung angeschaut. Hier sorgten anfangs Übertragungsstörungen für etwas Nervosität, die sich dann aber schnell zerstreuten.

Ilka Walljes bei der Premiere von Effi Briest in der "anderen buchhanldung"
Ilka Walljes bei der Premiere von Effi Briest in der "anderen buchhanldung"

Ilka Walljes hat die Atmosphäre zwischen Leinwand und Bücherregalen jedenfalls gefallen. Erst zwei Tage zuvor in unserer Hansestadt angekommen, hatte sich die begeisterte Theaterbesucherin gleich die Bühnenfassung eines ihrer Lieblingsbücher vorgenommen. „Natürlich ist es kein Ersatz fürs Theater. Aber als Demonstrationsveranstaltung um ein Zeichen zu setzen, finde ich es super“, lautete ihr positives Fazit.

Im April wird Matthias Brenners „Effi Briest“ dann doch noch unmittelbar mit spontanen Reaktionen, dem kreativen Hauch und allem, was zu einem „richtigen Theaterbesuch“ dazugehört, in Rostock zu erleben sein. Allerdings in einer adaptierten Fassung in der Nikolaikirche, die bei allen Vorzügen leider wohl auch keine professionelle Theaterbühne ersetzen kann.

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