Der Trauerzug der Georg Büchner

Zum letzten Mal fährt die Georg Büchner (ex. Charlesville) die Warnow entlang und wird dabei von unzähligen Menschen beobachtet

28. Mai 2013, von
Die Georg Büchner lässt die Molenköpfe von Warnemünde hinter sich
Die Georg Büchner lässt die Molenköpfe von Warnemünde hinter sich

Eine Lücke klafft im Rostocker Stadthafen. Ab und zu kommt ein Radfahrer an den Liegeplatz 71/72 schaut die leere Kaikante entlang und hält kurz inne. Einige holen ihre Kamera raus und machen an diesem grauen Tag ein Foto von der neuen Aussicht auf die Altstadt und den Jachtklub am Gehlsdorfer Ufer.

Bis heute Morgen versperrte die MS Georg Büchner diese Sicht. Seit 2003 lag das knapp 154 Meter lange Schiff hier im Stadthafen und prägte die maritime Silhouette. Seit 1967 war Rostock sein Heimathafen. Nun ist die Georg Büchner weg. Am Morgen wurden die letzten Taue gelöst und mit leichter Schlagseite Steuerbord wurde das Schiff die Warnow hinunter Richtung Ostsee gezogen. Zum Abschied ertönten die Hörner der kleinen Warnowfähre, die tagtäglich unterhalb des Bugs des ehemaligen Frachters ihre Passagiere aufnahm und absetzte.

Kinder beobachten in Hohe Düne, wie die Georg Büchner ihren Heimathafen zum letzten Mal verlässt
Kinder beobachten in Hohe Düne, wie die Georg Büchner ihren Heimathafen zum letzten Mal verlässt

Kurz vor 11 Uhr – die Rostocker Schlepper hatten dem polnischen Schlepper Ajaks im Überseehafen die Trosse übergeben – setzte noch mal ein lautes Hupen der Schiffe in Warnemünde ein, als die Georg Büchner den Seekanal entlangfuhr. Auf der ganzen Strecke flankierten Menschen am Warnowufer das Auslaufen des Schiffes. Hafenrundfahrtsschiffe begleiteten es auf seinen letzten Metern im Rostocker Hafen. Auf einem Spielplatzholzschiff am Deich von Hohe Düne hatte sich eine Gruppe Kinder postiert. „Ist das traurig“, seufzte ihre Kindergärtnerin. So erging es auch vielen anderen Rostockern. „Den Stadtvätern wird es eines Tages leidtun“, höre ich einem Vater seinen beiden Kindern erklären. Andere sind eher nüchtern: „Das Schiff war schon lange Schrott. Es hätte so nicht lange weiter gehen können.“

Viele tauschten persönliche Erinnerungen aus und erzählten sich noch einmal die Geschichte der Georg Büchner. Vor allem in den letzten Monaten glich das Hin und Her um Verschrottung und Rettung einer Tragödie.

Um 11 Uhr ließ die Georg Büchner an diesem trüben Tag die Warnemündermolenköpfe hinter sich. Das war der Moment, an dem Hafenkapitän Gisbert Ruhnke sicherlich drei Kreuze gemacht hat, war das Schiff aus seinem Zuständigkeitsbereich entlassen.

Seine Rolle ist in der ganzen Affäre nicht unumstritten. Er selbst äußerte sich gestern bei der Vorbereitung der Verschleppung so: „Als Verantwortliche haben wir unsere Hautaufgabe erledigt, wir haben uns um die Sicherheit des Schiffes und die Vorbereitung der Verschleppung gekümmert. Persönlich tut es mir sehr leid um das Schiff. Ich habe auf diesem Schiff gelernt und war acht Jahre Lehrer bei der DSR. Aber man muss ehrlich sagen, wir haben in Rostock keinen, der uns das Geld gegeben hat. Die Stadt selber hat kein Geld. Wie haben viel versucht, auch mit den Belgiern. Ob das nun jedem gefällt, ist eine andere Frage.“

Die Georg Büchner verlässt zum letzten Mal ihren Heimathafen Rostock, Fotos:

Schlagwörter: Georg Büchner (8)Schiffe im Stadthafen (29)

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3 Kommentare

  • Michael höngen sagt:

    Es ist eine schande, das dieses schiff nach über 60 jahren so schäbig verschrottet wird. Die stadt vernichtet einfach so ein Stück ihrer geschichte. Da sie ursprünglich auch als passagierschiff im Einsatz war, ist sie übrigens eines der
    Letzten existierenden passagierdampfer der 50er. Ausserdem rettete sie 1963 einige überlebende des ausgebrannten und gesunkenen luxusliners „lakonia“. Um so schlimmer ist es, dass ein schiff mit so viel geschichte zestört wird. Hier noch eine bitte an die rostocker Bürger: passt gut auf, dass man das „Traditionsschiff“ nicht auch noch verschrottet!!!

  • Christof sagt:

    Es ist sehr traurig für Rostock..als ursprünglicher Rostocker wird ein Stück Hafen fehlen.

  • Burkhardt-Norbert Diedrich sagt:

    Mal ganz ehrlich: Es ist traurig das Schiff gehen lassen zu müssen. Es hängt ein ganzes Stück Geschichte dran. Aber man kann doch nicht von der Stadt verlangen, auf Teufel komm raus den Schrotthaufen zu retten. Hat Rostock keine anderen Sorgen? Den Krisenländern will man keine Kredite geben, weil sie lernen sollen zu sparen. Doch in Rostock soll ein marodes Schiff ohne wirkliche Einnahmequelle erhalten bleiben – trotz steten Geldmangels für Kultur und Jugend?

    Dann lieber das Geld und die Energie in den Erhalt und Ausbau des Schifffahrtsmuseum mit dem Traditionsschiff stecken.

    Ahoi!

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