Die Georg Büchner und die brütenden Schwalben

Nicht nur das Denkmal, das Motorschiff Georg Büchner (ex. Charlesville), ging verloren, auch beim Artenschutz schauten die Rostocker Behörden weg

29. Mai 2013, von
Die Baltic Taucher bereiten die Georg Büchner zur Abfahrt vor, während die Schwalben bei ihren Nestern ein- und ausfliegen
Die Baltic Taucher bereiten die Georg Büchner zur Abfahrt vor, während die Schwalben bei ihren Nestern ein- und ausfliegen

Einige Dutzend Schwalben waren die Letzten, die die Georg Büchner (frühere Charlesville) als Herberge nutzten. Die Nester, die sie unter Vorsprüngen und den äußeren Dachstreben bauten, sind nun mit auf die Reise über die Ostsee ins litauische Klaipeda gegangen.

Noch am Montag beobachtete die NAJU Rostock, die Jugendorganisation im Naturschutzbund (NABU), wie sowohl Rauch- als auch Mehlschwalben die Nester anflogen. An den rostigen Wänden konnten sie ungestört brüten. „Die Stadt hatte die Georg Büchner bereits zur Verholung freigegeben, als wir – leider zu spät – entdeckten, dass dieses Jahr wieder viele Schwalben auf dem Frachter nisteten“, berichtet Jugendsprecherin Sarah Haupt.

Doch für eine Rettung war es zu spät. Das Schiff wurde bereits zur Abfahrt vorbereitet und verließ am nächsten Morgen den Hafen mitten in der Brutzeit, die von Anfang Mai bis Anfang September dauert. Ob die Vögel überleben, ist fraglich. Selbst wenn die Altvögel mitfliegen, könnte der Mangel an Trinkwasser und Nahrung auf dem Meer ihren Tod bedeuten.

„Die moderne Architektur bietet wenig Möglichkeiten für die Schwalben, die bevorzugt an wettergeschützten, schwer zugänglichen Stellen von Gebäuden ihre Brutstätte anlegen. Es ist ein Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz, das besagt, dass es verboten ist, Wohnstätten wild lebender Tiere der Natur zu entnehmen. Insbesondere wäre ein Eingriff erst nach der Brutsaison mit Ausnahmeregelungen erlaubt und es muss für Ersatzmaßnahmen gesorgt werden“, erklärt die Studentin der Biowissenschaften.

Beim Amt für Stadtgrün und Naturschutz habe man am Dienstagmorgen keinen Handlungsbedarf gesehen. Auch rechtliche Schritte wolle man erstmal nicht unternehmen. Eine andere Tierschützerin hat bereits Strafanzeige bei der Polizei erstattet.

In geschützten Nischen der Georg Büchner haben Schwalben ihre Nester gebaut
In geschützten Nischen der Georg Büchner haben Schwalben ihre Nester gebaut

Rauch- und Mehlschwalben zählen nach der EG-Vogelschutzrichtlinie zu den geschützten Arten. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz ist es verboten, die Tiere „mutwillig zu beunruhigen oder ohne vernünftigen Grund zu fangen, zu verletzen oder zu töten“ sowie „ohne vernünftigen Grund Lebensstätten wild lebender Tier- und Pflanzenarten zu beeinträchtigen oder zu zerstören“.

Für das Unterbinden und Ahnden von Verstößen gegen das Bundesnaturschutzgesetz ist die untere Naturschutzbehörde zuständig. Sie kann auch Ausnahmeregelungen erteilen. Jedoch zählen das Entfernen oder Abschlagen der Nester nicht dazu und stellen daher eine Ordnungswidrigkeit dar. Darüber hinaus wäre die Entfernung von Nestern während der Brutzeit nach dem Tierschutzgesetz ein Straftatbestand, der mit bis zu 50.000 Euro geahndet werden kann.

Fotos: NAJU Rostock

Schlagwörter: Georg Büchner (8)NABU (23)Natur (106)

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6 Kommentare

  • Heinz sagt:

    nichts gegen arteschutz aber (gekürzt. Red.) … als wenn hier etwas mutwillig (gegen die tiere) und ohne triftigen grund geschehen ist.

    wennn es danach geht, stört eine stadt und der mensch als solches permenent mutwillig das leben auf diesem planeten/der tiere. angefangen beim ersten stein, der für eine stadt gelegt wird …

  • tobi sagt:

    nein, heinz, der schnöde mammon ist ganz sicher kein triftiger grund!

    das schiff verholen zu wollen, ist bestimmt ein triftiger grund, aber nicht in der brutzeit. du darfst als bauherr nicht mal *ein* nest an der fassade entfernen, dann musst du halt warten, es geht hier nicht um ein kavaliersdelikt!!!

    vor der brutzeit beantragt, hätte man die nester sicher entfernen dürfen, ggfs. mit ausgleich. den vögeln mitten in der brutzeit ihre niststellen zu entziehen, ist ein SKANDAL, vor allem, wenn tatsaächlich bereits gebrütet wurde oder gar jungvögel geschlüpft waren die jetzt elendig verenden

    wenn ein vogel (josy, galerie möller, warnemünde) ein paar quadratzentimeter zu wenig platz im käfig hat, wiehert in rostock der amtsschimmel, es hagelt ordnungsgelder und der gerichtsvollzieher steht in der tür, aber hier sind die behören mal wieder auf beiden augen blind – ich hoffe sehr, das bleibt nicht ohne konsequenzen

    was du schreibst, ist übrigens völliger quatsch: die tiere arangieren sich – wie man hier gut sieht – durchaus mit dem neuen lebensraum, benötigen aber den *im rahmen der gesetze* geregelten schutz, es ist eben nicht jeder stein verboten, der für eine stadt gelegt wird

    nicht zu vergessen, was die schwalben gerade in diesem uferbereich auch an insektenvertilgung für die menschen leisten

    – tobi –

  • Heinz sagt:

    alles klar, Tobi … dann liegen wir wohl allgemein sehr falsch, wenn wir uns gegen neubebauung wehren … die natur arrangiert sich im nachhinein mit veränderungen und verlusten … fragt sich nur wie lange noch?!

    ich freue mich riesig darauf, das wir am neuen markt bald noch mehr beton haben und letzte grünflächen verschwinden … die schwalben der büchner finden dort vielleicht eine neue über jahrzehnte sichere heimat.

    naturschutz ist sicherlich wichtig und richtig … aber ich glaube viel zu oft halten wir uns mit kleinigkeiten auf und lassen große sachen komplett unbeachtet!

  • Manja sagt:

    Ich kann nur hoffen, dass dies noch Konsequenzen hat! Das hat nichts mit dem Denkmalstatus oder einer evtl. Verschrottung zu tun, sondern einfach damit, dass der Tierschutz hier anscheinend mit Füßen getreten wurde und Gesetze ignoriert wurden.

    Schon um den engagierten Kids vom NAJU zu zeigen, dass es so nicht geht und derartige Aktionen nicht folgenlos bleiben dürfen. Dass das Rostocker Grünamt keinen Handlungsbedarf gesehen hat, wundert mich hingegen kaum noch, leider!

    @Heinz: Du widersprichst Dir selbst! Wenn Dir die Schwalben egal sind, brauchst Du Dich auch nicht um das wenige Grün am Neuen Markt zu kümmern. Größere Sachen gibt es immer, auch größere als den Neuen Markt, als Rostock, als MV, als Deutschland … – das ist wirklich ein selten blödes Argument!

  • Heinz sagt:

    ich widerspreche mir nicht … es ist nur leider so, dass ironie nicht von jedem verstanden wird.

    und na klar wird der schande, dass ein wahrzeichen verschrottet wird, dass sage und schreibe nur 10 jahre die sicht versperrte, mit zwei handvoll brütenden schwalben die krone der empörung aufgesetzt.

    schade, dass sich in all den jahren, bei stadthafenfesten (pfingsten, ostern, hansesail), nicht auch schon jemand um das wohl der vögel gekümmert hat?!

  • Frank sagt:

    Weißt du überhaupt, wo die Georg Büchner lag? Der Pfingstmarkt ist mehr als einen Kilometer entfernt und der Ostermarkt gar auf dem Neuen Markt…

    Und es ist doch wohl ein Unterschied, ob jemand beim Camping neben Deinem Zelt laut Musik macht oder ob er Dein Zelt mit Deinen Babys nimmt, auf ein Floß stellt und aufs offene Meer treiben lässt – falls Du es bildlich eher begreifst, worum es geht. Also manche Leute …

    Egal, nun ruhen Büchner und Tauben auf dem Grund der Ostsee – in jeder Hinsicht ein Trauerspiel – RIP!

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