Illegale Baumfällungen in den Wallanlagen?

Für die Neugestaltung der Dreiwallbastion wurden zahlreiche Bäume in den Rostocker Wallanlagen gefällt – dabei soll gegen das Bundesnaturschutzgesetz verstoßen worden sein

1. Februar 2021, von
Fünf Bäume mit Nestern stehen an der Dreiwallbastion noch - die Hälfte der Saatkrähenkolonie-Brutstätten soll bei den Fällarbeiten beseitigt worden sein
Fünf Bäume mit Nestern stehen an der Dreiwallbastion noch - die Hälfte der Saatkrähenkolonie-Brutstätten soll bei den Fällarbeiten beseitigt worden sein

Wurden in den Rostocker Wallanlagen illegal Bäume gefällt? Seit letzter Woche steht der Vorwurf im Raum, bei den Fällarbeiten auf der Dreiwallbastion sei gegen das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) verstoßen worden. Dabei geht es nicht direkt um die gefällten Bäume, sondern um Nester, die Vögel in ihren Kronen gebaut haben.

Eine kleine Saatkrähenkolonie hat sich in diesem Bereich der Wallanlagen angesiedelt. Mit neun Brutpaaren wurde der Bestand 2020 erfasst, erläutert Joachim Springer vom Naturschutzbund (Nabu) Mittleres Mecklenburg e.V. Aktuell stehen noch fünf Bäume mit Nestern, die Hälfte der Brutplätze soll durch die Arbeiten zerstört worden sein.

§ 44 Absatz 1 Nr. 3 BNatSchG untersagt es, „Fortpflanzungs- oder Ruhestätten der wild lebenden Tiere der besonders geschützten Arten aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören“. Der Schutz gilt auch für Nester, die gerade nicht bewohnt werden, wenn zu erwarten ist, dass die Vögel wieder zu ihnen zurückkehren, erläutert der ehrenamtliche Naturschützer. Bevor Nester entfernt werden, müsse man mindestens eine Brutsaison lang abwarten, ob die Vögel zurückkehren. Saatkrähen sind nicht nur sehr standorttreu, sie besitzen auch ein stark ausgeprägtes Sozialverhalten. Aus diesem Grund dürfen auch Teile der Kolonie nicht zerstört werden.

„Es gibt von Seiten des Amtes für Stadtgrün keine Ausnahmegenehmigung zur Beseitigung von Nestern von Saatkrähen auf der Dreiwallbastion“, erklärt das als Untere Naturschutzbehörde (UNB) zuständige Amt auf Nachfrage. Zum Zeitpunkt der Genehmigung der Wallsanierungsmaßnahmen war die Saatkrähenpopulation nicht bekannt, heißt es weiter.

„Aufgrund des sensiblen Standortes und der vorgesehenen Maßnahmen wurde eine ökologische Baubegleitung gegenüber der Rostocker Gesellschaft für Stadterneuerung, Stadtentwicklung und Wohnungsbau mbH (RGS) beauflagt und diese von der RGS auch beauftragt“, erklärt Kerstin Kanaa, stellvertretende Pressesprecherin der Stadt. Die RGS ist als Vorhabenträger für die Arbeiten in den Wallanlagen zuständig.

Warum die Bäume trotzdem gefällt wurden, ist bislang unklar. Nach einer E-Mail vom Nabu hat das Amt am Morgen des 26. Januar einen sofortigen Fällstopp gegenüber der RGS veranlasst und um Stellungnahme gebeten. „Die UNB prüft, ob weitergehende Verwaltungsverfahren erforderlich sind“, so Kerstin Kanaa. Mögliche Kompensationsmaßnahmen sollen ebenfalls geprüft werden.

Im Rahmen der Neugestaltung der Wallanlagen wurden auf der Dreiwallbastion rund um die Teufelskuhle zahlreiche Bäume gefällt
Im Rahmen der Neugestaltung der Wallanlagen wurden auf der Dreiwallbastion rund um die Teufelskuhle zahlreiche Bäume gefällt

Hintergrund: Neugestaltung der Wallanlagen

Die Planungen und Arbeiten an den Rostocker Wallanlagen laufen seit vielen Jahren. Bereits 2012 erklärte Landschaftsarchitekt Prof. Stefan Pulkenat bei der Vorstellung der Pläne: „Kahlschlag ist nicht unser Ziel“. Wer letzte Woche einen Blick auf den Bereich um die Teufelskuhle geworfen hat, bekam einen anderen Eindruck. Mehr Baumstümpfe als Bäume lassen große Teile der Dreiwallbastion kahl wirken. Auch sehr alte Bäume wurden gefällt.

Ziel der Arbeiten ist es, die Dreiwallbastion neuzugestalten und ihre Funktion als barockes Festungsbauwerk wieder herauszuarbeiten. Sichtachsen, etwa zum Kloster und dem Kröpeliner Tor, sollen wiederhergestellt werden. Dafür muss das Gehölz ausgelichtet werden, wertvoller Baumbestand soll jedoch erhalten bleiben. Zudem werden Wege wiederhergestellt bzw. neugestaltet – Treppen und Geländer sind baufällig, auf den Rundwegen gibt es etliche Stolperfallen. Die Gesamtkosten der Maßnahme belaufen sich auf etwa drei Millionen Euro, 2,7 Mio. Euro kommen aus Städtebaufördermitteln.

Umweltschutzverbände kritisierten bereits bei Vorstellung der Pläne, dass Naturschutzaspekte zu wenig berücksichtigt werden. Einwohner zeigten sich besorgt, dass es zu einem Kahlschlag wie auf dem Kanonsberg kommt. Es gab eine Unterschriftensammlung für naturnahe Wallanlagen und Proteste gegen die Abholzung.

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