Thomas Kapielski - Laudatio & Lesung

Preis der Literaturhäuser 2010 – Thomas Kapielski in Rostock

30. Mai 2010, von

Thomas Kapielski„In Rostock war einem Manne um etwa die gleiche Zeit, nämlich vorige Woche, bei Neumond, kurz vor Frühlingsanfang die Zunge im Halse einer Bierflasche stecken geblieben.“ Mit einer charmanten ‚Fälschung‘ seines eigenen Textes begann Thomas Kapielski am Freitag seine Lesung im Literaturhaus und ließ das Berliner Kindl spontan zu einem Rostocker Pils werden.

„Dies war erst gar nicht aufgefallen. Der Mann hockte tränenden Auges eine Pfeffer-Salz-Mostrich-Kombination fixierend seit Stunden gebeugt über der Flasche. Man wähnte ihn schlicht besoffen, bestenfalls nachdenklich, hatte es in Wahrheit aber mit einem Verzweifelten zu tun, der sich heimlich mühte, seine festgesaugte Zunge aus der Flasche zu ziehen.“

Mit seinem Humor sorgt Kapielski für die ersten Lacher, mit seiner Berliner Schnauze zieht er das Publikum in seinen Bann. Abschweifend, zurückkommend, auf den Punkt gebracht. Kapielski spielt förmlich mit den Worten und ja, er ist ein verdammt guter Spieler. Liest – oder noch besser hört – man ihn, sitzt man mit ihm am Stammtisch, mittendrin in einer dieser Berliner Kneipen.

Sprachliche Begabung, Wortwitz und sein ihm ganz eigener Humor dürften die Eigenschaften sein, die Kapielski ausmachen. Und sie sind es, die dafür sorgen, dass das breite Grinsen aus dem Gesicht frühestens wieder verschwindet, wenn man sein Buch zur Seite legt.

Matrin OrtegaIm März wurde Kapielski auf der Leipziger Buchmesse der „Preis der Literaturhäuser 2010“ verliehen. Ein Preis, so erläuterte Martin Ortega in seiner Einleitung, der jährlich einem Schriftsteller verliehen wird, der sich in besonderem Maß um das Gelingen von Literaturveranstaltungen verdient gemacht hat.

Eine Urkunde oder etwas Ähnliches würde es zwar nicht geben, so Ortega, dafür aber ein kleines Geschenk des Literaturhauses – eine Nasenflöte. Ist Thomas Kapielski doch nicht nur Autor und bildender Künstler, sondern auch Musiker im „Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester“ – eine kleine Kostprobe seines Könnens gab Kapielski am Ende zum Besten.

Verbunden mit dem Preis und dem Preisgeld von 11 mal 1.000 Euro sei die ‚Auflage‘ oder vielmehr Ehre, in jedem der elf Literaturhäuser aufzutreten – Rostock war die letzte Station seiner Rundreise. „Ich kann Ihnen versprechen, das ist ein großes Vergnügen“, bekräftigte Ortega, der ihn bereits am Vortag in Berlin erleben durfte.

Dubravka DalfogoEine weitere Besonderheit: In jeder Stadt darf sich der Preisträger seinen Laudator selbst aussuchen. So hatte der Autor für die passenden Worte praktischerweise einfach seine Ehefrau mit nach Rostock gebracht.

Als Lebensgefährtin habe sie einen ganz besonderen Blick auf den Preisträger, erklärte Dubravka Dalfogo. Gemeinsam mit dem 13-jährigen Sohn Lukas durchforste sie jedes neue Werk „nach kleinen Geschichten aus unserem Familienleben.“

Auch wenn ihr Mann dann immer entgegne, dass alles nur Literatur und erdichtet sei, „hat sich manche Episode doch so zugetragen, wie im Werk sprachgewaltig beschrieben.“ So sei auch ihre Mutter ab und an zu beruhigen, „die sich nach Lektüre bestimmter Passagen Gedanken über unser Eheleben macht.“

Im guten Sinne sei ihr Mann konservativ, verriet Dubravka Dalfogo. Die Komplexität und Mannigfaltigkeit der deutschen Sprache liege ihm am Herzen, neudeutsche Sprachverwirrungen und überflüssige Anglizismen seien ihm ein Graus. Auch die Rechtschreibreform würde ihr Mann eher als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der akademischen Bürokratie sehen. Niemals würde er die Konjunktion „daß“ mit „ss“ zu schreiben. „Das Buckel-S ist sein Lieblingsbuchstabe – den liebt er, den gibt er nie wieder her.“

„Indem er scheinbare Banalitäten gerade in ihrer Banalität aufzeigt“, bringe er den Leser zum Lachen, „er lacht aber nie aus. Es ist nie Häme, die sich hinter seinem Humor verbirgt.“

Zeit, den Autor zu Wort kommen zu lassen.

Thomas Kapielski im Literaturhaus RostockSalvator, das Starkbier vom Nockherberg – wo man das in Berlin kauft? Klar, bei Getränke Hoffmann, „den wir da salopp Tränke-Hoffi nennen.“

Der ultimative Berlin-Tipp? „Wenn Sie jemals in Berlin weilen und Sie brauchen eine wirklich solide Plastiktüte, dann empfehle ich immer die von Getränke Hoffmann.“ Ein wenig schweifte Kapielski ab, doch „ich erzähle lieber, weil lesen können Sie das alles selber, dazu schreib ich’s ja auf.“

Sieben Flaschen des Salvator- oder Erlöser-Biers scheint diese stabile Plastiktüte zumindest problemlos tragen zu können. Auf jeden Fall wurden sieben Flaschen gekauft, bei Tränke-Hoffi. Sieben, „die verwegene Sieben, die sich aus der klaren Vier und der törichten Drei“ ergibt. Der Abend konnte beginnen.

„Nach dem dritten, vierten Salvator und der noch ganz sachlich rezipierten Tagesschau verhedderte ich mich unversehens an einer Abendsendung, die eben als Präambulum den Stehgeiger André Rieu inmitten japanischer Kinder darbot, die einige von ihm begeigte deutsche Weihnachtslieder sangen. Durch diese Hybridfügung, Salvator plus Rieu geteilt durch zwei, kippte meine Stimmung ins Unsägliche.“ Ergebnis? Ein nagelneuer Rausch, der immerhin eine „dringliche Bundesbetäubungsmitteilung“ wert ist. Ein Rausch, der endet „auf dem Nockherberg, wo dann Hopfen wächst und alles von Neuem bei Getränke Hoffmann anfängt“ – ein bierseliger Abend mit Rieu.

Im Anschluss gab Kapielski noch ein paar Episoden aus seiner „Ortskunde“ zum Besten. Von Schwerin, das „schwer in“ als Marketingkonzept vertragen könnte, bis Ulbenort, wo man jüngst bei Ausgrabungen eine erstaunlich gut erhaltene U-Bahn-Station entdeckte: „Selbst Wartende funktionierten noch.“

Für seine „Ortskunde“ hat der Autor übrigens Deutschland nicht etwa per Auto, Bahn oder gar zu Fuß bereist, sondern ganz modern am Computer, mit Google Earth.

Fast schon ein wenig abrupt ging der Abend zu Ende. Mag sein, dass elf Stationen in knapp vier Wochen doch etwas schlauchen. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass man ihm einfach ohne Ende zuhören kann und die Zeit viel zu schnell verflog.

Wie dem auch sei: Rieu einschalten, Kapielski in die eine Hand, das Salvator (ein anderes Starkbier dürfte es ersatzweise auch tun) in die andere und dann den Abend genießen – bestimmt kein schlechter Tipp. Auf eines der drei Dinge könnte man vielleicht noch verzichten. Prost!

Nicht vergessen: Am Mittwoch um 20 Uhr liest und erzählt Harry Rowohlt im Literaturhaus.

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