Reisen und Erobern. Die Attraktionen der Fremde im 19. Jhd.

Neue Sonderausstellung im Kulturhistorischen Museum

16. September 2011, von
Annelen Karge in der Ausstellung "Reisen und Erobern"
Annelen Karge in der Ausstellung "Reisen und Erobern"

Seit jeher haben sich Menschen über längere Strecken von einem Ort zum anderen fortbewegt. Jedoch war es eher ein Muss als ein Vergnügen. Unbefestigte Wege, über die die Wagen rumpelten und auch gern mal umkippten, und andere Gefahren machten das Reisen für Händler und Fahrensleute beschwerlich.

Im 19.Jahrhundert, dem Zeitalter der Industrialisierung, änderte sich das. Eisenbahn und Dampfschiffe machten das Reisen komfortabler und schneller. Eine Zuggeschwindigkeit von 30 km/h galt damals schon als rasant. „Da machte man sich größte Sorgen um Leib und Leben. Es gab Stimmen, die sagten, die inneren Organe würden dem wohl nicht standhalten. Durch das rasante Vorbeiziehen der Bilder könnte man möglicherweise den Verstand verlieren“, berichtet Annelen Karge vom Kulturhistorischen Museum über die Ängste angesichts der schwindelerregenden Entwicklungen im 19. Jahrhundert.

Seit zwei Jahren hat die Kuratorin die Ausstellung „Reisen und Erobern. Die Attraktionen der Fremde im 19. Jahrhundert“ vorbereitet. Bis Mitte Februar kann diese nun in drei Räumen des Klosters zum Heiligen Kreuz besichtigt werden.

Holzobjekt aus dem ehemaligen Ethnologischem Museum zu Rostock
Holzobjekt aus dem ehemaligen Ethnologischem Museum zu Rostock

Die meisten Exponate stammen aus den Beständen des Museums. Aber auch aus privaten Sammlungen und anderen Museen und Archiven wurden Ausstellungsstücke zusammengetragen.

Besonders stolz ist man auf die originalen Zeremoniengegenstände und andere Holzobjekte aus der Südsee und Afrika. Sie stammen aus der Sammlung des ehemaligen „Ethnografischen Museums zu Rostock“, dessen Bestand im Zweiten Weltkrieg größtenteils verloren ging, und werden nun zum ersten Mal wieder gezeigt.

Die Stücke drücken die Begeisterung für die Buntheit und Andersartigkeit fremder Völker aus, so Annelen Karge.

Kaiserpanorama im Kulturhistorischen Museum Rostock
Kaiserpanorama im Kulturhistorischen Museum Rostock

Wer nicht selbst reisen konnte, war trotzdem der Faszination erlegen – mit dem Aufkommen der Fotografie konnte auch ihnen geholfen werden. Bilder ferner Länder wurden in Rostock in einem sogenannten Kaiserpanorama öffentlich präsentiert. Es ermöglichte bis zu 25 Personen, stereoskopische Bilder zu betrachten. Mit 5000 Dias besitzt das Rostocker Kulturhistorische Museum die zweitgrößte Sammlung in Deutschland, doch leider kein Präsentationsgerät. Für die Ausstellung „Reisen und Erobern“ hat man sich nun eins aus Celle ausgeliehen, das zwölf Personen Platz bietet.

„Sie müssen sich eine Dame vorstellen, die im Korsett bis zum Hals geschnürt und über Hagenow-Land nie hinausgekommen ist, dann an diesem Kaiserpanorama in die Okulare hineinsieht und sich plötzlich mitten in einem afrikanischen Dorf voller nackter, schwarzer Menschen befindet und absorbiert wird von den dreidimensionalen Szenen“, beschreibt die Kuratorin den Kulturschock. Heute würden wir den wahrscheinlich gar nicht mehr nachempfinden können.

Heimversion des Kaiserpanoramas ermöglicht Blick in fremde Welten
Heimversion des Kaiserpanoramas ermöglicht Blick in fremde Welten

Drei Dia-Serien hat das Rostocker Museum für das Kaiserpanorama zusammengestellt. Bis zum 2. November sind Bilder von 1910 aus Konstantinopel, Marokko, Kairo und Alexandria zu sehen. Bis zum 4. Januar werden Ansichten aus Südamerika aus dem Jahre 1905 gezeigt. Die letzte Serie nimmt den Betrachter schließlich mit auf die Reise nach China und auf die Insel Java ins Jahr 1910.

Farbige Gesichter und ungewöhnliche Kleider zu sehen wurde bald immer selbstverständlicher. Das Thema Exotik hielt auch in den Kinderzimmern Einzug und fand sich in der Werbung für Kaffe, Zigaretten und Kakao wieder. Die Euphorie für fremde Länder und die wachsende Selbstverständlichkeit zu Reisen weckten in Europa Begehrlichkeiten.

Reisen und erobern im 19. Jahrhundert
Reisen und erobern im 19. Jahrhundert

Ab 1884 ist Deutschland Kolonialmacht. Wie andere Kolonialmächte auch herrscht es brutal über die eroberten Gebiete. Auch dieses düstere Kapitel beleuchtet die aktuelle Ausstellung und spart nicht mit Zahlen und Fakten über die Tausenden getöteten Ureinwohner.

Befremdlich aus heutiger Sicht sind auch die Völkerschauen, von denen Werbeplakate im Museum zeugen. Von 1870 bis 1940 brachte man Menschen aus Afrika und anderen Kontinenten nach Europa, um sie hier zwischen Zebras und Elefanten vorzuführen. Viele starben, weil sie das Klima nicht vertrugen und schlecht behandelt wurden.

Die Ausstellung „Reisen und Erobern“ zeigt die Ambivalenz dieses wachsenden Interesses am Fremden im 19. Jahrhundert. Begleitet wird die Schau von einer Vortragsreihe, die einzelne Aspekte noch einmal vertiefend beleuchtet.

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