Computergeschichte an der Uni Rostock: Von Zuse zu Zuse

Ausstellung im Kulturhistorischen Museum gewährt zur Einweihung des neuen Rechenzentrums der Universität Einblicke in die Rostocker Computergeschichte

23. August 2011, von
„Entenjagd“ auf dem KC85/4 - Bildungsminister Henry Tesch und Rektor Wolfgang Schareck
„Entenjagd“ auf dem KC85/4 - Bildungsminister Henry Tesch und Rektor Wolfgang Schareck

Wenn im Kulturhistorischen Museum zur Entenjagd geblasen wird, mag das schon ein wenig seltsam erscheinen, auch – oder gerade – wenn es sich dabei um virtuelle Tiere auf einem Computerbildschirm handelt. Ein Kleincomputer aus DDR-Zeiten war es, der Bildungsminister Henry Tesch gestern zum Zocken verführte. Bildungspolitisch vielleicht nicht ganz korrekt lief auf ihm das Spiel „Entenjagd“, das man fast schon als einen der Urväter moderner Ballerspiele bezeichnen kann.

Bei Henry Tesch weckte der Rechner Erinnerungen an seine Studienzeit in Leipzig. An solch einem KC-Rechner aus Mühlhausen habe er seine ersten Computererfahrungen gemacht, erzählt der Minister.

Lochkartenstanzer und Ferritkernspeicher
Lochkartenstanzer und Ferritkernspeicher

Der im Kulturhistorischen Museum gezeigte KC 85/4 ist Teil der Ausstellung „Von Zuse zu Zuse. Eine Rostocker Computergeschichte“. Anlässlich der Einweihung des neuen Rechenzentrums der Uni Rostock, das gestern auf den Namen des Computerpioniers Konrad Zuse getauft wurde, gewährt die Kabinettschau einen Einblick in die Rostocker Computergeschichte von 1964 bis 1990.

Den klassischen Rechenschieber findet man in der Ausstellung ebenso wie mechanische Rechenmaschinen. Den Triumphator CRN 2 beispielsweise, ein Sprossenradrechner aus dem Jahre 1960, der seinerzeit knapp 500 Mark kostete und auf vielen Schreibtischen in der Verwaltung zu finden war.

Die Größe und Dicke eines guten Wälzers hat ein ausgestellter Ferritkernspeicher, der gerade einmal 0,0097 MB aufnehmen konnte. Kleine Perlen aus Ferrit wurden auf isolierte Kupferdrähte gefädelt – durch Stromfluss magnetisiert, konnten sie die Binärwerte 0 und 1 speichern. Mehr als 8.000 solcher Speichermodule kamen etwa beim Zeiss-Rechen-Automat 1 (ZRA 1) zum Einsatz. Er war der erste serienmäßig hergestellte Großrechner der DDR, der ab 1964 an der Rostocker Universität seinen Dienst verrichtete.

Von Zuse zu Zuse – Ausstellung zur Computergeschichte an der Uni Rostock - Stefanie Russow (Studentin der Germanistik und Geschichte), Stefanie Kohl (Doktorantin in Germanistik), Philipp Kluwe (Student der Germanistik und Philosophie) und Holger Helbig (Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft) neben dem Bildungscomputer A 5105 (v.l.n.r)
Von Zuse zu Zuse – Ausstellung zur Computergeschichte an der Uni Rostock - Stefanie Russow (Studentin der Germanistik und Geschichte), Stefanie Kohl (Doktorantin in Germanistik), Philipp Kluwe (Student der Germanistik und Philosophie) und Holger Helbig (Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft) neben dem Bildungscomputer A 5105 (v.l.n.r)

Unter der Leitung von Professor Holger Helbig haben die drei Studenten Stefanie Kohl, Stefanie Russow und Philipp Kluwe in der Arbeitsgemeinschaft „Wissenschaft ausstellen“ die Exponate zusammengetragen. Neben dem KC 85/4, dem Lerncomputer LC 1 und dem Heimcomputer Z9001 gibt es auch die klassischen Bürorechner, wie den Robotron A 5120, den EC 1834 oder den Bildungscomputer A 5105 zu sehen. Nicht weniger interessant ist der Vergleich zwischen dem ersten tragbaren PC von IBM, dem 5155, und einem modernen Laptop des Herstellers.

„Der spinnt, der meint Kassette“, erinnert sich Minister Tesch an eine weitere Anekdote aus seiner Studienzeit, als Kommilitonen von Disketten berichteten. An der Leipziger Uni haben sie Mitte der Achtziger noch Kassetten in die Kleincomputer geschoben. „Für ‚Kabale und Liebe‘ habe ich ein Szenenbild an solch einem Rechner erstellt – das waren meine ersten Computererfahrungen“, erzählt Tesch.

EC 1834, im Hintergrund der erste portable PC, ein IBM 5155 aus dem Jahr 1984
EC 1834, im Hintergrund der erste portable PC, ein IBM 5155 aus dem Jahr 1984

Ganze Computerkurse wurden damals auf Kassetten herausgebracht und die Programme wurden sogar übers Radio ausgestrahlt –mit dem Rekorder mitgeschnitten wurden sie anschließend in den Rechner eingespielt.

Kassetten dienten natürlich auch im Westen als Speichermedium. Keine Datasette, sondern gleich ein richtiges Floppylaufwerk konnte Djamshid Tavangarian sein Eigen nennen. „Der C64 war mein erster eigener Rechner“, erinnert sich der Professor vom Lehrstuhl für Rechnerarchitektur. Der 64er von Commodore, aufgrund seiner Form auch liebevoll Brotkasten genannt, war im Westen das, was der Mühlhausener Kleincomputer für den Osten. Seinen allerersten Rechner habe er jedoch selbst entworfen, erzählt Tavangarian. Die schnelle Fourier-Transformation war Thema seiner Diplomarbeit.

Heimcomputer Robotron Z9001
Heimcomputer Robotron Z9001

Lochkarten, Kassette oder Diskette? Den meisten der heutigen Studenten dürfte weder das eine noch das andere geläufig sein. Auch daran kann man erkennen, wie schnell sich die Computertechnik entwickelt hat und es ist sicher auch für die heutige Smartphone-Generation ein guter Grund, dem Kulturhistorischen Museum einen Besuch abzustatten.

Noch bis zum 23. Oktober kann man hier immer dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr eine kleine, aber feine Zeitreise in die Computerwelt der vergangenen Jahrzehnte antreten. Der Eintritt ist frei.

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