XXL-Graffitikunstwerk in Warnemünde

Mit Sprühdosen gestaltete Artunique den S-Bahn-Fußgängertunnel am Nordkreuz

18. Juli 2012, von
Der Eingang zum Fußgängertunnel der S-Bahn-Station Warnemünde Werft
Der Eingang zum Fußgängertunnel der S-Bahn-Station Warnemünde Werft

Durch lange, dunkle Tunnel zu gehen, ist nicht jedermanns Sache. Eng, wie ein graues, dunkles Loch wirken sie und man möchte eigentlich so schnell wie möglich wieder raus. Beim 40 Meter langen Fußgängertunnel, der an der S-Bahn-Haltestelle Warnemünde Werft unter den Gleisen durchführt, ist das anders.

Auf hellem Blau und mattem Gelb strahlen den Passanten große, freundliche Gesichter entgegen. Viele nehmen sich Zeit, der Blick geht nach rechts und links, manchmal bleiben einige sogar stehen, um immer wieder Kleinigkeiten zu entdecken, die sie zum Schmunzeln bringen. Wie eine Oma, die eine Thermoskanne in der Hand hält. Oder ist es doch eine Sprühflasche? „Eine Hommage an die Sprüher“, erklärt Christian Hölzer. Seit 1987 malt der gelernte Förster und Holztischler. Vor zwölf Jahren schmiss er schließlich seinen Job und gründete das Unternehmen Artunique, das mit seiner Graffitikunst nicht nur in der gesamten Stadt (Szene-Slang: All-City) vor allem auf Trafohäuschen präsent ist, sondern sogar in vielen anderen deutschen Städten bis nach München Fassaden gestaltet.

Graffiti Surfer auf Hansa-Board
Graffiti Surfer auf Hansa-Board

Zu dritt hat das Artunique-Team in den letzten fünf Wochen den neu gebauten Fußgängertunnel am Warnemünder Nordkreuz gestaltet. „Wohl eines der größten Kunstwerke der Region“, freut sich Michael Schroeder von der RSAG, die neben der Stadt und der Bahn Auftraggeber dieses Projektes war.

Im Vorfeld gab es zwar eine relativ feste Skizze, in der das maritime und regionale von Warnemünde als Thema vorgegeben wurde. Im Kleingedruckten aber stand etwas von künstlerischer Freiheit, die das Malerteam auch ausgiebig nutzte und immer mehr von der Skizze abwich. „Das war anfangs nicht allen ganz geheuer, aber ich habe versprochen, dass das Bild am Ende allen gefällt“, erinnert sich Christian Hölzer. Er schwärmt von der positiven Energie, die ihnen vom ersten Tag an in den Gesprächen mit den Passanten entgegengebracht wurde. Während er als Graffitisprayer oft mit Beschimpfungen zu tun hat und in den ersten Tagen durchaus auch mal die Polizei gerufen wird, sei das bei diesem Projekt ganz anders gewesen. „Wir haben bisher keinen einzigen kritischen Kommentar gehört und das ist wirklich selten.“

Artunique-Graffiti in Warnemünde
Artunique-Graffiti in Warnemünde

Viele, so erzählt er, seien jeden Tag wiedergekommen, um das Tageswerk zu begutachten. Eine ältere Dame brachte Erdbeeren vorbei, ein Bauarbeiter spendierte vier Flaschen Bier. Dabei blieb es aber nicht. Denn was diesen Tunnel so besonders macht, ist, dass die abgebildeten Werftarbeiter, Fischer, Kinder, Touristen nicht nur fiktiv sind. Viele von ihnen sind fotorealistische Darstellungen von Passanten, die unbedingt auf diesen Wandbildern dargestellt werden wollten. Mit ihren Anregungen haben sie einen großen Anteil an der Gestaltung des Tunnels. Christian Hölzer erinnert sich: „Eines Tages kam ein Mann mit einer Reichsbahnuniform auf uns zu, der als Warnemünder Original unbedingt mit rauf wollte. Wir machten ein Foto von ihm und am nächsten Tag war er dran.“ Ein Werftarbeiter erkannte sich in einem Entwurf wieder. Flugs wurde auch er fotografiert und mit einem Schutzhelm verewigt. Wie auch die Enkel einer Oma, die Fotos vorbeigebracht hatte. Dafür wurde auf ein anderes Motiv verzichtet.

Auch allgemeinere Wünsche der Passanten fanden Berücksichtigung. „Oben haben wir etwas beleibtere Personen gemalt. Die waren zuerst fertig. Als mehr und mehr Betrachter sagten, dass das eine lustige Idee sei, sie aber auch noch eine schöne Strandfrau wollten, haben wir gesagt: Dann machen wir das eben“, erzählt der Artunique-Chef.

Detail eines Graffitis von Artunique
Detail eines Graffitis von Artunique

Kombiniert werden die fotorealistischen Darstellungen, bei denen aus der Nähe noch jede Falte zu sehen ist, mit grafischen Elementen in drei Grundfarben. Ohne Schablone wurden sie Freihand aufgetragen. Schließlich wurden es viel mehr Motive als ursprünglich geplant. Knapp 3000 Sprühflaschen wurden für die Gestaltung der großen Betonflächen verbraucht.

Geschützt werden die Wandbilder durch einen neuartigen Belag, der es erlaubt, Verschmutzungen mit Hochdruckreinigern und Reinigungsmitteln abzuwischen. Denn eine Sorge haben viele Betrachter.

Der Mann mit der Reichsbahnuniform weist den Weg aus dem Tunnel.
Der Mann mit der Reichsbahnuniform weist den Weg aus dem Tunnel.

„Bleibt zu hoffen, dass das Graffiti in der jetzigen Form ganz lange erhalten bleibt. Denn es wertet das ganze Areal, in dem es viele Betonflächen gibt, auf“, wünscht sich Urlauber Stephan Lehmann, der das Seebad Warnemünde regelmäßig mit seiner Familie besucht. Ihm sind die wilden Graffiti, die es auch schon an der neuen S-Bahn-Station gibt, ein Dorn im Auge.

„Das ist der Ursprung des Graffitis“, bleibt Christian Hölzer gelassen und betont wertungsfrei. „Das eine würde es ohne das andere nicht geben. Wenn es keinen Bedarf gäbe, würden die Leute die Wände grau lassen.“

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