Die Vorhaut des Kapitals – Lyrik von Badenhoop und Stegner

Rostocker Autoren stellen ihren neuen Lyrikband im Peter-Weiss-Haus vor

29. Juli 2012, von
Martin Stegner und Martin Badenhoop
Martin Stegner und Martin Badenhoop

Kichern im Studio des Peter-Weiss-Hauses (PWH). Besonders einige Herren im zahlreich erschienenen Publikum schaffen es nicht cool zu bleiben, als Martin Stegner aus dem Off die Definition von „Vorhaut“ aus einem Biologiebuch vorliest. Es ist einer der beiden zentralen Begriffe des Titels eines neuen Lyrikbandes, den der 29-jährige Rostocker am Freitagabend gemeinsam mit seinem Co-Autoren Martin Badenhoop vorstellte. Abwechselnd führte Letzterer in den zweiten zentralen Begriff „Kapital“ ein.

"Die Vorhaut des Kapitals"
"Die Vorhaut des Kapitals"

Es ist auch sein Rauschebart, der beim Blick auf das Titelbild des roten Buches „Die Vorhaut des Kapitals“ unweigerlich an das Konterfei von Marx und Engels erinnert. Diese offensive Symbolik soll auch jenen Lesern die Tür zum Gedichtband öffnen, für die der erste Blick auf den Text weniger zugänglich erscheint. Was sie dann erwartet, davon konnten sich am Freitagabend gut 80 Gäste des „Hypermedialen Leseabends“ einen ersten Eindruck verschaffen und sich noch vor dem offiziellen Verkaufsstart am Montag erste Exemplare der kleinen Auflage sichern.

Martin Stegner
Martin Stegner

„Es geht um die Auswirkungen der Wirtschafts- und Gesellschaftskrise auf den Menschen“, erklärt Martin Stegner. Und so stellt „Rüdiger K., Angelpunkt einer strapazierten Weltjugend“, ein auf der Bühne mit Bildern illustrierter Dialog zwischen einer vermeintlich sozial abgehängten Nachhilfelehrerin und verwöhnten Wohlstandskindern, gleich zum Anfang der Lesung die Systemfrage.

Der Text war der erste, der für die Sammlung entstanden ist, in der sich alles mehr oder weniger um den Kapitalismus dreht. „Der Kapitalismus ist die gängige Wirtschaftsform und betrifft alle. Es klingt zwar wie eine Phrase, sie ist aber trotzdem wahr“, begründen die Autoren den Reiz des Themas, aus dem sie einen Konzeptband entwickelt haben. Mit einer Einführung – Texten, die sich mit den Hoffnungen der Menschen, ihren Beziehungen untereinander, den Einfluss der Medien, Bildung, Konsum, Religion und der Arbeitswelt sowie vielen weiteren Aspekten sensibel und aufmerksam befassen – und einem Fazit ähnelt die Struktur einer wissenschaftlichen Abhandlung. Ihr Fazit bleibt jedoch vage. Sie entspricht so der Grundtendenz des Buches, in dem Althergebrachtes infrage gestellt und nach neuem Halt gesucht wird.

Martin Badenhoop
Martin Badenhoop

Jedoch immer nur beobachtend und beschreibend, nicht (ver-) urteilend geben sie Einblick in die Gedankenwelt ihrer Protagonisten, die sich mit alltäglichen Herausforderungen auseinandersetzen und sich hier und da wie „einsame Synchronschwimmer“ fühlen oder wie Martins und Thilos Vater zuversichtlich in die Zukunft blicken. Auf diese Weise gelingt es das abstrakte, oft abschreckende Thema an den Leser heranzubringen, dem es selbst überlassen bleibt, die Texte ernst oder heiter aufzufassen, während ihm ein kreatives Feuerwerk sprachlicher Bilder und rhythmischer Zeilen um die Ohren fliegt.

Multimedialer Leseabend im PWH
Multimedialer Leseabend im PWH

Obwohl die Autoren selbst von einem Lyrikband sprechen, überschreiten einzelne Texte die Genregrenzen zum epischen, dramatischen, aber auch essayistischen. Eine Mischung, die auch bei der Lesung für Kurzweil sorgte und durch weitere optische Raffinessen, wie dem selbstironischen, fast madonnaesken Outfitwechsel Martin Badenhoops oder dem Einspielen von Filmbeiträgen, Nebel und buntem Bühnenlichtwechsel aufgemotzt wurde. „Wir sind Kinder unserer Zeit“, kommentiert Martin Stegner die Bühnenshow, die von einem großen Yen-Zeichen dominiert wird. „Man muss ja eine neue Sprache finden“, erklärt er weiter. Das unverbrauchte Symbol stehe für die asiatischen Wachstumsmärkte. Hier fließen die größten Kapitalströme, lohnen sich Investitionen, lässt sich das schnelle Geld verdienen. Dollar oder Euro der westlichen Welt mit ihren Schuldenproblemen seien hingegen obsolet geworden.

Das asiatische Währungszeichen befindet sich auch auf der Rückseite des Buches „Die Vorhaut des Kapitals“, das es ab Montag bei Weiland, in der anderen buchhandlung, bei Sequential Art im PWH und im Internet zu erwerben gibt.

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