(N)Ostalgie – Naivität oder Verharmlosung?

Das Rostocker Lokalfernsehen oder wie erinnert man sich an die DDR?

23. Juli 2010, von
DDR-Fahne
DDR-Fahne

Vor etwa 20 Jahren wurde die Deutsche Demokratische Republik abgeschafft – aus vielen guten Gründen. Aber es war ja nicht alles schlecht, werden jetzt einige einwenden, die sich noch aus eigenem Erleben an diese Zeiten erinnern.

Und das stimmt natürlich auch. Dem hartnäckigen Gerücht, in der DDR sei alles grau gewesen, muss vehement widersprochen werden. Das betraf eigentlich nur den Himmel bei schlechtem Wetter (was ja andernorts auch vorkommen soll), die Häuserfassaden und den Bildschirm des Fernsehgerätes, wenn man auf den dritten Programmplatz umstellte.

Ansonsten ging es doch recht farbenfroh im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat zu. Erinnert sei hier nur an rote Fahnen, blaue Halstücher, braune Trainingsanzüge, grüne Rechtsabbiegepfeile und das bunte Kinderfernsehprogramm mit Sandmännchen, Pittiplatsch und Co. Einige davon haben das Ende der DDR überdauert und sind auch nach zwei Jahrzehnten immer noch beliebt oder werden als nützlich erachtet. Andere wurden zu Recht in den Orkus der Geschichte versenkt und mahnen nur noch in Museen an die Ungerechtigkeiten des DDR-Systems.

Hin und wieder verirren sich jedoch auch sehr fragwürdige Zeichen aus DDR-Zeiten in den heutigen Alltag. So dürften sich diese Woche einige Zuschauer des Lokalsenders tv.rostock verdutzt die Augen gerieben haben. In der Kindersendung KIRO wurde über das WIRO-Sportfest Ende Juni berichtet – moderiert von einer jungen Dame in sportlich-brauner Trainingsjacke mit rot-gelben Seitenstreifen.

Spätestens beim ASV-Zeichen auf der Brust dürfte bei vielen Zuschauern jedoch die Erinnerung wach geworden sein. Handelt es sich bei dem Outfit der Moderatorin doch um Sportbekleidung, wie sie von der Armeesportvereinigung Vorwärts getragen wurde. Jene Sportvereinigung der Nationalen Volksarmee, die namhafte Olympiasieger hervorgebracht hatte (ob Talent und hartes Training ausreichten, bleibt noch zu hinterfragen), aber eben auch eine Organisation der Armee war, die zahlreiche Opfer zu verantworten hat.

Zum Glück ist unsere gegenwärtige Gesellschaft offen genug, sodass jeder große Freiheiten genießt, in dem, was er sagt und wie er sich kleidet. Dennoch fragt man sich schon, warum sich die Träger solcher symbolträchtiger Kleidung dafür entschieden haben. Ist es gedankenloses Folgen eines modischen Retrotrends, also eine Geschmacksfrage? Oder möchte man den Stachel wieder lockern und die DDR verharmlosen? Oder handelt es sich um eine Art Protest gegen die heutige Gesellschaftsform?

Dr. Volker Höffer, Leiter der BStU-Außenstelle Rostock
Dr. Volker Höffer, Leiter der BStU-Außenstelle Rostock

„Das Entscheidende ist, dass es sich hier um Symbole und Zeichen handelt, die für Organisationen stehen, die im Endeffekt für die Unterdrückung von Anderen verantwortlich sind. Diesen Aspekt mitzudenken, würde jedem gut anstehen“, sagt Dr. Völker Höffer, Historiker und Leiter der Außenstelle Rostock der Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU).

Ursachen für das anscheinend unreflektierte Anziehen von Symbolen der DDR-Diktatur gerade bei jungen Erwachsenen vermutet der Historiker im Schulunterricht: „In den Jahren zwischen 1990 und 2000 wurden kaum Informationen über die DDR in der Schule vermittelt.“ Für ihn ist dies ein Beleg für zu wenig differenzierte Aufklärung. „Seit drei bis vier Jahren bricht aber etwas um. Das Interesse in Schulen an der DDR-Geschichte nimmt zu“, weiß er zu berichten.

Eine klare Grenze beim Tragen von Kleidung mit DDR-Symbolen, wie bei ASV-Trainingsjacken, sieht Volker Höffer im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Aber auch Privatsender sollten sich ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung bewusst sein. Wenn eine Moderatorin einer Kindersendung eine ASV-Trainingsjacke trägt, geht davon auch ein gewisses Signal aus. Der Wirkungsmacht audiovisueller Medien sollten sich aber gerade Profis bewusst sein, da auch mit ihrer Kleiderwahl eine Meinungsentscheidung dokumentiert wird, so Volker Höffer.

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8 Kommentare

  • Matthias sagt:

    Peinlich! Schlimm genug, daß viele Jugendliche mit DDR oder CCCP-Shirts rumlaufen, die diese Zeit nie erlebt haben. Aber sowas und dann im Fernsehen?
    So naiv kann wohl niemand sein, daß er nicht weiß, was für Motive er da trägt. Wobei ich gerade überlege, ob das weniger schlimm wäre.
    Matthias

  • Gelangweilter sagt:

    Na und – heute rennen die neuen Politiniks wie Gauck und Co. rum und gehen den Leuten genauso auf den Kranz.

  • micha sagt:

    Was soll diese Hetze gegen die DDR? Machen sie sich genauso viele Gedanken bei Marken wie adidas, Nike oder Anderen die Menschen in Asien ausbeuten. Dann doch lieber eine Trainingsjacke eines Staates der gegen solche Ungerechtigkeiten eingetreten ist.

  • Erika Kleinschmidt sagt:

    Liebe Stefanie,

    ich danke Ihnen für diese Zeilen. Beruhigend, dass noch jemand hinsieht!

    Als dreifache Mutter, deren Kinder alle in der DDR aufgewachsen sind, bin ich empört über diese hoffentlich nur Gedankenlosigkeit.

    In genau diesen Trainingsanzügen standen damals auch die Ausbilder im Pflicht-Wehrlager vor meinem jüngsten Sohn und drangsalierten ihn. Jetzt stehen diese Symbole wieder vor unseren Kindern – im Fernsehen?

    Wehr- und Zivilunterricht mit geschürtem Klassenfeind-Denken, Handgranatenweitwurf mit Attrappen schon in der Schule, Erpressungen zu einer dreijährigen Unteroffizierslaufbahn, damit man studieren bzw. überhaupt erst fürs Abitur zur EOS gehen durfte – alles schon vergessen?

  • Jörg sagt:

    „im kapitalismus gibt es die ausbeutung des menschen durch den menschen. im sozialismus ist es irgendwie umgekehrt.“ ein witz, den wir uns zu ddr-zeiten erzählt haben. leise, hinter vorgehaltener hand – das ist der unterschied zu heute und auch teil der unterdrückung, von der dr. höffer hier spricht.
    micha, äpfel mit birnen zu vergleichen, führt nie zu etwas, ein unrecht mit einem anderen zu entschulden, ebenfalls nicht. nike & co. dürften aber kaum selbstschussanlagen an ihrem firmengelände stehen haben, oder?
    was mich persönlich betrifft, finde ich in einer kindersendung, wie auch bei einem kinder- oder familiensportfest jegliche militarisierung völlig fehl am platze. ohne die bundeswehr auch nur in irgendeiner weise mit der nva vergleichen zu wollen, wäre auch ein bundeswehr-outfit für mich an dieser stelle völlig deplaziert gewesen
    mit hetze gegen die ddr hat das für mich nichts zu tun. klar haben wir gelebt, geliebt und gelacht, wie wohl in jedem land, zu jeder zeit und in jedem system. nur gibt es halt einen gewaltigen unterschiede zwischen uns menschen in dem system und dem system an sich, in dem nva und grenztruppen wohl eine der tragenden säulen für die unterdrückung der eigenen leute waren

  • MM sagt:

    Da hier Meinungen hart aufeinander prallen, will ich auch garnicht zu viel dazu sagen, nur soviel:

    Ich kann und will die geschilderten persönlichen Erlebnisse nicht relativieren, nur muss man sich fragen ob es heute wirklich anders ist. Der „Druck“ ist sicherlich nicht mehr so systematisch aber mach mal einer heute Wehrdienst mit, da geht es teilweise nicht anders zu (erinnert sich jemand an die Mißhandlung von Rekruten vor ein paar Jahren?)
    Meinungen kann man heute (fast) so freizügig sagen wie man will, es interessiert schlichtweg keinen sondern geht im Rauschen unter.
    Bespitzelt werden wir heute auch, nur nicht vom Staat sondern von Firmen, Banken, Arbeitgebern. Ist das weniger schlimm?
    Um es mal von der anderen Seite zu betrachten: Wie frei ist ein Staat denn, der die Leute von „der Linken“ bespitzeln lässt?

    Man muss sich doch manchmal fragen, wo die Leute sind, die damals alles (zu Recht) kritisiert haben? Es ist ja nicht so, dass heute alles toll wäre, oder?

    Nevertheless sollte man sich bemühen im Fernsehen möglichst neutral zu erscheinen (auch wenn es IMHO eher den studentischen Kleidungsstil darlegt) aber es ist ja Privatfernsehen, von daher schreibt ihnen das ja keiner vor ;)

  • Christian sagt:

    Das System(bedingt) macht den Unterschied, da stimme ich dir zu, ‚MM‘ ;-)

    Heute musst du keinen Wehrdienst machen, Zivis gab es in der DDR nicht – Bausoldat oder Knast (zumindest bis Mitte der 80er).

    Auswüchse gibt es überall, dafür sind dann Gerichte da, so auch bei den von dir angesprochenen Mißhandlungen. Unabhängige Justiz und Rechtssprechung in der DDR? Ein Witz.

    Ob es weniger schlimm ist, von Firmen, Banken oder Arbeitgebern bespitzelt zu werden? Klar, du landest für einen politischen Witz, deine Meinung oder etwas angeborenen Freiheitsdrang nicht mal eben in Bautzen oder einem anderen Knast.

    Es ist nicht schön, was heute teilweise passiert, aber es ist doch überhaupt kein Vergleich. Und selbst wenn es das wäre, entschuldigt oder rechtfertigt es nichts! Davon abgesehen wäre das in der DDR heute alles noch viel perfider, damals gab es nur noch nicht die technischen Möglichkeiten. Schau dir nur China und die Internetzensur an und stell dir dann die DDR vor.

    Privatfernsehen oder öffentlich-rechtlich spielt m.E. keine Rolle. Im richtigen Privatfernsehen wäre das wohl auch kaum denkbar, so ein Fauxpas dürfte nur einem kleinen Provinzsender unterlaufen. Und dass dies dem Kleidungsstil eines durchschnittlichen Studenten entspricht, wage/hoffe ich mal zu bezweifeln – ich habe doch etwas mehr Vertrauen in die Jugend.

    Bei einem Ex-Angehörigen der NVA könnte ich solch eine Nostalgie vielleicht noch nachvollziehen (wenn auch nicht verstehen), aber wie man sich als junger, hoffentlich intelligenter Mensch, der diese Zeit nicht bewusst erlebt hat, damit identifizieren kann, ist mir wirklich schleierhaft.

    PS: Die Linke und deren Überwachung wären bestimmt ein Thema für sich. Aber ich würde mich auch nicht mit Jacke (gibt es die?) oder Schlapphut vor die Kamera stellen, um mich als Fan des Verfassungsschutzes zu outen. Du, wie wohl 99 von 100 anderen, auch nicht, oder? Das ist der Punkt.

  • Jeanette sagt:

    „Das Entscheidende ist, dass es sich hier um Symbole und Zeichen handelt, die für Organisationen stehen, die im Endeffekt für die Unterdrückung von Anderen verantwortlich sind.“

    Dr. Höffer bringt es auf den Punkt. Für mich daher ganz klar eine Entgleisung von Moderatorin und Sender! Punkt! Aus!

    Wundern tut es mich bei TV-Rostock aber wenig, da kann ich häufiger nur mit dem Kopf schütteln. Unter Thomas Böhm wäre das vielleicht nicht passiert, vielleicht…

    Über alles andere kann man reden. Schön, dass man das, so wie hier, kann – gut zwei Jahrzehnte früher war daran nicht zu denken und zwar nicht etwa, weil das Internet noch nicht so weit war – man vergisst so was leider viel zu schnell.

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