Volkstheater Rostock stellt halbe Spielzeit vor

Die Spartenleiter am Rostocker Volkstheater sprechen von einem „ausgereiften Skandal“, da die finanzielle Absicherung nur bis zum Ende des Jahres feststeht

9. Mai 2013, von
Die Spielzeit 2013/2014 ist am Volkstheater Rostock nur zur Hälfte abgesichert
Die Spielzeit 2013/2014 ist am Volkstheater Rostock nur zur Hälfte abgesichert

„Es ist ein Skandal, dass dieses Theater derartig auf eine Scholle gesetzt wird und jeder guckt zu, wo es hintreibt!“ Cornelia Crombholz hatte sich ihren Antritt als Schauspieldirektorin am Rostocker Volkstheater sicher anders vorgestellt. Gestern stellte sie ihren ersten Spielplan vor. Allerdings war es nicht ihr erster Entwurf. Obwohl vieles schon vor Monaten angedacht war, musste sie ihn mehrmals über Bord werfen.

Zuletzt, nachdem vor gut einem Monat der Wirtschaftsplan für dieses Jahr bestätigt wurde. „Diese Bestätigung erlaubt es uns nur, bis Ende 2013 zu handeln. Das Konzept eines Spielplans zieht sich jedoch über zwei Wirtschaftsjahre hin. Ein tragfähiger Entwurf für einen Wirtschaftsplan für 2014 existiert nicht“, erklärt Peter Leonard, der als Intendant des Rostocker Volkstheaters seine letzte Spielzeit leiten wird.

Generalmusikdirektor Florian Krumpöck
Generalmusikdirektor Florian Krumpöck

„Es ist schade, dass man sich durch so einen Skandal – deutschlandweit einzigartig – darstellen muss“, empört sich auch Generalmusikdirektor Florian Krumpöck. Wie keine andere Sparte des Hauses lebe das Konzertangebot der Norddeutschen Philharmonie Rostock von einem über Jahrzehnte gewachsenen Abonnentensystem, viel mehr als von Besuchern einzelner Konzerte. „Einige haben seit 30 Jahren ihren festen Sitzplatz. Denen müssen wir jetzt verklickern, dass sie zum ersten Mal keine komplette Saison bekommen, sondern nur eine halbe.“ Vier Philharmonische Konzerte stehen nun im Herbst auf dem Plan mit Stücken von Wagner (im Wagnerjahr), Mahler, Strawinsky, Haydn, Mendelsohn Bartholdy, Gershwin, Britten, Mozart und Bruckner. Außerdem Kammerkonzerte im Barocksaal, Classic Light Nachmittage in der Yachthafenresidenz Hohe Düne und weitere Sonderkonzerte und Projekte.

Wie andere Abteilungen auch hat der Generalmusikdirektor mit großen Planungsherausforderungen zu kämpfen. „Eine Planung für ein A-Orchester, mit einem Niveau, wie es Rostock seit Jahrzehnten genießt, ist eigentlich nur seriös mit einem Vorlauf von mindestens einem Jahr zu machen“, erläutert Peter Leonard. Bei internationalen Agenturen beträgt die Zeit in der Regel zwei bis fünf Jahre. „Es gibt tolle Leute, die gern in Rostock arbeiten würden. Aber wenn ich ein halbes Jahr vorher anrufe, haben die einfach keine Termine“, veranschaulicht Krumpöck das Rostocker Planungsdilemma.

die zukünftige Chefchoreografin Katja Taranu
die zukünftige Chefchoreografin Katja Taranu

Nicht nur bei Gästen auch bei der Einstellung von Ensemblemitgliedern drängt die Zeit. In der Tanzabteilung werden zwei Mitarbeiter das Haus verlassen. Wenn nicht gehandelt wird, bleiben drei Tänzer und fünf Tänzerinnen. Das wird dann wohl nicht ausreichen für das Kinderstück „Schneewittchen“ von Bronislav Roznos, der dann nicht mehr als Chefchoreograf, sondern als Gast inszenieren wird. Seine Nachfolgerin Katja Taranu will dem Publikum als zweite Premiere ihre eigene Choreografie „Zwanghaft-Zwanglos“ vorstellen.

Auch im Schauspiel seien die Pläne für ein ganzes Jahr behindert, denn die Engagements für die Zeit von August 2013 bis Juli 2014 hätten schon längst passieren müssen. „Die Guten sind zum Teil schon weg. Wie soll man eine Spielzeit planen, wenn man diese Mittel nicht in der Hand hat?“ fragt der Intendant.

Peter Leonard tritt seine letzte Spielzeit am Volkstheater Rostock an
Peter Leonard tritt seine letzte Spielzeit am Volkstheater Rostock an

Der Betrieb des Volkstheaters ist eng gestrickt. Mehr als 90 Prozent der Kosten sind durch langfristige Tarifverträge fixiert. Daneben gibt es den sogenannten Gäste- oder Honoraretat, mit dem Regisseure, Bühnen- und Kostümbildner sowie Gaststars in besonderen Rollen wie der Tevje in Anatevka bezahlt werden. Auch Musiker für das Orchester werden eingekauft, damit sie für ein Konzert Stellen besetzen, die seit Jahren in der Norddeutschen Philharmonie frei geblieben sind und so die Darbietung eines Werkes erst möglich machen. „Wenn man diese Positionen vollzeitig beschäftigen würde, wären die Kosten extrem höher“, erläutert Peter Leonard. Er kritisiert die Politik, die dem Haus erst weniger Mittel als bisher zubilligt, dann unter Druck und großem Aufruhr doch bereit ist, dieses Finanzloch zu schließen und dies als Mehrbedarf abbildet.

Etwas mehr als eine Million Euro benötigt das Rostocker Volkstheater für seinen Gästeetat. 500.000 Euro fehlen jedoch.

Cornelia Crombholz übernimmt für ein Jahr die Schauspieldirektion
Cornelia Crombholz übernimmt für ein Jahr die Schauspieldirektion

Cornelia Crombholz, die nach der Spielzeit 2013/14 nach Magdeburg gehen wird, hat daher kein Verständnis für Überlegungen, diesen Etat zu kürzen. Sie selbst ist vertraglich dazu angehalten, ein Stück als Regisseurin zu inszenieren. So wird sie die kommende Saison mit „Till Eulenspiegel“ eröffnen. Sie verspricht sinnliches, pralles Theater mit einer Volksfigur, die für die Lust am Leben und für eine Anarchie stehe, die bestimmte Grenzen nicht akzeptiere und neue Möglichkeiten aufstellt.

Die Schauspieldirektorin macht deutlich: „Wenn der Gästeetat gestrichen wird, wird ab dem 1. Januar 2014 nicht eine Schauspielpremiere stattfinden.“ Denn dazu müsste sie Regisseure einladen, die die Stücke mit dem Hausensemble erarbeiten. Vor allem moderne Stücke aus der angelsächsischen Literatur hat sie auf den Spielplan des ersten Halbjahres gesetzt. Mit „Tour de Farce“ und einer Theaterversion von Stephen Kings „Misery“ will sie schon im „Warnemünder Sommer“ die Kleine Komödie in Warnemünde bespielen – für die Touristen und um die Leute auf das Volkstheater neurgierig zu machen. Mit dem Sommerspektakel „Theaterfreunde zu Gast bei uns am Meer“ möchte sie Schauspieler und Musiker von Theatern in Deutschland einladen, „um Rostock auch wieder an das Bühnengeschehen deutschlandweit anzuschließen“. „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, „Harold & Maude“, für die Kinder zur Weihnachtszeit „Väterchen Frost“ und ein wanderndes Kochtheaterstück sollen ebenfalls premieren. Neu sind auch der „Küstenfunk“, das neue Nachtprogramm im Theater im Stadthafen (TiS), und die Krimireihe „Tatort Rostock“.

Die Rostocker "Fledermaus"-Inszenierung geht 2014 auf Tournee, wenn die Finanzierung steht (Foto: Dorit Gätjen)
Die Rostocker "Fledermaus"-Inszenierung geht 2014 auf Tournee, wenn die Finanzierung steht (Foto: Dorit Gätjen)

Die letzte Premiere, „Außer Kontrolle“ – eine Farce von Ray Cooney, setzt die Chefdramaturgin zum Silvesterabend an, absichtlich. Die große Frage, wo da Stück danach spielt, ist aus heutiger Sicht noch offen.

Denn die Bühne im Theater im Stadthafen steht bereits auf der Einsparliste, wie auch das Tanztheater, nachdem die Theaterleitung von der Stadtverwaltung aufgefordert wurde, ein Konzept für die Einsparung der 500.000 Euro zu entwickeln. „Das Gießkannenverfahren funktioniert nicht mehr. Damit wir überhaupt noch strukturiert arbeiten können, war uns schnell deutlich, dass wir zu einer systematischen Abschneidung von Gliedern kommen müssen, um den Rest des Körpers zu schonen“, sagt Stephan Rosinski, der kaufmännische Geschäftsführer des Volkstheaters. Aus der Verwaltung habe man nun mitgeteilt, dass man es nicht als opportun ansehe, Sparten oder Standorte zu schließen, mehr Geld wolle man dennoch nicht geben.

Die Kooperation zwischen dem Mecklenburgischen Landestheater Parchim und dem Volkstheater Rostock soll fortgesetzt werden. Wegen Planungsunsicherheiten konnten noch keine Stücke angekündigt werden. (Foto:Landestheater Parchim)
Die Kooperation zwischen dem Mecklenburgischen Landestheater Parchim und dem Volkstheater Rostock soll fortgesetzt werden. Wegen Planungsunsicherheiten konnten noch keine Stücke angekündigt werden. (Foto:Landestheater Parchim)

„Die Stadt will ein eigenständiges Theater, aber wollen sie auch ein anständiges Theater?“, fragt Peter Leonard. „Keine Fusion und keinen Abbau zu wollen und uns gleichzeitig die Mittel nicht zur Verfügung zu stellen, ist nicht fair.“

Dennoch hat der Intendant auch gute Nachrichten zu vermelden. Seit gestern verkauft das Volkstheater schon mehr Karten für die laufende Spielzeit als in der gesamten Spielzeit zuvor, in der das Große Haus durch ein Zelt ersetzt wurde. Peter Leonard wertet dies als Zeichen, „dass unser Publikum uns treu ist und unsere Leistung anerkannt wird.“

Und auch für das zweite Halbjahr im Frühjahr 2014 haben die Programmverantwortlichen der einzelnen Sparten schon vieles geplant. Denn trotz allem: „Wir leben!“ – so heißt das Motto der Spielzeit 2013/14 am Rostocker Volkstheater.

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1 Kommentar

  • Karsten Schmidt, Rostock sagt:

    Rostock hat seinen Theater-Skandal – dank der etwas ausführlicheren Berichterstattung hier – kommt man zu dem Schluß: Diese Theaterleitung ist ein Skandal. Das Volkstheater ist durch Hansestadt Rostock und Land finanziert, vielleicht nicht so auskömmlich wie bisher, aber immernhin. Ich finde es in zunehmenden Maße dreist und ein Armutszeugnis für die Theaterverantwortlichen, sich so an die Öffentlichkeit zu wagen. Lügen und Intrigen sind hier an der Tagesordnung. Schuld sind immer die anderen, wie lange wollen sich das die Rostocker Bürger noch gefallen lassen? Dass sie das Theater in dieser Art und Weise unerträglich finden, beweisen sie mit einer anderen Art der Abstimmung über selbiges: an der Theaterkasse. Andere Theater müssen auch mit kleiner werdenden Budgets zurechtkommen und präsentieren Akzeptables für die kommende Saison. Not macht erfinderisch, nur nicht in Rostock.

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