Wiener Architektur und Londoner Grün fürs Werftdreieck

Lebendig, generationsübergreifend und sehr grün soll das neue Wohnquartier am Rostocker Werftdreieck werden – die Wiro will hier gut 700 Wohnungen bauen

4. März 2016, von
Beate Niemann (Jury-Vorsitzende), Ralf Zimlich (Wiro-Chef) und Albert Wimmer (Architekt) mit dem Siegerentwurf fürs Werftdreieck (v.l.n.r)
Beate Niemann (Jury-Vorsitzende), Ralf Zimlich (Wiro-Chef) und Albert Wimmer (Architekt) mit dem Siegerentwurf fürs Werftdreieck (v.l.n.r)

Am Werftdreieck, mitten in der Hansestadt, könnte Rostocks grünstes Wohngebiet entstehen. Ein Quartier der kurzen Wege soll es werden – grün, großzügig, verkehrsberuhigt, mit hoher Lebensqualität. Die Heinkel-Mauer integriert, der Kayenmühlengraben wiederhergestellt – so soll sich das Gebiet in die Umwelt einfügen, und die Bezüge zur Nachbarschaft aufnehmen.

All das ist dem Wiener Architekturbüro Albert Wimmer und der Londoner Landschaftsarchitektin Martha Schwartz gelungen, meint die Jury des städtebaulichen Wettbewerbs. Am Mittwochabend wurde der Entwurf mit „überwältigender Einstimmigkeit des Preisgerichts“ aus 17 eingereichten Vorschlägen zum Sieger gekürt, erklärt Prof. Beate Niemann, Jury-Vorsitzende und Professorin für Städtebau und Raumplanung an der Hochschule Wismar.

„Spannend, toll“, ist Wiro-Geschäftsführer Ralf Zimlich voll des Lobes, wenn er vom Siegerentwurf spricht, mit dem auch etwas „Internationalität“ Einzug in Rostock hält. „Das muss gut werden und ich glaube, dass wir jetzt die Chance haben, das gut zu machen.“

Öffentlicher Werftpark als grüne Lunge

Ein 2,5 Hektar großer „Werftpark“ steht im Zentrum des Entwurfs der Landschaftsarchitektin Martha Schwartz. Als „grüne Lunge“ soll er zwischen der geschlossenen Bebauung an Lübecker Straße und Werftstraße entstehen. Weitläufige Grünflächen, viel Rasen, Bäume und eine Wildblumenwiese sind geplant.

Der Kayenmühlengraben soll renaturiert werden und wieder oberirdisch fließen. Die Ufer werden naturnah gestaltet, am Westufer laden Terrassen zum Flanieren und Verweilen ein. Begrünte Dächer sollen als Puffer für größere Regenmengen dienen. Neben Spielplätzen und Gemeinschaftsgärten sind auch private Mietergärten vorgesehen.

Alle Theorie ist grün? „Wenn man hier baut, baut man auch den Park mit. Das müsse in der Kalkulation drin sein“, mahnt Architekt Wimmer. Zimlich verspricht: „Wir werden Geld für diese Grünanlagen in die Hand nehmen“, man fühle sich dem Standort verpflichtet.

Städtebaulicher Entwurf fürs Werftdreieck
Städtebaulicher Entwurf fürs Werftdreieck

Wohnen am Werftdreieck

Auf dem insgesamt rund zehn Hektar großen Gelände sind in dem Entwurf 711 Wohnungen vorgesehen. Die Planer gehen von etwa 70.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche aus. Eine Kindertagesstätte ist ebenso geplant wie ein Bürgertreffpunkt. Zusätzlich soll es Einzelhandel, Dienstleistungsgewerbe und ein Ärztehaus geben.

Das höchste Gebäude sieht der Siegerentwurf mit 26,1 Metern am Platz des 17. Juni vor. In dem achtgeschossigen Bau sind Studentenwohnungen und ein Bistro geplant. Eine Etage niedriger präsentiert sich das Wiro-Kundencenter am südwestlichen Ende des Quartiers, dem neuen Hugo-Junkers-Platz. Im Zentrum sind vier- bis fünfgeschossige Wohnhäuser (jeweils incl. Erdgeschoss) mit einer Höhe von 14 bis 18 Metern vorgesehen. Zum Vergleich: Die gut 80 Meter lange Heinkel-Mauer ist 10,30 Meter hoch.

Verkehrskonzept

Wichtigstes Ziel des Entwurfs ist eine Reduzierung des Pkw-Verkehrs – sowohl innerhalb des Quartiers als auch für Fahrten ins übrige Stadtgebiet. Zwei Hochgaragen – je eine am östlichen und westlichen Ende – sollen für die benötigen Stellplätze sorgen. Sie sollen nicht nur als zusätzlicher Schallschutz dienen, sondern auf dem Dach auch Platz zum Ballspielen und Skateboarden bieten. An der Fassade könnte es einen Klettergarten und eine grüne Wand mit Vogelnistplätzen geben.

Mobilitätspunkte mit Leihrädern und Carsharing-Angeboten sollen den Verzicht aufs eigene Auto leichter machen. Insgesamt 2.060 – teilweise überdachte – Fahrradstellplätze und ein Radschnellweg entlang der Lübecker Straße schaffen optimale Bedingungen für den Radverkehr.

Eine Verlängerung der Straße „An der Kesselschmiede“ dient als Hauptzufahrt. Von der Lübecker Straße aus sind in beiden Richtungen Abbiegespuren geplant.

Werftdreieck, Visualisierung
Werftdreieck, Visualisierung

Geschichtsbewusstsein: Heinkelmauer und der Platz des 17. Juni

Das Gelände, auf dem früher Heinkel-Flugzeugwerk und Neptun-Werft beheimatet waren, ist geschichtsträchtig. „Geschichte gehört nicht verleugnet, sondern in die Gegenwart heraufgeführt“, betont Architekt Wimmer und lässt die Heinkelwand in einer Stadtloggia aufgehen.

Hinter der Mauer soll ein Stahlgerüst entstehen, in das überstehende, transparente Boxen eingehängt werden, die von den Bewohnern als Wintergarten genutzt werden können, erläutert Michael Frischauf vom Architekturbüro. Auf dem Fußweg darunter bleibt die Mauer auch für Passanten erlebbar.

Am Platz des 17. Juni und dem neuen Hugo-Junkers-Platz sollen Industriedenkmäler zur „historischen Spurensuche“ einladen. Dafür könnten auch Teile des abgebauten und eingelagerten Portalkrans Typ „Möwe“, der am Ausrüstungskai der ehemaligen Neptunwerft stand, verwendet werden, so Frischauf.

Wann geht’s los und was kostet der Spaß?

„Wenn ich’s mir wünschen kann, fangen wir morgen an“, erklärt Ralf Zimlich. Der Druck auf den Wohnungsmarkt sei einfach da, bekräftigt der Wiro-Chef und sieht das Werfdreieck als ideales Projekt, um die „Zeiten zwischen Entwurf und Baubeginn deutlich zu verkürzen“.

Etwas dürfte es allerdings noch dauern, bevor die Bagger anrollen. „Das, was wir jetzt geschafft haben, ist ‚nur‘ ein städtebauliches Konzept“, stellt Prof. Niemann klar, „aber es ist der große Entwurf, der die Rahmenbedingungen für weiterfolgende Architekturwettbewerbe festlegt“.

„Der Entwurf muss jetzt in Baurecht umgesetzt werden“, erklärt Ralph Maronde vom Amt für Stadtplanung die weiteren Schritte. Als nächstes wird der Bebauungsplan aufgestellt – er könnte noch 2016 vorliegen, den entsprechenden Aufstellungsbeschluss hat die Bürgerschaft bereits gefasst.

Was die möglichen Mietpreise betrifft, möchte sich die Wiro noch nicht festlegen, eine Spanne von 7 bis 12 Euro pro Quadratmeter sei nicht unrealistisch, so Zimlich. Ziel sei eine soziale Durchmischung, wir wollen hier „unterschiedliche Bevölkerungsschichten mit Wohnraum versorgen“, bekräftigt der Wiro-Chef.

Bürgerbeteiligung soll fortgesetzt werden

Die Wiro setzt beim Projekt Werftdreieck weiter auf die Beteiligung der Bürger. Ab Montagmittag werden alle 17 Entwürfe im Rathaus-Foyer gezeigt. Bis zum 17. März 2016 führen Studenten der Hochschule Wismar täglich um 11:30 und 16:00 Uhr durch die Ausstellung. Am letzten Tag ist auf dem Unicampus ein Bürgerdialog zum Wettbewerbsergebnis geplant.

Grafiken/Modell: Architekturbüro Albert Wimmer ZT GmbH, Landschaftsarchitekten Martha Schwartz Partners Ltd

Schlagwörter: Bauvorhaben (87)Werftdreieck (13)WIRO (55)

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2 Kommentare

  • Fiete Marlow sagt:

    Im Großen und Ganzem eine tolle Idee:
    – Autos unter der Erde/ Viel Grün (hoffentlich in Form von in Rostock kaum vorhandenen freien Spiel- und Liegewiesen, wie in Wien oder London und nicht voller Bäume wie im Lindenpark)
    – Backsteinarchitektur mit integrierter Heinkelmauer
    – Wohn- statt Bürobauten

    Ein großes ABER fiel sofort auf und wird mit Sicherheit für Unmut sorgen. Das Rostocker Verkehrs-Nadelöhr die Lübecker Straße wird durch zwei entscheidende Maßnahmen noch katastrophaler gestaltet, da:
    1- das neue Wohngebiet eine zusätzliche Ampelkreuzung als Zufahrt von der Lübecker Straße (incl. Linksabbieger vom Holbeinplatz aus kommend) zwischen Max-Eyth-Straße und Maßmannstraße) erhält. Die zusätzliche Kreuzung mit querenden Fahrspuren und ihren Ampelphasen verknappt den Verkehrsraum und erhöht im Berufsverkehr das Stauaufkommen.
    2- Es gibt es nach dem vorgestelltem Konzept keine Möglichkeit mehr für Fahrzeuge, die aus der KTV/ der Maßmannstraße kommen, entweder geradeaus Richtung Fischereihafen bzw. linksabbiegend in die Lübecker Straße zu fahren. Bewohner der KTV bzw. Nutzer der Ulmenstraße können nach der gezeigten Konzeption aus der Maßmannstraße kommend nur(!) noch nach rechts in die Lübecker Straße Richtung Am Strande einbiegen. Damit dürften sich zusätzliche Verkehrströme, welche derzeit nur die Lübecker Straße queren, in die Lübecker Straße einreihen und den Stau ebenfalls verstärken.

    Es wäre schön, wenn rostock-heute dies auf den Grafiken nur am Rand erkennbare, den Lesern mit Vergrößerungen aufzeigen könnte. Vielen Dank im Voraus …

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