Entlassung des Volkstheater-Intendanten Latchinian gekippt

Die Rostocker Bürgerschaft beschließt die Wiedereinstellung von Sewan Latchinian

13. April 2015, von
Etwa 1000 Demonstranten versammelten sich vor dem Rostocker Rathaus. Unterstützer kamen aus Halle und anderen Städten angereist.
Etwa 1000 Demonstranten versammelten sich vor dem Rostocker Rathaus. Unterstützer kamen aus Halle und anderen Städten angereist.

Erleichterung gegen 19 Uhr auf dem Neuen Markt. Vielen, die sich in den letzten Wochen für das vierspartige Volkstheater und seinen Intendanten eingesetzt haben, steht die Freude ins Gesicht geschrieben. Einige umarmen sich. Der Demomarathon, die Protestaktionen haben sich für sie gelohnt. Der Beschluss des Hauptausschusses, der die fristlose Kündigung des Volkstheater-Intendanten vorsah, wurde von der Bürgerschaft in einer außerordentlichen Sitzung gekippt. Nun soll Sewan Latchinian zu unveränderten Bedingungen wieder eingestellt werden.

Zu den Demonstranten sprach auch der ehemalige Präsident des deutschen Bundestages Wolfgang Thierse. Dieser hatte in einem Brief seinen SPD-Parteigenossen und MV-Kultusminister Mathias Brodkorb für seine Theaterpolitk kritisiert. Auch heute sprach er sich für den Erhalt der gewachsenen Theaterstruktur aus und forderte eine neue Debatte über die kulturelle Infrastruktur des Landes.
Zu den Demonstranten sprach auch der ehemalige Präsident des deutschen Bundestages Wolfgang Thierse. Dieser hatte in einem Brief seinen SPD-Parteigenossen und MV-Kultusminister Mathias Brodkorb für seine Theaterpolitk kritisiert. Auch heute sprach er sich für den Erhalt der gewachsenen Theaterstruktur aus und forderte eine neue Debatte über die kulturelle Infrastruktur des Landes.

Vor knapp zwei Wochen hatte der Beschluss des Hauptausschusses, Sewan Latchinian fristlos zu kündigen, eine Welle der Empörung ausgelöst, die weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinausschwappte. Die Entscheidung für eine Entlassung fiel allerdings mit der Stimme des Oberbürgermeisters nur denkbar knapp aus. Das Abstimmungsergebnis der Bürgerschaftsmitglieder im Hauptausschuss selbst ergab eine Pattsituation: 5:5. „Das höchste Willensbildungsorgan ist aber die Bürgerschaft. Aus diesem Grunde sollte diese wichtige Angelegenheit in der Bürgerschaft beraten werden“, begründete Dr. Sybille Bachmann das „Ansichziehen der Angelegenheit“. Dem Antrag von Linke, Grüne und Rostocker Bund folgte eine Mehrheit der anwesenden Bürgerschaftsmitglieder, womit sie den Weg zu einer erneuten Debatte über die Abberufung des Intendanten öffneten. Die Personalie selbst wurde anschließend im nichtöffentlichen Teil der Sitzung diskutiert und entschieden.

Dort sprach sich schließlich eine Mehrheit aus 29 Bürgerschaftsmitgliedern (27 wären nötig gewesen) für die Wiederbestellung von Sewan Latchinian zum künstlerischen Geschäftsführer der Volkstheater GmbH und für die Fortsetzung des Geschäftsführeranstellungsvertrages vom 12.07.2013 zu unveränderten Konditionen aus.

Als Gesellschaftervertreter wurde Oberbürgermeister Roland Methling angewiesen, Sewan Latchinian mit „sofortiger Wirkung“ wieder als Intendanten zu berufen. Doch der wird sich wohl, wie er nach der Sitzung ankündigte, die nächsten zwei Wochen noch Zeit nehmen. „Ich werde in den nächsten Tagen prüfen, inwieweit diese Entscheidung eines Widerspruches bedarf und dann werden wir weitersehen.“ Ein Widerspruch würde bedeuten, dass sich auch Gerichte und Innenministerium über Wochen hin mit der Angelegenheit beschäftigen. Das würde die Planungssicherheit des Volkstheaters belasten, das in den Vorbereitungen der neuen Spielzeit steckt, erklärt der kaufmännische Geschäftsführer Stefan Rosinski. Unklar wäre auch, ob Sewan Latchinian dann überhaupt noch zur Verfügung stünde.

Die Bürgerschaft beschließt die Angelegenheit der Intendantenkündigung an sich zu ziehen und tagt dann hinter verschlossenen Türen weiter. Das Rathaus wurde zusätzlich mit Polizeibeamten und Sicherheitspersonal gesichert. Bei der besagten Sitzung des Hauptausschusses am 31. März hatten Demonstranten kurzerhand das Rathaus besetzt.
Die Bürgerschaft beschließt die Angelegenheit der Intendantenkündigung an sich zu ziehen und tagt dann hinter verschlossenen Türen weiter. Das Rathaus wurde zusätzlich mit Polizeibeamten und Sicherheitspersonal gesichert. Bei der besagten Sitzung des Hauptausschusses am 31. März hatten Demonstranten kurzerhand das Rathaus besetzt.

Auch eine Abmahnung für Sewan Latchinian ist noch nicht vom Tisch. Die Grünen ließen die Überprüfung einer solchen in der Beschlussvorlage erfolgreich ergänzen.

Sewan Latchinian selbst ließ sich nach der Sitzung im Rathaus auf dem Neuen Markt bei den Demonstranten sehen. „Jetzt ist die wichtige Frage, wie können wir aus dieser Personalentscheidung, die heute zurückgenommen wurde – was mich sehr, sehr freut – die Kulturdebatte weiterführen, so dass unser Theater mit allen vier Sparten und allen Arbeitsplätzen erhalten werden kann. Das wird der nächste wichtige Schritt sein. Dafür darf auch ich jetzt wieder streiten. Das werden wir in angemessener Form, vielleicht auf einem neuen Niveau miteinander schaffen“, sagte er zu seinen Anhängern.

Die Frage bleibt also noch von der Bürgerschaft zu klären, wie sie mit einem Intendanten, den sie zu unveränderten Bedingen – das heißt also für die Leitung eines Vierspartentheaters – wiederangestellt hat, ihren 2+2 Spartenbeschluss umsetzen will, der die Auflösung der eigenen Tanz- und Musikensemble vorsieht.

Schlagwörter: Bürgerschaft (21)Sewan Latchinian (14)Stefan Rosinski (7)Volkstheater (246)

Das könnte dich auch interessieren:

1 Kommentar

  • Dieter Hubert sagt:

    Ich bin traurig, wenn ich sehe, wie wenige Leute aus Rostock ihr Theater als Publikum besuchen. Und ich schäme mich für Rostock, wenn ich dieses Theater ums Theater beobachte und wie man in Schwerin frohlockt. Da kann man es der Konkurrenzstadt Rostock mal wieder richtig geben, die erschwindelte Landeshauptstadt hervorkehren. Für unser Land ein Trauerspiel.

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Hiermit stimme ich der Veröffentlichung meines Kommentars sowie der Speicherung und Verarbeitung meiner Daten incl. meiner IP-Adresse gemäß der Datenschutzerklärung zu.