Historischer Moment für Astronomische Uhr - Generalprobe für 1. Januar 2018

Das Kalendarium der Astronomischen Uhr in der Rostocker Marienkirche läuft ab – jetzt wird sie mit neu berechneter Scheibe für die nächsten 133 Jahre fit gemacht

24. September 2017, von
Seit 133 Jahren können Besucher der St. Marienkirche in Rostock Daten von dieser Kalenderscheibe ablesen. Nun wird sie neu beschriftet.
Seit 133 Jahren können Besucher der St. Marienkirche in Rostock Daten von dieser Kalenderscheibe ablesen. Nun wird sie neu beschriftet.

Seit 1472 zeigt sie die Zeit an, die Astronomische Uhr in der Rostocker Marienkirche. Und nicht nur die Zeit: Tag, Wochentag, Monat, Mondphasen, Sonnenjahr sowie zahlreiche weitere astronomische Daten können auf dem technischen Meisterwerk abgelesen werden.

Als einzige astronomische Großuhr läuft sie noch heute mit ihrem ursprünglichen mittelalterlichen Uhrwerk. Doch jetzt ist die Kalenderscheibe der Uhr mit der aktuellen Beschriftung auf der letzten ihrer 133 Jahresrunden angekommen. Im November wird sie abgenommen, damit erforderliche Instandsetzungen an der hölzernen Scheibe und der eisernen Mechanik ausgeführt werden können.

Dann wird eine neue Vorsatzscheibe von 4,5 mm Dicke aus drei Schichten Birkensperrholz aufgebracht. 2009 wurde sie von Restaurator Marcus Mannewitz mit den 1994 vom Astronomen Professor Dr. Manfred Schukowski an die Stadt und Kirchgemeinde gelieferten Daten beschriftet.

Astronom Manfred Schukowski und Restaurator Marcus Mannewitz vor der Astronomischen Uhr in der Marienkirche
Astronom Manfred Schukowski und Restaurator Marcus Mannewitz vor der Astronomischen Uhr in der Marienkirche

Am frühen Nachmittag des 1. Januars 2018 soll die Uhr wieder in Gang gesetzt werden, mit der neuen Beschriftung der Kalenderscheibe für die nächsten 133 Jahre bis einschließlich 2150. Damit läutet Rostock sein Jubiläumsjahr zum 800. Stadtgeburtstag ein. Dass die Jubiläen von Stadt und Universität, die sich alle 100 Jahre wiederholen, mit einer neuen Beschriftung der Kalenderscheibe eröffnet werden, sei etwas außergewöhnliches, betont Manfred Schukowski.

Der Finanzsenator, der den Oberbürgermeister vertrat, der Rektor der Universität und die Pastorin der Marienkirche fanden sich deshalb gestern, 100 Tage vor diesem historischen Ereignis, an der Astronomischen Uhr für eine Generalprobe ein. Sie sollen am 1. Januar dabei helfen, das Uhrwerk aufzuziehen. Manfred Schukowski selbst soll dann mit seinem jüngsten Urenkel die Uhr mit den neuen Kalenderdaten um 15 Uhr wieder in Gang setzen. Gäste des Gottesdienstes, der um 14 Uhr beginnt, können den Vorgang im Inneren der Uhr durch eine Videoprojektion miterleben.

„Wir werden die neue Scheibe einfach auf die alte aufsetzen, sodass die Beschriftung von 1885 erhalten bleibt“, erläutert Restaurator Marcus Mannewitz die bis dahin anstehenden Arbeiten. Die Welle, auf der die Scheibe läuft, sei auch reparaturbedürftig. Was genau auf ihn zukommt, wisse er selbst noch nicht. Aber auch in den nächsten Jahren stehen noch einige Ausbesserungen an, wie ein Gutachten ergeben hat.

Finanzsenator Dr. Chris Müller-von Wrycz, Prof. Dr. Manfred Schukowski und Universitätsrektor Prof. Dr. Wolfgang Schareck neben der Kopie der alten Beschriftung der Kalenderscheibe
Finanzsenator Dr. Chris Müller-von Wrycz, Prof. Dr. Manfred Schukowski und Universitätsrektor Prof. Dr. Wolfgang Schareck neben der Kopie der alten Beschriftung der Kalenderscheibe

Zur Erinnerung an die alte Scheibe und als Überbrückung während der zweimonatigen Reparaturzeit, in der an der Stelle ein Loch in der Astronomischen Uhr zu sehen sein wird, steht seit gestern eine Kopie daneben. „So wird ermöglicht, dass mit beiden zusammen sämtliche Daten von 1885 bis 2150 abgelesen werden können“, erläutert Wolfgang Fehlberg von der Sondersammlung der Universität. Schließlich können so auch alle vor dem 1. Januar 2018 Geborenen immer noch den Wochentag ihres Geburtstages und andere Daten der Vergangenheit ablesen.

Es ist das fünfte Mal, dass diese Kalenderscheibe Daten erhält. Zum ersten Mal wurden sie ihr 1472/73 mitgegeben. Dann wurde sie bei ihrer Wiederherstellung und Erweiterung 1643 neu beschriftet. Damals holten sich die Rostocker die Daten von der Lübecker Marienkirche. Die reichten bis 1744. Der Rostocker Pastorensohn und Gelehrte Johann Hermann Becker hatte die notwendigen Berechnungen für weitere 133 Jahre rechtzeitig bereitgestellt. Die Kalenderscheibe lieferte nun die Angaben für den Zeitraum von 1745 bis 1877. Zum vierten Mal wurde die Scheibe aber erst 1885 im Zusammenhang mit umfangreichen anderen Arbeiten an der Uhr beschriftet. „Sie erhielt das Scheibenbild, das wir kennen und das uns durch unser Leben begleitet hat. Und nun ist es wieder soweit. Wir gehören zu den wenigen Generationen, die in ihrem Leben zwei Beschriftungen dieser Scheibe betrachten können“, erzählt Manfred Schukowski.

Die neue Beschriftung der Kalenderscheibe wartet schon in der Sakristei der Marienkirche auf ihren 133-jährigen Einsatz
Die neue Beschriftung der Kalenderscheibe wartet schon in der Sakristei der Marienkirche auf ihren 133-jährigen Einsatz

„Wir haben Wert daraufgelegt, das historische Bild der Uhr zu bewahren. Nicht nur Farbe und Duktus der Ziffern, Buchstaben und Zeichnungen wurden übernommen, sondern wir sind auch bei denselben Datenarten und dem Zeitraum von 133 Jahren geblieben. Die Datenarten sind seit 1643 unverändert an unserer Uhr.“

Der Wissenschaftler legt Wert darauf, dass der Wechsel der Daten nicht mit einem Scheibenwechsel verwechselt wird. „Die Scheibe aus astfreiem Eichenholz, die die Kalenderdaten trägt, ist seit 1472 noch immer dieselbe. Zweifel daran konnten Anfang 2017 durch eine dendrochronologische Untersuchung endgültig ausgeräumt werden.“

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