So will Rostock aus dem Corona-Lockdown

Mit mehr Corona-Tests, einer Handy-App für Handel und Gastronomie sowie einem neuen Ampelsystem will OB Madsen Rostock zur Modellregion für Lockerungen machen

23. Februar 2021, von
So will Rostock aus dem Corona-Lockdown
So will Rostock aus dem Corona-Lockdown

Einkaufen, Essen gehen, ein Theaterbesuch und den Aufstieg der Hansa-Kogge zusammen im Ostseestadion feiern. Geht es nach den Plänen von Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen (parteilos), ist all das bald wieder möglich. Rostock soll zur Modellregion für Lockerungen in der Corona-Pandemie werden.

Am Dienstagabend hat der Verwaltungschef dem Hauptausschuss der Bürgerschaft seinen Weg aus dem Corona-Lockdown vorgestellt. Konkrete Öffnungsszenarien zeigt das als „Pilot Rostock“ überschriebene Diskussions- und Arbeitspapier allerdings noch nicht auf.

Eigenverantwortung

Mehr Corona-Tests, eine Handy-App zur digitalen Kontaktverfolgung und ein neues Ampelsystem sollen die Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben in Rostock trotz Corona wieder in Gang bringen. Als Modellregion möchte die Hansestadt mögliche Öffnungen testen und diese wissenschaftlich begleiten lassen. „Wir sind Gesundheitsamt“, erklärt Madsen, dass es dabei auf die Verantwortung jedes Einzelnen ankommt.

„All diese Lockerungen funktionieren nur dann“, formuliert Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke) es lapidar, „wenn sich alle am Schlüpper reißen“. „Abstand halten und Maske auf“ sei weiterhin angesagt. „Wir haben sonst Infektionszahlen, mit denen dieser Weg auch beim besten Willen nicht mehr gangbar sein wird“, so Bockhahn. Dass auf die Eigenverantwortung nicht immer Verlass ist, hat sich allerdings erst am Wochenende gezeigt, als Abstände auf einer Veranstaltung in Warnemünde kaum eingehalten wurden.

Kostenfreie PCR-Tests für Schüler und Lehrer

„Kinder brauchen Kinder, sie brauchen Bildung und haben ein Recht auf Bildung“, betont Madsen. Um möglichst schnell in den Regelbetrieb zurückzukehren, ist ein breit angelegtes Test-Programm geplant. Alle Schüler und Lehrkräfte sollen sich zweimal wöchentlich kostenfrei auf Sars-CoV-2 testen lassen können. Begonnen wird ab nächster Woche mit den Abiturklassen, die weiteren Jahrgänge folgen später.

Die Tests werden in Zusammenarbeit mit dem Rostocker Gentechnik-Unternehmen Centogene durchgeführt. Schüler nehmen ihr Test-Kit mit nach Hause und führen den Abstrich mit ihren Eltern durch. In der Schule werden die Proben eingesammelt und ins Labor gebracht. Die Ergebnisse können innerhalb von 24 Stunden eingesehen werden. Bei positiven Tests wird automatisch das Gesundheitsamt informiert. Das Angebot ist freiwillig, soll datenschutzrechtlich geprüft und wissenschaftlich begleitet werden.

Ab morgen gibt es wieder Präsenzunterricht bis zur 6. Klasse. In Rostock sollen jedoch auch alle anderen Jahrgänge „zeitnah“ wieder zur Schule gehen können. Laut Stufenplan des Landes startet der Präsenzunterricht ab der Klassenstufe 7 am 8. März. Ob es in Rostock schneller geht, steht noch nicht fest.

Offene Läden und Restaurants dank App-basierter Kontaktverfolgung

Bei der Öffnung von Läden und Restaurants soll die für Nutzer kostenlose Luca-App helfen, die ein Berliner Start-Up zusammen mit den Rappern von den „Fantastischen Vier“ entwickelt hat. Statt manuell ausgefüllter Kontaktformulare werden die persönlichen Daten einmalig in der App eingegeben und auf Servern verschlüsselt gespeichert. Im Restaurant oder Geschäft wird nur noch ein QR-Code gescannt, die Angestellten haben keinen Zugriff auf die Daten.

Kommt es zu einer Infektion, können ausschließlich die Gesundheitsämter auf die Daten der Personen zugreifen, die zur gleichen Zeit am selben Ort waren. Die Kontaktverfolgung geht deutlich schneller, sodass potenziell Infizierte früher informiert und höhere Inzidenzwerte bewältigt werden können.

Zusätzlich sind Schnelltests vorgesehen, deren Kosten der Händler beim Kauf übernehmen kann. In der Anfangsphase soll die Kundenzahl stark beschränkt werden, etwa über eine Terminvergabe.

Das Konzept ist branchenübergreifend angelegt. Neben Geschäften und Restaurants könnten so auch Sport- und Kultureinrichtungen wieder öffnen.

Die Umsetzung hängt allerdings stark von der Bereitschaft der Rostocker ab, die Luca-App zu installieren und zu nutzen. Wer kein Smartphone besitzt, kann einen Schlüsselanhänger mit QR-Code verwenden. Luca für bestimmte Orte verpflichtend zu machen, schloss Madsen nicht aus.

Neues Ampelsystem statt 35er Inzidenz

Aktuell liegt die Sieben-Tage-Inzidenz in Rostock bei 24,9, aber „wir bleiben nicht unter 35“, geht Madsen angesichts geplanter Öffnungen und zusätzlicher Tests von steigenden Zahlen aus. Damit dann nicht gleich wieder geschlossen werden muss, möchte er Infektionsgeschehen und Gefahren mit einem neuen Ampelsystem besser einschätzen.

Neben der 7-Tage-Inzidenz sollen der R-Wert, der Anteil von Mutationen, die demografische Verteilung, die Zuordnung (Cluster vs. diffus), die Situation in den Krankenhäusern sowie die Auslastung des Gesundheitsamtes jeweils mit einem Wert zwischen 0 (entspannt) und 3 (schwierig) bewertet werden. Ab acht Punkten springt die Ampel auf Gelb, ab 15 auf Rot. Mögliche Konsequenzen lässt das Papier offen.

Fraktionen stehen hinter Madsen, Zustimmung vom Land ungewiss

„Ganz ausdrücklich“ begrüßte Sybille Bachmann (Rostocker Bund) den Weg. Für Daniel Peters (CDU) ist vor allem das Ampelsystem der „absolut richtige Schritt, um das Infektionsgeschehen genauer analysieren und die Gefahren einschätzen zu können“.

„Nur wer gar nichts macht, macht auch nichts falsch“, lobte Uwe Flachsmeyer (Grüne) die Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen. „Meine Tochter geht in die 9. Klasse und sagt ‚Ich will wieder in die Schule!‘“, so Flachsmeyer. Er versprach Madsen Rückendeckung, auch wenn es einzelne Rückschläge geben sollte.

„Als Naturwissenschaftler begrüße ich diese Vorgehensweise, gewissermaßen nach Trial-and-Error“, erklärte Wolfgang Nitzsche (Linke). Sorgen bereitete ihm eine mögliche Überlastung des Gesundheitsdienstes. „Ja, es bleiben Aufgaben liegen“, bestätigte Sozialsenator Bockhahn, etwa Gutachten für Gerichte. „Aber die notwendigsten Aufgaben werden stets und ständig erfüllt.“

Ob die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern die geplanten Lockerungen genehmigt, ist allerdings völlig ungewiss. Morgen trifft sie sich mit Vertretern von Kommunen, Wirtschaft, Gewerkschaften und Sozialverbänden per Videokonferenz zum MV-Gipfel. Ob dort bereits eine Entscheidung fällt oder die nächste Ministerpräsidentenkonferenz am 3. März abgewartet wird, steht noch nicht fest.

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6 Kommentare

  • Joe sagt:

    Wie geschmacklos, unser OB. Er hätte sich die Todeszahlen Deutschlands im jährlichen Vergleich ansehen sollen, also 2020 mit den Vorjahren, dann hätte er gesehen, dass es keine Abweichungen gab. Er hätte die schwedischen Jahreszahlen vergleichen müssen, wo es gar keinen Lockdown und keine Maskenpflicht gab, dann hätte er gesehen, dass es auch keine Abweichungen gab, bereinigt mit der wachsenden Bevölkerung und den Anstieg älterer Menschen der letzten Jahre. So hätte er schlußfolgern können, dass es keine Pandemie gibt und gab und dass Maßnahmen (in Deutschland) nichts brachten. – Mal sehen, ob der Text auch frei gegeben wird….

  • Joe sagt:

    Kommentare, in denen man öffentlich zugängliche Statistiken und Zahlen angibt, werden nicht veröffentlicht. Willkommen in der Diktatur.

  • Joe sagt:

    Vielen Dank.

  • Tob sagt:

    Da können wir ja froh sein, dass die Übersterblichkeit bei uns, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, eben nicht explodierten. Ziehen Sie doch bitte nicht nur die Statistiken zu Rate, die Ihrem Weltbild entsprechen, sondern schauen Sie nach Russland, Brasilien, UK etc.

  • Jette sagt:

    Selbst wenn es bei uns keine Übersterblichkeit gibt (was noch zu beweisen wäre), zeigt dies doch eher, wie gut die Maßnahmen gewirkt haben und dass es uns – wie Tob schreibt – eben nicht wie in anderen Ländern ergeht. Eine Pandemie definiert sich doch nicht (nur) über die Anzahl der Toten!

    Das Problem ist ein ganz anderes: Die Intensivstationen waren vielerorts am Limit und wären ohne Lockdown völlig überlastet worden, also auch keine Kapazitäten mehr für Unfälle, Herzinfarkte, Schlaganfälle etc. Dass bei einer Infektionskrankheit so viele Patienten so lange intensiv behandelt werden müssen, ist schon außergewöhnlich.

    Und wenn du die wachsende Bevölkerung und den Anstieg älterer Menschen berücksichtigst, dann bitte auch die steigende Lebenserwartung.

  • Joe sagt:

    Entschuldigen Sie bitte vielmals, ich möchte Sie in Ihrem Glauben nicht hindern.

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