Liebreiz – charmantes Haus am Doberaner Platz

Kunst am Bau: Künstlerin gestaltet Fassade und erschafft mit verspielten Motiven und leichten Farben einen Rostocker Hingucker

8. Mai 2013, von
Esther Dittmer vor dem Liebreiz am Doberaner Platz
Esther Dittmer vor dem Liebreiz am Doberaner Platz

Die Passanten haben es schon seit einiger Zeit geahnt: Hinter den Baugerüsten in der Doberaner Straße 159 entsteht etwas ganz Besonderes. „Ich wollte das schönste Haus am Doberaner Platz haben. Ich wollte etwas Witziges“, erklärt Bauherr Karl Matthes aus Warnemünde. Eigentlich sollte das über hundert Jahre alte Haus ganz klassizistisch mit Stuckelementen nach alten Fotos rekonstruiert werden. Doch dann hat er die Künstlerin und Restauratorin Esther Dittmer getroffen und ihr die Gestaltung der Fassade überlassen. „Er hatte Lust und Leichtsinn auf ein Abenteuer und wollte etwas Verrücktes“, erinnert sie sich an die anfänglichen gemeinsamen Gespräche.

Die Gestaltung wird polarisieren, darin sind sich beide einig. Dass das Haus ein wirklicher Hingucker ist, das steht heute schon fest. Seitdem es sich heute Nachmittag frisch saniert ohne Gerüste präsentiert, zieht es die Blicke der Menschen auf sich, die auf dem Doberaner Platz verweilen.

Farblich gibt es sich mit den aus der Umgebung aufgenommenen Rosa- und Beige-Grundtönen zurückhaltend, lediglich Rot und Gold wurden sparsam als Schmuckfarben eingesetzt. Und so sind es vor allem die vielen plastischen Figuren auf den Wänden, die den Betrachter zu einer visuellen Entdeckungstour einladen. Fenster, Balkon, Türen – alles wurde ins künstlerische Konzept eingebunden. Selbst der Schornstein hat eine Krone erhalten. Eine Idee, die Esther Dittmer von einer Männerrunde auf dem Platz aufgenommen hat.

„Ich setze mich mit dem Platz auseinander, mit den Leuten, mit dem Ort, dem Haus – mit allem, was da ist“, erklärt die Künstlerin ihren Ansatz, für den sie kein fertiges Konzept aus einer Schublade holt. So wurde sie zu den zwei Fahrrädern am Giebel von einem Kaffeeröster aus der Nachbarschaft angeregt, der mit seinem Drahtesel vorbei fuhr.

Kronleuchter an der Fassade des Liebreiz
Kronleuchter an der Fassade des Liebreiz

Die Stühle und der Kaffeetisch deuten auf das Geschäft im Erdgeschoss hin, das auch eine entscheidende Rolle bei der Namensgebung des Hauses spielte. „Der Schriftzug sieht so aus, als wäre er schon immer da gewesen. Aber es hat sich erst im Laufe des Baus ergeben“, erzählt die Künstlerin. Erst, als die ersten Vögel auf der Fassade herumflogen, die Hackenschuhe – ein Markenzeichen von Esther Dittmer – ihren Platz fanden und die Kronleuchter. „Die Kronleuchter natürlich“, betont die Künstlerin schmunzelnd. „Ich mache immer gern Kronleuchter. Bei mir fliegt alles und wird leicht.“ Außerdem: die guten alten Glühbirnen. Sie sind gleich zweimal vertreten. „Alles, was mir wichtig ist.“ Zunehmend gewann das Haus Charakter und ein Name musste her: „Liebreiz“. „Das ist so schön altmodisch“, findet Esther Dittmer.

Für Energie soll der Bibelspruch „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“ (Mt 6,21) sorgen. „Her mit dem schönen Leben“ ist am anderen Giebel zu lesen, wo auch zwei Werbeflächen kunstvoll eingerahmt werden.

Das Hässliche, das Lieblose und schnell Gebaute – davon galt es, sich zu distanzieren. „Wir bringen das Liebevolle, was wir doch alle brauchen, hier ein. Das kann auch ein Haus gebrauchen“, sagt die Fassadengestalterin. Und auch der Bauherr lehnt das „billig vor sich hinsanieren“ ab. „Ich möchte alles, was man macht, bewusst und mit Bedacht machen. Ich will etwas Außergewöhnliches machen.“

Das ist mit diesem Haus gelungen. „Es ist wunderschön“, freut sich Ute Storre, Inhaberin des „Liebreiz“, das Café und Modeboutique zugleich ist. „Ich bin total froh, natürlich auch darüber, dass endlich die neunmonatige Bauphase vorbei ist.“

Vielleicht gibt es demnächst ein ähnliches Schmuckstück in unmittelbarer Nähe. Denn Karl Matthes deutet an, dass er sich vorstellen könne, auch das Haus in der Wismarschen Str. 4 außergewöhnlich gestalten zu lassen.

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