„Paperfile on tour“ im Edvard-Munch-Haus

Eine etwas andere Kunstausstellung der oqbo-Galerie aus Berlin

11. April 2010, von

oqbo, paperfile im Edvard-Munch-HausDass der Berliner gern an die Ostseeküste reist, dürfte hinlänglich bekannt sein, schließlich ist dies schon seit Kaisers Zeiten so – heutzutage bevorzugt zum Baden oder zum Segeln.

Wat der Berliner kann, det kann ick ooch, muss sich da ein Schrank gedacht haben und machte sich flugs auf nach Warnemünde, an unsere schöne Ostseeküste.

So oder zumindest so ähnlich muss es sich zugetragen haben. Schließlich ist er da, der Schrank – im Edvard-Munch-Haus, mitten in Warnemünde.

Hier fand gestern Abend eine ganz besondere Kunstausstellung statt, „paperfile on tour“ der Titel. Frei übersetzt so viel wie „Kunst aus der Kiste“ oder eben „Ein Schrank auf Reisen“. Ruprecht Dreher

Was es jedoch wirklich damit auf sich hat, erklärte Ruprecht Dreher von der Berliner Galerie „oqbo“. „oqbo“ sei erst mal ein ziemlich schwer auszusprechender Name. Aha! Zusammen mit sechs weiteren Künstlern gründete Dreher „oqbo“ vor etwa zwei Jahren als Produzentengalerie.

Sie hätten damals ein günstiges Angebot angenommen, am nördlichen Ende der Brunnenstraße, in einer Gegend, die für Kunst eher untypisch sei. „Die üblichen Galerien sind dort noch nicht angekommen“, so Dreher.

„Kunst nicht nur an den Wänden zu sehen, sondern auch mal wirklich zu fühlen“ sei die Intention für das Projekt „paperfile“ gewesen. „Dieser Papierschrank dort heißt paperfile“, brachte es Dreher auf den Punkt. Ein Planschrank mit Schubladen, in denen die Werke der Künstler liegen.

Die Gäste sind eingeladen, in den Schubladen zu stöbern, die Arbeiten der Künstler zu begreifen und zu entdecken – einzige Bedingung, ein Paar weiße Handschuhe, die es dabei zu tragen gilt.

„Vorne begonnen, hinten vollendet“ - Ruprecht Dreher bei der Paperfile-Vernissage in Warnemünde Ein wenig abgeguckt hätten sie allerdings, gab Dreher zu. „Wir haben das schon mal gesehen, im Großen, in Brooklyn, in der Pierogi Gallerie“. Mit mehr als 700 Künstlern gibt es dort bereits ein richtig großes Magazin – sehr beliebt, eine Geheimadresse für Spezialisten. Kuratoren würden dort teilweise tagelang wühlen und nach Talenten Ausschau halten. „Das hat uns angeregt, vielleicht auch irgendeine Form für uns zu finden.“

Entstanden ist „paperfile“. Angefangen haben die sieben mit sich selbst, später dann Freunde eingeladen und Künstler, die sie interessierten. Alle drei bis vier Monate musste aufgestockt werden, ein Ende sei nicht in Sicht.

„Nun haben wir zum ersten Mal gesagt, wir schicken den Schrank auf Reisen. Wir fahren an Orte, wo Menschen sind, die das möglicherweise noch nicht kennen, deshalb ist das jetzt hier paperfile on tour.“ Warnemünde ist die erste Station, fügt Dreher hinzu, in gewissem Sinne auch eine Probierstation.

Ruprecht Dreher, Frank Eltner und Petra Schmidt-Dreyblatt„Greifen Sie zu, fassen Sie an und nähern Sie sich der Kunst!“ und schon hielt Dreher das erste Bild in der Hand. Eines, das anfänglich auf einer Seite bearbeitet und dann auf der Rückseite vollendet wurde. „Das sind Erfahrungen, die kann man im Rahmen oder an der Wand überhaupt nicht machen“, versuchte er die Idee zu verdeutlichen.

Was sich in den Schubladen findet? Werke von insgesamt 79 Künstlern sind mit auf die Reise nach Warnemünde gegangen. Es gibt Malerei, Zeichnungen, Collagen und derzeit auch etwa 5 Prozent Fotografien. Es gibt auch Prints, Computer-bearbeitete Vorlagen, die dann ausgedruckt werden. Eine Kunstform, die laut Dreher immer beliebter wird, die begrenzte Editionen hat, signiert wird, günstig ist, aber ebenfalls wie ein Original behandelt wird.

Petra Schmidt-Dreyblatt„paperfile on tour“ möchte jedoch nicht nur Kunstwerke auf Reisen schicken. An jeder Station sollen Arbeiten hinzukommen, von mindestens einem Künstler mit regionalem Bezug.

Dies war das Stichwort für Petra Schmidt-Dreyblatt vom Verein Edvard-Munch-Haus. Sie stellte die Künstlerin Tina Jonsbu vor. Aus Oslo, in Norwegen, schließlich sind wir hier ja im Edvard-Munch-Haus.

Tina JonsbuTina Jonsbu hat in Bergen und Oslo studiert, eigentlich Keramik. Dies sieht man teilweise auch noch an ihren Mustern, die sie aufs Papier bringt.

In Norwegen gibt es, was die Kunstausbildung betrifft, immer noch ein relativ veraltetes System, durften wir erfahren. Künstler müssen oft unterschiedliche Medien in der Ausbildung durchwandern, ob sie wollen oder nicht.

„Eine Leidenschaft für gefundene, gesuchte Sachen“ habe Jonsbu entwickelt. Papiere unterschiedlicher Kontur, Textur und Formate besetzt sie mit Zeichen. Millimeterpapier oder Karteikarten, mit Punkten, Kreisen, feinen Linien und Kreuzen versehen – eine Art textiler Struktur ist in ihren Werken erkennbar.

Petra Schmidt-Dreyblatt, Paperfile im Munch-HausDie oberste Schublade ist für die Arbeiten von Tina Jonsbu reserviert. Und sie sollen mit auf die weitere Reise gehen, in jedem Fall aber zurück nach Berlin.

Arbeiten von Jonsbu finden sich jedoch nicht nur im „paperfile“. Verschiedene Stücke sind auch im Haus ausgestellt.

In einem ebenso amüsanten wie spannenden Teil zeigt sie, wie man sich mit Schäden auseinandersetzen kann. In ihrem Atelier hatte Jonsbu seit 2002 mehrere Wasserschäden Einige dieser Blätter, die in der Ausstellung zu sehen sind, waren vom Wasser stark beschädigt.

Tina Jonsbu: MillimeterpapierJonsbu hat aus der Not eine Tugend gemacht und die Konturen des Wasserschadens mit Stiften nachgezeichnet. „Man fängt an, in diesen Linien Geschichten zu lesen“, so Petra Schmidt-Dreyblatt.

Munch-Haus, Paperfile-Ausstellung„Paperfile sei einfach eine schöne Art des intimeren Umgangs mit den Kunstwerken“, beschreibt Frank Eltner von oqbo sein Verständnis des Projektes. „Es funktioniert fantastisch. Auch die Künstler sagen, endlich findet ein Dialog statt, es kommt zum Austausch und Gespräch.“

Beim Blick zum Schrank kann man ihm nur zustimmen. Einen derart regen Austausch zwischen Künstlern und Besuchern dürfte man in einer herkömmlichen Ausstellung nur selten finden.

Ein Projekt, das sich in den unendlichen Tiefen der paperfile-Schubladen verbirgt, sei an dieser Stelle kurz erwähnt.

Es ist eine Mappe mit Bildern vom Truppenübungsplatz Dallgow-Döberitz. Marion Kreißler und Martin Conrath, der ebenfalls vor Ort war, haben über mehrere Jahre eine einzigartige Dokumentation erstellt.

Etwa 40 Mal sind sie über einen Zeitraum von vier Jahren die B5, die dieses Gebiet durchschneidet, auf- und abgefahren. Mit der Videokamera am Fenster hätten sie die Veränderungen dokumentiert. Details fotografisch festgehalten, Kontakt zu den hier stationierten Soldaten der Roten Armee aufgenommen, sich Zeitzeugen-Fotos schicken lassen und die Entwicklung des Gebietes dokumentiert.

Martin ConrathEntstanden ist ein Video, das den Vor- und Nachher-Zustand gegenüberstellt, in synchronen Bildern. Ist etwas passiert, hält der eine Kanal an, der andere läuft weiter, geht ins Gelände, ins Detail, zeigt Fotografien, historische Aufnahmen, Original-Töne – klingt wirklich sehr interessant!

Vielleicht gelingt es noch, dieses Video im Rahmen der Ausstellung vorzuführen, ansonsten gibt es im ominösen Schrank immerhin eine sehr interessante und umfassende Mappe zu diesem Projekt.

Wer jetzt Lust bekommen hat im „paperfile“ zu stöbern, kann sich während der Ausstellung über erweiterte Öffnungszeiten im Edvard-Munch-Haus freuen. Donnerstags und freitags ist zwischen 13 und 17 Uhr, am Wochenende von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Zusätzlich werden während der Ausstellungszeit Marina Achenbach (16. April, 18:30) und Volker H. Altwasser (7. Mai, 18:30) zu Lesungen ins Haus kommen. Am 13. Mai spielt dann noch der Pianist Eric Schneider Werke von Bach, Beethoven, Schumann und Liszt. Ein Besuch lohnt sich!

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